"Sisis" einziger Flirt

OELGEMAELDE: KAISERIN ELISABETH "SISI"
Foto: APA/Bernhaut/DPA APARSC02 - 04062007 - WIEN - OESTERREICH: Das Oelgemälde von Franz Xaver Winterhalter zeigt Elisabeth ("Sisi"), Kaiserin von Oesterreich und Koenigin von Ungarn mit sternfoermigen Schmuckstuecken im Haar. (undatiertes Archivbild). APA-FOTO: DPA/BERNHAUT

Eine wenig bekannte Romanze der Kaiserin.

Eigentlich hasste sie Bälle, wie Elisabeth Menschenansammlungen überhaupt zu meiden versuchte. Und doch ist uns eine – geradezu unglaublich anmutende – Ballepisode der Kaiserin überliefert. Wir schreiben den Faschingsdienstag 1874, als "Sisi" beschließt, einen Maskenball zu besuchen. Natürlich inkognito.

Die Kaiserin wirft sich in ein strahlend gelbes Dominokostüm, zieht eine rotblonde Perücke und eine schwarze Maske an, die ihr Gesicht verdeckt. Im Fiaker fährt sie, begleitet von ihrer Vorleserin Ida von Ferenczy, die ein rotes Dominokostüm trägt, zum Wiener Musikvereinssaal, in dem an diesem Abend die elegante Faschingsdienstagredoute stattfindet. Die Kaiserin wünscht, von Ida unter dem Decknamen "Gabriele" – so heißt ihre Kammerzofe – angesprochen zu werden.

Leute ansprechen

Ida und "Gabriele" nehmen in einer Loge auf der Galerie Platz und beobachten das ausgelassene Treiben im Ballsaal. Als Frau von Ferenczy gegen 23 Uhr bemerkt, dass sich die Kaiserin langweilt, schlägt sie ihr vor: "Gabriele, suche jemanden im Ballsaal aus, der dir gefällt. Ich werde ihn zu dir heraufbringen. Man muss auf einer Redoute die Leute ansprechen."Elisabeth ist von der Idee angetan, sie blickt suchend in den Saal und entscheidet sich für einen gut aussehenden jungen Mann, der am Rande der Tanzfläche alleine auf und ab geht. "Sisi" zeigt auf ihn, Ida läuft die Stiegen hinunter und fragt den Herrn unter dem Schutz ihrer Maske, ob er eine schöne Freundin von ihr, die einsam auf der Galerie sitze, ein wenig unterhalten wolle.

Ministerialbeamter

"Aber natürlich", sagt er, und schon führt der rote Domino den Mann hinauf zum gelben Domino. Der Fremde stellt sich vor, er heißt Friedrich Pacher von Theinburg und ist Ministerialbeamter."Ich bin hier in Wien ganz fremd, du musst mich orientieren", kommt Elisabeth nach kurzem Small Talk gleich zur Sache. "Kennst du die Kaiserin? Wie gefällt sie dir, was spricht man von ihr?""Ich kenne sie nur vom Sehen, wenn sie in den Prater zum Reiten fährt", erklärt der junge Mann. "Sie ist eine wunderbare, schöne Frau. Doch in der Öffentlichkeit bemängelt man, dass sie sich so ungern sehen lässt und sich allzu viel mit ihren Pferden und Hunden beschäftigt."Elisabeth amüsiert das Gespräch, sie hängt sich in Fritz Pachers Arm und geht mit ihm in den Ballsaal. Die Kaiserin will von ihrem Begleiter Herkunft, berufliche Aufgaben und vieles mehr wissen, sie sprechen über ihren Lieblingsdichter Heinrich Heine, den auch Pacher verehrt. Damit hat er die Kaiserin vollends für sich gewonnen.Wie er Elisabeths ersten Biografen Egon Caesar Conte Corti viele Jahre später wissen ließ, vermutete Friedrich Pacher sehr bald, in der unbekannten Schönen die Frau des Kaisers zu erkennen, doch verwarf er den Gedanken gleich wieder, da er ihm absurd erschien.

Musikverein Foto: KURIER/Franz Gruber Der Flirt ereignete sich im Wiener Musikverein

Zwei-Stunden-Gespräch

"Du bist sympathisch", sagt Elisabeth, "sonst sind die Menschen meist Schmeichler, du aber scheinst anders zu sein".Als sie sich nach gut zwei Stunden von ihrem Galan verabschiedet, bittet der 26-jährige Fritz Pacher die um zehn Jahre ältere, strahlend schöne Erscheinung, ihren Handschuh auszuziehen, um wenigstens ihre Hand sehen zu können. Doch "Sisi" lehnt ab: "Du wirst mich schon noch kennenlernen, aber nicht heute. Würdest du nach München oder Stuttgart kommen, wenn ich dir dort ein Rendezvous gebe? Du musst nämlich wissen, dass ich keine Heimat habe und fortwährend auf Reisen bin.""Ich komme überallhin, wohin du befiehlst!"Die Kaiserin notiert seine Adresse und verspricht, ihm zu schreiben. Pacher begleitet sie aus dem Ballsaal, führt sie zu ihrem Fiaker und Elisabeth fährt mit Ida Ferenczy ab. Nicht ohne dem Kutscher Anweisung zu geben, er möge sie auf Umwegen in die Hofburg bringen, damit ihr der Fremde nicht folgen könne.Die kleine Episode um die Ballbekanntschaft und den einzig nachweisbaren Flirt der Kaiserin ist damit noch nicht zu Ende. Eine Woche später erhält Pacher einen Brief aus München: "Lieber Freund", schreibt "Gabriele" mehr als selbstbewusst, "ich bin seit wenigen Stunden hier auf der Durchreise und benütze die kurzen Augenblicke meines Aufenthalts, Ihnen das versprochene Lebenszeichen zu geben... Mit tausend Mädchen und Frauen haben Sie gesprochen, sich auch gut zu unterhalten geglaubt, aber Ihr Geist traf nie auf die verwandte Seele. Endlich haben Sie im Traum das gefunden, was Sie jahrelang suchten, um es vielleicht wieder zu verlieren."

Eifersüchtig

Fritz Pacher antwortet augenblicklich, fragt "Gabriele", mit wem sie den Tag verbringe, ob er eifersüchtig sein müsse. Er bringt den Brief zur Hauptpost, um ihn, wie vereinbart, postlagernd zu hinterlegen. Nach zwei Tagen fragt er an und erfährt, dass das Kuvert abgeholt wurde.Während der junge Mann das Abenteuer ernst nimmt, ist es für Elisabeth, wie sie Ida von Ferenczy anvertraut, eine Mischung aus Flirt, Spiel und Neugierde. Im März desselben Jahres schickt sie ihrem Verehrer einen zweiten Brief: "Lieber Freund ..., träumst Du gerade von mir oder sendest Du sehnsuchtsvolle Lieder in die stille Nacht hinaus? Im Interesse Deiner Nachbarschaft wünsche ich das erste ... Mit herzlichen Grüßen, Gabriele."

"Sehr indiskret"

Nun schreitet Frau Ferenczy ein: Elisabeth möge die Korrespondenz sofort beenden, die Fortführung sei zu gefährlich. Zwar wurden noch einige Briefe ausgetauscht, doch dann wird der Galan zu neugierig. "Weißt Du, dass Du sehr indiskret bist", schreibt Elisabeth, "nichts weniger verlangst Du von mir als meine Biografie – langweilen würde sie Dich freilich nicht, aber dazu muss ich Dich erst besser kennen."Die Sache geht so lange gut, bis Pacher der Kaiserin in einem Brief auf den Kopf zusagt, wer sie tatsächlich ist."Die Strafe ist der völlige Abbruch der Korrespondenz", verrät Elisabeth-Biograf Conte Corti. Die Kaiserin sieht Friedrich Pacher zwar weiterhin bei ihren Praterausfahrten, "dankt etwas freundlicher für seinen Gruß als für andere, aber spricht niemals mehr mit ihm".

Eine wahre Geschichte

So unglaublich die Geschichte erscheinen mag – sie ist wahr! Elisabeths Tochter Erzherzogin Marie Valerie schildert sie aufgrund der Erzählungen ihrer Mutter, Ida von Ferenczy berichtet davon, Elisabeths Nichte Marie Gräfin Larisch erwähnt die Begebenheit in ihren Memoiren und Fritz Pacher stellte – als letzten Beweis – dem Schriftsteller Conte Corti "Gabrieles" Briefe zur Verfügung, die unzweifelhaft "Sisis" Handschrift verraten. Auch für Elisabeth-Biografin Brigitte Hamann ist "dieses Abenteuer reichlich durch Quellen belegt".

Was bleibt, ist eine außergewöhnliche Episode, die im Fasching 1874 ihren Anfang nahm und von der selbst Kaiser Franz Joseph nie erfahren haben dürfte.

(kurier) Erstellt am
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