Kultur 05.12.2011

Serbien als Land "im Dazwischen"

Stefan Arsenijevic präsentiert in Wien seine Tragikomödie "Liebe und andere Verbrechen". Der Regisseur im Interview über Belgrad, Kusturica und Naked Lunch.

In seinem Spielfilmdebüt "Liebe und andere Verbrechen" erzählt der junge serbische Regisseur Stefan Arsenijevic eine tragikomische Liebesgeschichte im Belgrader Stadtteil Novi Beograd. Am 25. März wird der auch mit österreichischen Mitteln produzierte Film im Wiener Gartenbaukino als Special Screening gezeigt. Denn die Tragikomödie erscheint demnächst als DVD (bei Filmladen). KURIER.at hat dazu mit dem Regisseur ein Interview geführt. Der 33-Jährige erklärt, warum auch eine Betonwüste heimatliche Gefühle bieten kann, wie es ist, Emir Kusturica als Nachbarn zu haben und welchen Streich sich die Kärntner von Naked Lunch (die Band hat die Filmmusik beigesteuert) erlaubt haben. Mehr Infos über den Film im "Hintergrund".

KURIER.at: Wie stark ist ihre persönliche Beziehung zu Novi Beograd ( Neu-Belgrad)? Warum haben Sie sich dazu entschieden, einen Film gerade über diesen Stadtteil zu machen?

Stefan Arsenijevic: Ich habe den Großteil meines bisherigen Lebens dort verbracht, Kindheit, Jugend. Sogar die Filmakademie, an der ich graduiert habe und wo ich jetzt arbeite, ist in Novi Beograd. Es ist jener Teil der Welt, den ich am besten kenne, also schien es mir auch der beste Schauplatz für meinen ersten Spielfilm zu sein.
Viele Belgrader mögen es nicht. Es sind diese Betonbauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, um eine futuristische kommunistische Stadt zu schaffen. Viele finden es befremdlich dort. Aber wenn man dort aufgewachsen ist, fühlt es sich warm an, es ist dann wie Heimat, weil man die Leute dort kennt. Das ist das Gefühl, das ich in meinem Film vermitteln wollte.
Wie auch im Film erzählt wird, befindet sich Neu-Belgrad gerade in dramatischen Veränderungen. Schon während des Drehens war mir bewusst, dass es der letzte Film sein dürfte, der das Neu-Belgrad einfängt, in dem ich aufgewachsen bin. Zwischen diesen monumentalen sozialistischen Betonbauten erscheint nun andere Architektur: "Hypermarkets" und moderne Glasbauten. Das Big Business zieht jetzt dort ein. Viele Locations, die wir im Film benützt haben, gibt es so gar nicht mehr. Das Lokal etwa, in dem Stanislavs Mutter als Sängerin auftritt, ist jetzt ein hipper Kosmetik-Shop.

Wie sind diese sehr unterschiedlichen Charaktere in Ihrem Kopf entstanden? Gibt es reale Situationen, die sie dazu inspirierten diese Geschichte zu schreiben?
Es war tatsächlich eine wahre Situation, aus der die Haupthandlung entstanden ist. Eine Enddreißigerin, die als Geldkurier tätig war, schnappte sich eines Tages einfach das Geld, packte ihre Koffer und verließ Serbien für immer. Das hat mich ziemlich beeindruckt. Daher stellte ich mir ein paar Fragen: Wie war ihre Lebenssituation, als sie es tat? Wieviel Mut hat es gebraucht? Wie war ihr letzter Tag, als sie ihre Freunde das letzte Mal gesehen hat? Sie konnte ja vor der Flucht nicht aufrichtig sein und "Good Bye" sagen… Und da ich Love Stories mag, fragte ich mich: Was wäre, wenn sie an diesem speziellen Tag auch noch ihre große Liebe entdeckt hätte? So ist der Film entstanden.
Die Charaktere sind stark inspiriert von den Menschen, die ich in meiner Kindheit kennen gelernt habe. Aber jede Figur ist aus mehreren realen Menschen und Anekdoten zusammengesetzt. Daher glaube ich, dass in jeder Figur ein bestimmter Teil von mir steckt.

Manche der Figuren, nicht nur Ivana, scheinen Schwierigkeiten zu haben, ihre Gefühle auszudrücken. Wie wichtig war es für Sie, es dem Publikum zu überlassen, das Puzzle zusammenzusetzen?
Ich wollte mit dem Publikum spielen, es soll das Mosaik der Story selbst zusammensetzen. Aber ich gebe ihm nicht alle Einzelteile. Ich mag es überhaupt nicht, wenn einem Regisseure alles erzählen wollen. Ich hatte auch äußerst interessante Publikumsgespräche auf Festivals. Leute, die gerade den selben Film gesehen haben, hatten total unterschiedliche Gefühle und Interpretationen zu den Charakteren und zur Handlung. Es ist wie eine Art Spiegel. Ein Spiegel, der einen mit archetypischen Fragen konfrontiert.

"Ein Traum ist wahr geworden"

Der junge serbische Regisseur Stefan Arsenijevic ist in Neu-Belgrad aufgewachsen. Dort ist auch sein Debütspielfilm angesiedelt.
© Bild: epa

Anica Dobra ist in Deutschland ein Fernsehstar, sie macht aber auch Off-Mainstream-Produktionen in Serbien. Wie wichtig war sie für den Film?
In Serbien ist Anica eine Ikone, sie sucht sich ihre Filmrollen aber sehr sorgfältig aus. Ich hab die Hauptrolle für sie geschrieben und, ehrlich gesagt, ich hätte nicht weiter gewusst, wenn sie mir abgesagt hätte. Sie ist eine faszinierende Schauspielerin und hat einen tollen Charakter. Mit ihr zu arbeiten war ein Traum, der wahr geworden ist.

Im Film entpuppt sich Anica als eine Frau, die nach Unabhängigkeit strebt. War es Ihnen wichtig, eine Frau zu zeigen, die in einem von Männern dominierten Mikrokosmos ihren Weg macht?
Wow, das klingt ja, als ob ich ein großer Vorkämpfer des Feminismus wäre! Die Wahrheit ist, ich kann mich eher für den Postfeminismus erwärmen. Gender ist kein Thema für mich. Es könnte genauso ein Mann sein, der das durchzieht. Eines ist klar: Es ist interessanter, dass eine Frau das Geld stiehlt und abhaut. Aber was mich dabei am meisten interessiert hat, ist: Was ist der Preis, seinen eigenen Weg zu gehen? Unter welchen Voraussetzungen kann etwas wie "Glück" tatsächlich existieren? Und am wichtigsten: Kann man wirklich an die Liebe glauben? Auf all diese Fragen müssen die Charaktere im Film ihre eigenen Antworten finden.

Dafür, dass es eigentlich um ziemlich ernste Themen geht, hat der Film einen speziellen Humor. Und: Er ist voll von sehr einprägsamen Bildern. Inwieweit haben die Filme von Emir Kusturica ihre Arbeit beeinflusst?
Der Humor kommt eher von dem speziellen Temperament und Einfühlungsvermögen, dass wir in Serbien haben. Gerade in den dunkelsten Momenten neigen wir dazu, lustig zu sein. Auch wenn sich das schizophren anhört - ich finde es normal und auch gesund. Das hält alles in Balance.
Kusturica ist hier klarerweise eine riesenhafte Figur im Filmschaffen, der man schwer entkommen kann. Ich bewundere seine Arbeit, er ist ohne Zweifel ein Genie. Aber ich sehe meine Arbeit nicht in seiner Nachfolge.
Aber es gibt da eine lustige Sache in Bezug auf Kusturica: Vor ein paar Jahren zog er nach Mokra Gora, ein kleines Dorf, aus dem meine Familie stammt. Deshalb sage ich jetzt immer wieder im Scherz: Es ist anscheinend mein Schicksal, dass ich nicht einmal in meinem eigenen, kleinen Dorf der beste Filmregisseur sein kann (lacht). Ich finde es freilich toll, in solcher Nachbarschaft zu sein, wenn ich meine Großeltern besuche. Aber was das Filmen betrifft, gehe ich meinen eigenen Weg.

Wie ist zurzeit die Situation für Filmemacher in Serbien? Wie wichtig sind länderübergreifende Produktionen, zum Beispiel mit Österreich?
Viele Talente, sehr wenig Geld. So ist es in Serbien. Die Koproduktionen sind der einzig mögliche Weg.

Serbien nach Milosevic und "Bésame mucho"

Der junge serbische Regisseur Stefan Arsenijevic ist in Neu-Belgrad aufgewachsen. Dort ist auch sein Debütspielfilm angesiedelt.
© Bild: epa

Zurück zu "Liebe und andere Verbrechen": Wie viel Nach-Milosevic-Serbien ist in dem Film? Oder wollten sie vielmehr eine Geschichte erzählen, die allgemeingültig ist?
Ich wollte beides. Es ist eine Geschichte, die auf den Ruinen des alten Milosevic-Regimes spielt, während das neue System noch nicht ganz aufgebaut ist. So ist das Leben zurzeit in Serbien. Es ist wie ein Sich-Treiben-lassen in einem Land im Dazwischen, während einem das Leben aus der Hand rutscht. Aber der Film behandelt auch universelle Themen. Ich war mit dem Film auf vielen Festivals und habe festgestellt, dass sich überall Menschen gut damit identifizieren konnten. Schließlich ist die ganze Welt heute im Übergang begriffen.

Wie kamen Sie auf das spanischsprachige Lied "Bésame mucho"? Das klassische Liebeslied taucht im Film ja immer wieder auf. Was empfinden sie dabei?
Bereits in meinen Kurzfilmen hatte ich diese Angewohnheit, einen Song immer wieder zu wiederholen. Ich weiß nicht warum … bisher hab ich deswegen noch keinen Psychologen aufgesucht … (lacht).
"Bésame mucho" habe ich zufällig im Radio gehört, da hatte ich gerade erst mit dem Drehbuch angefangen. Und da packte mich ein bestimmtes Gefühl. Das war genau die Gefühlslage, die ich im Film haben wollte. Deswegen ließ ich das Lied im Script immer wieder auftauchen.
Etwas später erst hat mir jemand das Lied übersetzt und mir war klar, dass der Text perfekt für den Film gepasst hat. Das hat mir gezeigt, wie Kunst funktioniert und wie sie einen beeinflussen kann, ohne dass man die Sprache tatsächlich versteht (Lesen Sie den Text von "Bésame mucho" im Anschluss, Anm.).

Wie kam es dazu, die österreichische Band Naked Lunch damit zu beauftragen, den Soundtrack herzustellen? Und wie war der Arbeitsprozess mit der Band?
Meine österreichische Koproduzentin, Gabriele Kranzelbinder, hat mich Naked Lunch vorgestellt. Die sind Freunde von ihr. Und ich muss sagen, ich mochte die von Anfang an. Dann folgte eine lange Zeit, in der wir nach der passenden musikalischen Atmosphäre gesucht haben.
Ich kenne mich mit Musik nicht besonders gut aus, das ist jener Teil des Filmemachens, in dem ich am unsichersten bin. Daher mussten wir viel ausprobieren, nahmen alle möglichen Musikstile mit allen möglichen Instrumenten auf. Einmal hab ich sogar selbst Triangel gespielt. Ich glaub', das ist sogar im Film zu hören (lacht). Ich war viele Male in Klagenfurt, was mir auch sehr gefallen hat. Aber ich hätte es verstanden, wenn mich die Burschen in manchen Momenten am liebsten losgeworden wären.
Am Ende war ich einfach nur hingerissen vom Ergebnis. Bei den Festivals fragten mich die Zuschauer auch überwiegend enthusiastisch nach der Filmmusik.
Und unsere Zusammenarbeit ist auch weitergegangen. Gemeinsam mit dem Regisseur Thomas Woschitz haben Naked Lunch den Film "Universalove" gemacht, ein Film, der in sechs Städten der Welt spielt: Brooklyn, Rio, Tokio, Belgrad und Marseille. Anica Dobra spielt die Hauptrolle in der Belgrad-Story und ich durfte auch eine kleine Rolle spielen. Und zwar einen schlechten Musiker! Ich bin mir fast sicher, dass das ihre Art war, mir einen Streich zu spielen. Ich liebe diese Kerle einfach!

Info: Special Screening und DVD-Release Party

Special Screening
am 25. März im Wiener Gartenbaukino, 20 Uhr. "Liebe und andere Verbrechen" (in serbischer Originalsprache mit deutschen Untertiteln).
Stefan Arsenijevic wird anwesend sein. Nach dem Film gibt es ab 22 Uhr die DVD-Release-Party mit DJ Bernhard Fleischmann. Das Restaurant Balkan Express sorgt für serbisches Catering.

DVD Release
ab 16. April im Filmladen Filmverleih.

Info: Stefan Arsenijevic

Regisseur
Studierte Philosophie, Film- und Fernsehregie in Belgrad.
Gewann 2003 mit "(A)torsion" auf der Berlinale den Goldenen Bären in der Sparte Kurzfilm und den Europäischen Filmpreis. Im selben Jahr wurde der Film auch für den Kurzfilm-Oscar nominiert.

Spielfilm
"Liebe und andere Verbrechen" (Ljubav i drugi zlocini/Love and Other Crimes) gewann 2008 den Publikumspreis beim crossing Europe-Filmfestival in Linz. Im September 2009 lief der Film in deutschen Kinos an. In Österreich bisher kein regulärer Kinostart.

Pläne
Spielfilm "No One's Child": Eine wahre Geschichte über einen in der Wildnis Bosniens aufgewachsenen Burschen. Nach einem Aufenthalt im Belgrader Waisenhaus findet sich dieser im Jugoslawien-Krieg wieder.

Episodenfilm "Don't Forget Me". Als einer von sechs Regisseuren wird Arsenijevic diesen Sommer in Istanbul drehen.

Weiters ist eine Low-Budget-Romantic-Comedy in Planung, die er in Berlin drehen möchte.

Deutsche Übersetzung von "Bésame mucho" (W. Bildhäuser)

Küsse mich,
küss' mich ganz fest!
Küss' mich als wär's heute Nacht
zum allerletzten Mal.
Küsse mich,
küss' mich ganz fest,
denn ich hab' Angst, ich verlier' dich,
verlier' dich danach.

Original:

Bésame,
bésame mucho
como si fuera esta noche
la última vez
Bésame,
bésame mucho
que tengo miedo a perderte
perderte después

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( KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011