Kultur 30.12.2011

Sherlock Holmes schockierendster Fall

Der beste Sherlock-Holmes-Krimi seit Conan Doyle lässt nichts aus. Nicht einmal vergiftetes Badesalz – mit Lavendelgeruch. Uns kann das nur recht sein.

Im Altersheim sitzt Dr. Watson. Es ist das Jahr 1910. Einige Monate vorher starb Sherlock Holmes, und der einstige Gefährte sehnt sich danach, dass auch ihn der große Schatten überfällt und er wieder bei seinem Meister ist.

Er nimmt die Feder und erinnert sich, ein letztes Mal: "Das Geheimnis des weißen Bandes" ist der schockierendste Fall der gemeinsamen Karriere. Sherlock Holmes war deswegen sogar unter Mordverdacht im berüchtigten Zuchthaus von Holloway. Noch dazu auf der Krankenstation, wegen des Arsens in der Fleischsuppe. Im "Seidenhaus", wo die Handlung ihren Höhepunkt erreicht, kommen hohe und höhere Persönlichkeiten und so weiter und so fort.

Schwere Teppiche. Kamin. Klavier. Papagei. Orangenbäumchen. Kurz vergisst man, dass wir uns im viktorianischen London (1890) befinden.

Aber kehren wir in die sogenannte Realität zurück, in der es nicht einmal mehr einen Max Edelbacher vom Wiener Sicherheitsbüro gibt.

Inspektor Barnaby

Anthony Horowitz: "Das Geheimnis des weißen Bandes", Übers. von Lutz W.-Wolff Insel. 20,60 €.
© Bild: Insel

84 Jahre nach dem letzten von Sir Arthur Conan Doyle verfassten Krimi ("Shoscombe Old Place") findet das geradezu überperfekte Comeback Sherlock Holmes’ statt. Nicht im Kino. Dort ist die Figur, wie im KURIER zu lesen war, zu Krach & Bumm verkommen. Im Buch ist alles viel, viel besser. Die Erben suchten sich Anthony Horowitz als Autor aus.

Vielleicht sitzen dort Fans der TV-Serie "Inspektor Barnaby", für die Horowitz Drehbücher geschrieben hat. Der 54-Jährige aus Stanmore in Middlesex nahm den Auftrag sehr ernst. Er hat in den Roman gleich mehrere Krimis verpackt.

Fassen wir zusammen, ohne einen Verrat zu begehen: Kunsthandel. Bande mit den grünen Mützen. Amerikanerin. Gebrochene Arme und Beine. Durchgeschnittene Kehle. Schule für die Armen. Opiumhöhle. Wahrsagerin mit Turban. Giftiges Badesalz mit Lavendelgeruch. Kutschen-Jagd. Ein bisschen Charles Dickens mit bettelnden Straßenkindern ist auch dabei, und bestimmt könnte einer wie Horowitz leicht das Buch zu viel mehr Dickens umgestalten; mit nur einem Schuss Conan Doyle ...

Nie wird bei ihm darauf vergessen, dass es bei Sherlock Holmes vor allem ums (nachvollziehbare) Kombinieren geht. Sie drehen einen unsichtbaren Gegenstand mit der Hand?
Ha! Sie sind ein Spieler und stehen oft am Würfeltisch!

Sie lesen Flauberts Briefe an George Sand im französischem Original?
Ha! Sie kommen aus besseren Kreisen – auch wenn Sie, mit Verlaub, zurzeit wie ein Sandler aussehen.

Aber die Liebe zu Flaubert, die sollte Sie keineswegs daran hindern, auch diesen Horowitz-Sherlock Holmes zu lesen.

Große Überraschung.

Beste Unterhaltung.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Hannelore Valencak – "Das Fenster zum Sommer"

Hannelore Valencak: "Das Fenster zum Sommer" Residenz Verlag. 256 Seiten. 19,90 Euro.
© Bild: Residenz Verlag

Die beklemmende Welt eines Frauenlebens in einer österreichischen Kleinstadt in den frühen Sechzigern.

Man trägt Dauerwelle, es riecht überall nach angebrannten Erdäpfeln. Rock ’n’ Roll findet hier nicht statt. Raus kommst du nur, wenn du heiratest.

Im Büro hört man nur die Kaugeräusche der Kollegin mit den entzündeten Augen und dem plumpen Gang. Freude nach der Arbeit bereitet höchstens ein Besuch in der Konditorei. Man wohnt bei der Tante, schläft im Kabinett, die Nachbarin kommt mit Tratsch über die Unverheiratete von der Vierer-Stiege. Es riecht nach Spiritus und Mottenkugeln, nach Kampfer und ranzigem Leinenöl, nach geronnener Milch.

Dem allen glaubt sich Ursula entflohen. Sie hat Joachim geheiratet, ist in einen anderen Stadtteil gezogen, hat ihre Stelle im Übersetzungsbüro gekündigt. Sie hat „ Ein Fenster zum Sommer “ geöffnet.

Dann wacht sie auf, und alles ist fort. Sie liegt wieder im Kabinett bei der Tante, wo es ranzig riecht. Die Welt hat einen Zeitsprung nach hinten gemacht, es ist nicht mehr der Junimorgen, an dem sie mit Joachim zur Hochzeitsreise in die Camargue aufbrechen wollte.

Es ist wieder der siebente Februar. Sie ist in ihrem alten, abgelegten Leben zurück. Sie zieht sich an, bindet einen blauen Schal um, den sie Monate später verloren hat, trifft an der Bushaltestelle eine Kollegin, die Monate später gestorben ist.

Joachim erkennt sie am Telefon nicht, sie hat ihn im Februar, den sie jetzt wieder erleben muss, noch nicht getroffen. Sie will ihn wieder kennenlernen, später wird sie die Straßenbahn, in der sie ihn traf, versäumen.

Absurder Scherz Hannelore Valencaks sprachlich perfekter Roman ist ebenso tadellos konstruiert. Die unheimliche

Geschichte des Ankämpfens gegen den absurden Scherz, den sich die Zeit mit ihr erlaubt, erinnert an Marlen Haushofers "Wand".

Auch der Ton, mit dem Valencaks Frauen nicht hinnehmen, was ihnen das Leben zumutet, erinnert an ihre Zeitgenössin.

Und Valencak hat, wie auch Haushofer (1920– 1970), neben ihren Romanen Jugendbücher geschrieben. Dunkel, geheimnisvoll, nüchtern im Ton.

Die 1929 in Donawitz in der Steiermark geborene Physikerin Valencak arbeitete in einem Stahlwerk, ab 1975 hauptberuflich als Schriftstellerin. Sie starb 2004 in Wien und muss unbedingt wiederentdeckt werden.

Barbara Mader

KURIER-Wertung: ***** von *****

( Kurier ) Erstellt am 30.12.2011