"So wagemutig wie möglich"

PK ZUR "BESETZUNG DER WISSENSCHAFTLICHEN DIREKTION
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Eike Schmidt bei seiner Vorstellung im Bundeskanzleramt.

Eike Schmidt, designierter Chef des Kunsthistorischen Museums ab 2019, über Ziele, Digitalisierung und Provokation.

Mitte 2019 wird Eike Schmidt die Nachfolge von Sabine Haag im Kunsthistorischen Museum Wien antreten. Der KURIER erreichte ihn am Telefon und bat ihn, seine Vorstellungen zu konkretisieren.

Haben Sie sich um den Posten beworben, oder wurden Sie gefragt? Eike Schmidt: Bei solchen Posten wird man, glaube ich, immer gefragt. Man muss natürlich aktiv seine Unterlagen einreichen. Es sind da immer Headhunter-Agenturen mit dabei, wie auch in diesem Fall.

Kulturminister Drozda besuchte die Eröffnung der Maria-Lassnig-Ausstellung in den Uffizien. War das ein wichtiger Termin auf dem Weg zur Bestellung?

PK ZUR "BESETZUNG DER WISSENSCHAFTLICHEN DIREKTION Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Damals war die Stelle noch gar nicht ausgeschrieben. Falls er mich gecastet hat, habe ich ganz bestimmt nichts davon gemerkt. Ich habe Minister Drozda bei der Gelegenheit kennen gelernt, habe aber mehr Zeit mit Klaus Albrecht Schröder von der Albertina bei der Hängung der Ausstellung verbracht.

Ihr Wechsel hat auch in Italien einige Diskussionen ausgelöst. Wen mussten Sie am meisten besänftigen?

Es ist natürlich schmeichelnd, dass mein Wechsel von der Presse fast so diskutiert worden ist, wie das damals der Fall war, als Maradona von Neapel wieder nach Spanien ging. Aber teilweise sprachen da dieselben Leute, die sowieso polemisch gegenüber der italienischen Museumsreform eingestellt waren. Inzwischen hat sich das gelegt. Einen Vorteil hatte die Sache – jetzt weiß jeder Italiener, was das KHM in Wien ist. In ersten Berichten hieß es noch: "Ein österreichisches Museum mit Bildern von Cranach und Dürer". Dann wurde verdeutlicht, dass es eine der allergrößten Sammlungen italienischer Kunst außerhalb Italiens und eines der größten Museen der ganzen Welt ist.

Sehen Sie beim KHM tatsächlich Bekanntheitsdefizite in der internationalen Wahrnehmung?

Ja, ganz bestimmt, das haben die italienischen Berichte jetzt wieder bestätigt. Was westliche, was europäische Kunst angeht, ist es eines der ganz, ganz großen Museen – das wird aber im Ausland noch nicht ganz so wahrgenommen. Daran zu arbeiten, ist bestimmt eine Aufgabe.

Bei Ihrer Vorstellung fiel oft das Stichwort Digitalisierung. Das Metropolitan Museum in New York hatte bis zu 75 Mitarbeiter in einem "Digital Department" – wird es das im KHM auch geben?

Bei der Digitalisierung geht es ja nicht nur darum, die Sammlungen in den virtuellen Raum zu kopieren. Viel wichtiger ist, dass man die digitale Welt in innovativer Weise nützt, Forschung und Vermittlung zusammenzubringen. Die Sachen vom Museum in die digitale Sphäre zu bringen, ist nur der allererste und letztlich unwichtigste Schritt. Aufregender ist, dass man eine globale Öffentlichkeit hat, die jetzt erst dabei ist, sich zu definieren – ganz ähnlich, wie sich im 18. Jahrhundert eine Öffentlichkeit der Gelehrsamkeit definiert hat. Da aktiv mitzumischen, ist Aufgabe der Kulturinstitutionen – der Bibliotheken, Universitäten und speziell der Museen. Denn in Museen kommen Menschen nicht, weil sie ein spezialisiertes Forschungsinteresse haben, sondern weil sie die Kunst lieben. Da anzusetzen, ist ganz wichtig.

Wie könnte das konkret aussehen?

Es gilt, für die entsprechenden Kanäle entsprechende Inhalte zu entwickeln. In Florenz haben wir etwa beschlossen, auf unserem Instagram-Account nicht einfach unsere Bilder veröffentlichen. Wir bringen Texte, die die Werke beschreiben, da steht die Kenntnis der neuesten Forschung dahinter, es ist aber keine Publikation von Fachleuten für Fachleute. Wir haben Lesungen von Gedichten in den Galerien auf Instagram weitergeführt, so dass daraus Denkanstöße entstehen. Es ist wichtig, dass man den Menschen, der so etwas auf seinem Telefon hat, inspiriert. Da kommt sowohl wissenschaftlich als auch kulturell-kreativ etwas heraus.

Wie wagemutig können und wollen Sie bei der Programmierung im KHM sein? Gerade in Sachen Sexualität und Moralvorstellungen ließe sich ja mit historischer Kunst viel erzählen.

Ich würde sagen, so wagemutig wie möglich. Man darf aber niemanden mit Provokationen verletzen und muss schon die verschiedenen Publika im Auge haben. Durch provokante Fragestellungen oder Gegenüberstellungen können natürlich Denkanstöße gegeben werden, aber es geht nicht darum, dass man einfach bloß provoziert. Es soll keine Punk-Version der Ausstellungen kommen. Aber ich bin durchaus für das Experimentelle.

Nicht nur westliche Kunst fällt in den Bereich des KHM, mit dem Weltmuseum gehört auch eine riesige Sammlung außereuropäischer Artefakte dazu. Direktor Steven Engelsman betont, die internationale Community einbinden zu wollen. Welche Priorität soll das unter Ihrer Leitung haben?

Ich denke, das ist ein ganz großer Schatz, und es ist ein gutes Timing, dass jetzt am 25. Oktober – übrigens Picassos Geburtstag – die Neueröffnung ansteht. Angesichts dessen, dass Museen Begegnungsstätten für kulturellen Austausch sein können, ist es wunderbar, dass das Weltmuseum zum KHM-Museumsverband gehört.

Weltmuseum, Theatermuseum, Kunstkammer: Erscheint es Ihnen sinnvoller, all das als eine Marke zu präsentieren, oder jedem Museum eine eigene Identität zu geben?

ITALY-ARTS-MUSEUM-UFFIZI Foto: APA/AFP/ALBERTO PIZZOLI Das Gleiche hatten wir in Florenz, da gab es ein Dutzend Museen eines "polo museale". Wir haben uns entschlossen, eine Marke, aber mit drei Untergruppen zu präsentieren – Uffizien, Palazzo Pitti und Boboli. So etwas muss man auch für Wien überlegen. Aber ich glaube, es ist gut, dass man europäische und nicht-europäische Kunst als eine Marke hat. Die Aufsplitterung wäre da sicher nicht sehr hilfreich.

Man diskutierte schon oft Bauprojekte im KHM – etwa die Überdachung der Innenhöfe oder ein unterirdisches Besucherzentrum am Platz davor. Mussten Sie versprechen, keine solchen Projekte in Angriff zu nehmen, oder ist Bauen Teil Ihrer Job-Description?

Da gibt es eine Reihe von Dingen, die zu überlegen sind – aber das war jetzt keine Priorität. So etwas muss innerhalb eines Gesamtkonzeptes geplant und finanziert sein. Da sind wir in einer besseren Situation als in Florenz, wo Bauentscheidungen schon getroffen waren, aber nie mit dem Bau begonnen wurde.

Wie ging es Ihnen in Florenz mit Sponsoren, was erwarten Sie von Wien?

In Florenz konnte ich einige Bereiche aktivieren, die zuvor nicht im Museumsbereich tätig waren, um etwa die Restaurierung des Boboli-Gartens zu finanzieren. In Wien gibt es eine Reihe von Institutionen, die alle um Sponsorengelder konkurrieren, das ist klar. Aber auch da gibt es gewiss noch Chancen. Wien hat die Möglichkeit, Schaufenster für die ganze Welt zu sein, insofern könnte es auch für internationales Corporate Sponsoring interessant sein. Aber das muss ich noch als grobe Skizze belassen.

ZUR PERSON

Eike Schmidt, 1968 in Freiburg/Breisgau geboren, übernahm 2015 als erster Nicht-Italiener die Leitung der Uffizien in Florenz. Dort erfüllt er seinen Vertrag, im zweiten Halbjahr 2019  wird er die Nachfolge von Sabine Haag an der Spitze des KHM Wien antreten.  Schmidt  dissertierte über  Elfenbeinskulpturen,  er war am J. Paul Getty Museum sowie für das Auktionshaus Sotheby’s tätig.

(kurier) Erstellt am
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