Kultur
04.03.2017

Shlomit Butbul: "Meine Ehe hat sich ausgeatmet"

Das offenste Interview des Jahres: Shlomit Butbul, 52, Künstlerin und Tochter der Musikerin Jazz-Gitti, hat vor zwei Jahren ihr gesamtes Leben über den Haufen geworfen, um noch einmal neu anzufangen. Neuer Partner, neuer Wohnort, neue Gefühle. Ein sehr intimes Gespräch mit einigen unerwarteten Wendungen.

Frau Butbul, Shlomit ist ein sehr schöner Name. Wofür steht er?

Ich finde auch, dass ich einen schönen Namen habe. Ich heiße Shlomit Frieda ButbulShlomit für Friede, Frieda steht im Jüdischen für Freude und Butbul ist eine Nachtigall.

Mein Vorname ist Barbara. Er steht für „die Fremde“, naja.

Man soll ja nichts vergleichen.

Da haben Sie recht. Immerhin bietet ein außergewöhnlicher Name immer einen guten Einstieg in ein Gespräch.

Gut, aber ich glaube, mir fällt immer was ein. Die meisten sind perplex, wie offen ich auf sie zugehe. Ich will auch alles von anderen wissen: Was sie inspiriert, was sie machen und warum sie wo sind.

Heute machen wir es umgekehrt. Sie stehen demnächst mit einem Programm über die Liebe auf der Bühne und sind seit 18 Jahren verheiratet. Da dachte ich, mit Ihnen lässt es sich bestimmt gut über die Liebe plaudern.

Also, meinen Mann gibt’s jetzt nicht mehr. Ich bin eine alleinerziehende Mutter ...

Oh, das schockiert mich jetzt.

Nein, ich bin eine sehr glückliche in Scheidung Lebende.

Aber Sie haben immer davon gesprochen, dass die Familie Ihre Karriere ist?

Ja, aber meine Ehe war seit Längerem unglücklich, für beide Seiten. Ich benenne das immer so: Meine Ehe hat sich ausgeatmet. Jetzt schauen Sie ganz unglücklich. Ich weiß, es geht um die Liebe in diesem Gespräch und jetzt sind Sie unglücklich.

Es tut mir leid. Es ist nur dieser infantile Wunsch nach dauerhaftem Glück.

Wollen Sie das Interview nicht mehr führen?

Doch, natürlich!

Ich habe nämlich eine schöne Geschichte zu erzählen. Ich lebe in einer wunderschönen neuen Beziehung, die so frei ist. Sie hat nichts mit dieser Ehe zu tun, die so unglücklich war. Ich war 18 Jahre mit einem Mann verheiratet, mit dem ich drei wunderbare Kinder habe. Dieser Mann und ich haben tolle Projekte gemacht und waren darin wahnsinnig kompatibel. Aber wir haben nie etwas unternommen als Paar.

Das kommt ja öfter vor. Immerhin haben Sie gemeinsam ein Kulturcafé in Luxemburg, der Heimat Ihres Mannes, geführt.

Wir hatten 220 Veranstaltungen pro Jahr und hatten auch ein Kindercafé. Diese Projekte waren unser Elixier, wir haben ohne miteinander zu sprechen, funktioniert. Aber wir haben uns verloren. 2009 habe ich erstmals verbalisiert, dass es für mich vielleicht nicht mehr richtig ist. Ich habe für die Kinder noch durchgehalten bis Anfang 2016 und dann entschieden: Ich habe wirklich genug gelitten. Mein Exmann war auch nicht mehr glücklich. Aber jetzt lassen Sie mich die schöne Geschichte erzählen.

Vom neuen Mann.

Genau. 2009 hat mir mein Ex-Mann, weil ich immer Musikprojekte gemacht und für 2010 eine CD geplant habe, einen Musiker vorgestellt. Er meinte, es gebe da einen Luxemburger Percussionisten, mit dem er mich gerne bekanntmachen würde – und dieser Mensch ist was ganz Besonderes. Er ist wahnsinnig spirituell, nicht esoterisch bitte! Es geht darum, sich gegenseitig Freiraum zu geben, was damals noch kein Thema war. Aber wir hatten eine Verbindung zueinander und immer, wenn er in Luxemburg war, hat er einen Tag mit mir und den Kindern verbracht.

Sie sind 2014 mit Ihrem Mann und den Kindern aus Luxemburg weg nach Eisenstadt gezogen. Wie hielt der Kontakt?

Der Percussionist lebt in New York und schrieb mir im April 2016: „Wie geht es dir?“ Ich hatte ihm vorher immer wieder gesagt, dass ich unglücklich bin, aber er ist nie darauf eingestiegen. In der Mail hat er mir damals zugeredet: „Das wird schon wieder.“ Ich hab ihm dann klipp und klar gesagt: „Nein, das ist gegessen. Es ist vorbei.“ Und zwischen uns hat es so was gefunkt wie noch nie in meinem ganzen Leben. Das ist so eine selbstlose, wunderschöne Liebe geworden.

Zwischen N. Y. und Eisenstadt.

Zwischen New York und Eisenstadt. Er liegt jetzt gerade in Eisenstadt im Bett und ist krank. Sonst hätte ich ihn mitgebracht.

Er ist zu Besuch?

Wir sehen uns im Schnitt alle vier Wochen für ein bis zwei Wochen. Er ist ja Musiker und spielt oft in Europa. Wir hören uns jeden Tag. Leute fragen mich: „Wie ist euer Alltag?“ Unser Alltag ist, dass wir jeden Tag über Skype reden. So gesehen haben wir einen sehr intensiven Alltag.

Ihre Kinder sind minderjährig. Wie haben sie die Veränderung aufgenommen?

Schau, wenn man Kinder hat, fände ich es massiv unfair, sofort einen neuen Mann hinzusetzen, zumal er wie gesagt, kein neuer Mann ist. Aber die Kinder müssen sich jetzt erst mal auf mich eingrooven. Man muss wissen: Ich habe die Kinder erzogen, von morgens bis abends. Das hat nie mein Exmann gemacht. Ich bin alleinerziehende Mama, führe eine Fernbeziehung und bin sehr glücklich mit diesem Mann an meiner Seite – glücklich wie noch nie.

Und wo ist Ihr Mann geblieben?

Mein Mann hat sich in eine Eisenstädterin verliebt und lebt mit ihr zusammen.

Das klingt wie im Film. Man trennt sich, fängt einfach ein neues Leben an.

Man muss schon wissen, dass jahrelang nichts passiert ist. Es hat gestockt, bis zu dem Moment, als ich zu meinem Mann gesagt habe: „Hör zu, wir gehen jetzt in eine andere Richtung.“

Das hat Ihr Mann so einfach geschluckt?

Meine Ehe war sehr unglücklich, in jeder Form – in emotionaler, in mentaler, in körperlicher. Das Arge ist, dass die meisten das nicht aussprechen.

Immer, wenn es um Körperlichkeiten geht, heißt es: Stopp! Da wird nicht drüber geredet. Ich glaube, dass jede Beziehung ihre Höhen und Tiefen hat – ihre Stillstände in der Kommunikation und in der Körperlichkeit. Das ist ganz normal.

Diese Feststellung wäre doch eher ein Grund, zu kämpfen.

Wenn du nie eine Zweisamkeit gehabt und abgecheckt hast, wie funktioniert der andere, und wenn du diese Freiheit nicht in dir hast, dass du den anderen nimmst, wie er ist – wenn du das nicht gelernt hast, kannst du diese Hürden nicht überbrücken. Mein Exmann hat mir über Monate gesagt: „Du ich liebe dich nicht, wir fokussieren eine Wohngemeinschaft an.“ Ich habe geschrien, ich habe geweint, ich habe gekotzt, ich war gemein – und er hat sich nicht bewegt. Er hat sich am Computer festgehalten, das war sein Alltag. Ich will das nicht bewerten, aber er hatte nicht den Mut, zu sagen, es ist vorbei.

Hat Ihre gescheiterte Ehe nichts am Wunsch geändert, ein Programm über die Liebe zu machen? Es trägt auch noch den Namen eines berühmten Liebesgedichts: „Es ist, was es ist – Liebestöne nach Erich Fried.“

Im Gegenteil, das ist doch genau das Thema. Seit zwölf Jahren will ich dieses Programm und diese Texte machen: „An Dich denken, und ganz Dich denken, und an das Dich-Trinken denken, und an das Dich-Lieben denken, und an das Hoffen denken, und hoffen, und hoffen, und immer mehr hoffen auf das Dich-immer-Wiedersehen.“

Das tut der Seele gut. Bitte noch eine kleine Kostprobe.

„Ich liebe Dich, nicht darum, weil Du so bist, sondern weil ich so bin, wenn ich bei Dir sein kann.“ Alles, was ich da erzähle, hat in dem Moment zu leben begonnen, als es im wirklichen Leben stattgefunden hat. Davor war ich auf der Suche, auch nach Leuten, die das mit mir machen. Erst als Jérôme in mein Leben kam, hat sich alles geöffnet. Ich weiß nicht, ob das morgen noch hält oder in einem Jahr. Ich weiß nur, es ist richtig und wunderschön.

Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber ist es nicht so, dass wir in der Liebe alle dem „Zauber des Anfangs“ erliegen?

Glauben Sie, Sie können das annehmen, dass ich nicht verliebt bin? Glauben Sie, Sie können einen Weg finden, zu verstehen, dass das was anderes ist? Ich verstehe schon, was diese Verliebtheit heißt. Es ist richtig, es ist eine Form von Verliebtheit, aber es ist was anderes. Es ist alles so klar, klar, dass wir in verschiedenen Welten leben. Ich bin extra nach New York gefahren, weil ich wissen wollte, warum dieser Mann dort lebt. Er hat keine Kinder, war nie verheiratet, aber er ist wahnsinnig kompatibel für jede Form von Beziehung. Es gibt so viele Formen von Liebe und Beziehung.

Wie ist eigentlich Ihre Beziehung zu Jazz-Gitti, Ihrer Mutter?

Schau, ich liebe meine Mutter abgöttisch. Aber was ist, wenn meine Mutter jetzt stirbt, Gott behüte? Zwischen meiner Mutter und mir ist alles gesprochen, wir wissen von unserer Liebe. Wenn meine Mutter jetzt gehen müsste, dann würde das wahnsinnig wehtun, aber ich muss sie fliegen lassen. Ich will sie fliegen lassen. Wir sind Geschenke, alles ist ein Geschenk.

Das klingt nach: „Es war nicht immer konfliktfrei, aber jetzt ist es so“.

Das war meine Arbeit prinzipiell und meine Mutter hat sich darauf eingelassen. Das finde ich großartig. Ich glaube einfach, bei uns ist die Liebe stärker. Die wirkliche Liebe ist die freie Liebe. Ich war auch einmal anderer Meinung und bin es manchmal noch. Natürlich vermisse ich Jérôme, wenn er nicht da ist. Aber er ist ja da, ich brauche nur in mich hineinzuhören. Er schreibt mir oft in dem Moment, wenn ich im auch gerade schreiben will. Auch, wenn zwischen uns 6000 Kilometer liegen. Für nichtspirituelle Menschen klingt das jetzt sehr esoterisch, aber ich glaube daran.

Sie haben einen Kulturverein in Eisenstadt gegründet. Auch da kümmern Sie sich um „spirituelle Anliegen“. Was darf man darunter verstehen?

In erster Linie bieten wir Workshops im Bereich Schauspiel und Gesang an. Und dann unterstütze ich Jérôme, der auch Coach der Sedona-Methode ist. Dabei geht es darum, Blockaden zu lösen. Ich bin ein Melting-Pot.

Blockaden zu lösen scheint das Thema von fast jedem Menschen zu sein. Wie machen Sie’s?

Das ist ganz einfach: Ich frage mich, was spüre ich? Was kommt in mir hoch? Das ist ein Prozess und den mache ich natürlich mit Hilfe.

Loslassen ist ja auch so ein großes Thema unserer Zeit. Leider funktioniert es nur so schlecht.

Ich kann es auch nicht immer. Wir identifizieren uns wahnsinnig oft mit Gedanken und Gefühlen, die hochkommen. Aber Gedanken und Gefühle belügen uns häufig. Angenommen, Sie geben mir einen falschen Blick, dann fängt meine Gedankenwelt schon an zu arbeiten – und das vereinnahmt mich. Aber Sie können mich auch in gewisser Weise angeschaut haben, weil Sie unsicher sind. Das muss nichts mit mir zu tun haben. Von diesen Dingen löse ich mich jetzt. Und dieses Loslassen ermöglicht meinem Gegenüber immer mehr Freiheit.

Was hat Ihr Mann eigentlich dazu gesagt, dass er Ihnen seinen Nachfolger selbst vorgestellt hat?

Das war witzig. Mein Exmann hat mir zuerst erzählt, dass er jemanden kennengelernt hat. Das war sieben Monate nachdem wir uns entschlossen haben, getrennt zu leben. Da wollte ich es ihm fairerweise auch sagen. Als ich ihm erzählt habe, dass es ein Freund der Familie ist, waren seine Worte: „Das finde ich schön, weil ihr habt’s immer ein Band gehabt.

So viel Harmonie am Ende einer Ehe ist wirklich bewundernswert.

Natürlich gibt es auch Unstimmigkeiten mit meinem Exmann, weil es bei einer Scheidung auch immer um finanzielle Dinge geht. Aber prinzipiell, glaube ich, ist er glücklich, dass es den Jérôme in meinem Leben gibt.

Wissen Sie, was mir während der Recherche zu Ihnen aufgefallen ist? Sie sehen auf vielen Fotos anders aus.

Sagt Ihnen die Hallucination Company was?

Die Musikgruppe meinen Sie? Ja.

Der Vickerl Adam (Anm.: der Frontman) hat immer gesagt: Jö schau, da kommt die Shlomit, die Frau mit den 365 Gesichtern.

Frau Butbul, jetzt haben wir so lange über die Liebe gesprochen: Was ist Liebe?

Liebe ist Freiheit. Wenn eine Liebe frei sein kann, gehen wir in eine andere Dimension. Liebe ist selbstlos. Ist sie das nicht, ist sie unfrei und das hat nichts mit Liebe zu tun. Freiheit ist auch Friede und mein Ziel im Leben war immer Friede und der beinhaltet die Liebe. Das ist alles eines.

Offenbar kein Zufall, dass Sie Frieda heißen.

Wahrscheinlich.

Shlomit Butbul, 51, wurde 1965 in Haifa, Israel, geboren und war sechs, als sie mit ihrer Mutter, der späteren Jazz-Gitti, nach Wien kam. Nachdem sie zwischen 1982 und 1984 erneut in Israel lebte, kehrte sie nach Wien zurück und absolvierte das Konservatorium der Stadt Wien mit Auszeichnung. Sie veröffentlichte mehrere Solo-CDs und spielte an namhaften Theatern. 1999 zog sie mit ihrem Mann Paul nach Luxemburg und wurde Mutter von drei Kindern. Daneben führte sie ein bekanntes Kulturcafé und kehrte 2014 nach Österreich zurück. Butbul lebt in Scheidung und lebt mit ihren Kindern in Eisenstadt. Am 12. März hat ihr Programm „Es ist, was es ist – Liebestöne nach Erich Fried“ im Odeon Premiere (gemeinsam mit Tanja Golden).

Info: „Es ist, was es ist“ – eine theatralische Interpretation von Fried-Gedichten ab 12. März (13., 14., 27., 28. März, 3., 4., 23., 24., 30. April und 1. Mai) im Wiener Odeon. Tickets: karten @odeon.at und www.odeon-theater.at Tel: 01/216 51 27