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Kultur
07/31/2012

Silentium - Von Wolf Haas

Simon Brenner ist ein Privatermittler der besonderen Klasse, stur, eigensinnig und nicht wirklich sympathisch.

Der Brenner. Ex-Polizist, Ex-Verlobter, Ex-Detektiv – eine der großartigsten Figuren der Literatur. Simon Brenner ist ein Privatermittler der besonderen Klasse, stur, eigensinnig und nicht wirklich sympathisch. In seinem vierten, 1999 erschienenen Abenteuer "Silentium" verschlägt es ihn nach Salzburg. Auch in der Mozart-Stadt heißt es, wie in jedem Krimi dieser Reihe am Anfang: "Jetzt ist schon wieder was passiert."

Und passieren tut wahrlich so einiges in den Detektiv­romanen von Wolf Haas. Leichen gibt’s zuhauf, meist brutal und unappetitlich arrangiert, Lüge und Verrat machen vor nichts und niemandem Halt. In "Silentium" bekommen ein katholisches Knabeninternat und – wie sollte es anders sein – die Salzburger Festspiele ihr Fett weg. Wolf Haas erzählt nicht nur großartige Geschichten, schreibt nicht nur Texte voll Sarkasmus und Ironie, sondern kritisiert auch auf Teufel komm raus.

Denn so furios die Morde inszeniert werden, so spannend die Kriminalstory ist, ein Aspekt ist fast auf jeder Seite präsent: Dem Salzburger Autor, Jahrgang 1960, geht es um Sozialkritik, die er seinem Helden auf den Leib schreibt, es geht ihm um gesellschaftliche Zustände. Dass Haas diese nicht plakativ anprangert, sondern mittels Brenner’schen Humors freigibt, zeichnet die Qualität seiner Romane aus. Stilistisch schafft das der Autor mit seiner ungewöhnlichen Erzählfigur. Denn das "Ich" der Romane berichtet vom Brenner auf gewöhnungsbedürftige Weise: Dieses Ich spricht die Leserinnen und Leser direkt und manchmal grantelnd an ("Paß auf, was ich Dir sage"), erzählt so, als säße es ihnen am Wirtshaustisch gegenüber. Schwadronierend, lamentierend, auf jeden Fall herrlich umständlich, gerne ohne Verb ("Jetzt Blick des Fräuleins") erzählt es, was der Brenner alles so erlebt hat in Salzburg. Diese skurrile Vertraulichkeit zieht sich durch das ganze Buch – und man muss sie mögen, will man die Romane genießen.

Gar zu empfindlich sollte man nicht sein, werden doch in " Silentium" die Leichen oft stückweise präsentiert. Obwohl, pass auf, dadurch grandiose Szenen entstehen. Etwa, wenn einer der Schüler im Knabeninternat beim Tischfußball den eingeklemmten Ball herausholen will, tastend, suchend, und dann etwas ganz anderes erwischt: "Grüß Gott", sagt er automatisch, als groteskes Bild noch lange nachwirkend, und schüttelt die Hand. Denn eine abgetrennte Hand ist es, die er im Inneren des Fußballtischs findet.

Diese Art allerschwärzesten Humors, gekoppelt mit der gewöhnungsbedürftigen Erzählperspektive, ist sicher nicht jedermanns Sache. Den Brenner schert das nicht und seinen Schöpfer, Wolf Haas, noch weniger: Die Bücher haben eine immense Fangemeinde, auch "Silentium" wurde erfolgreich verfilmt mit dem, pass auf, Josef Hader in der Hauptrolle. Und dass die Lektüre der Bücher fast dazu zwingt, im Brenner’schen Jargon zu reden und zu schreiben, demonstriert nur einmal mehr die Meisterschaft des Autors. Denn natürlich ist diese Sprache, die scheinbar wie Beisljargon daherkommt, eine höchst artifizielle. Und eine, die tatsächlich am Gasthaus orientiert ist: Haas erklärte, dass er als Kind oft Gasthausbesuchern lauschte – seine Eltern arbeiteten in der Gastronomie. Alles verstanden habe er nicht, den besonderen Klang alkoholgelockerter Beichten aber in der Erinnerung bewahrt.

Wie dem auch sei: Brenner, praktisch Ansichtssache, nun gut, aber wer sich auf den Herrn einlässt, wird mit einem der originellsten wie scharfsinnigsten Krimis unserer Zeit belohnt.

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