"Mit der Tracht muss man vorsichtig sein."

© KURIER/Walter Schweinöster

85. Geburtstag
12/16/2015

Sepp Forcher: "Ich mag es nicht, wenn Leute über unser Land schlecht reden"

Österreichs prominentester Heimatkundler wird am Donnerstag 85 Jahre alt. Ein Gespräch über Tradition, Religion, und warum ihm lieber ist, Andreas Gabalier verdient Geld als ein Amerikaner.

von Philipp Wilhelmer

KURIER: Herr Forcher – Ihr 85er steht am Donnerstag bevor. Wie werden Sie ihn begehen?

Sepp Forcher: In allererster Linie feiere ich ihn nicht. Ich hab so viele Zeiten hinter mir, wo ich sie feiern habe müssen. Da ist die logische Folge daraus, dass ich mir leisten kann, sie nicht mehr zu feiern.

Sie sind in Ihrem Leben weit herumgekommen – auch beruflich. Als Lastenträger haben Sie ein über hundert Kilo schweres Zahnrad auf den Salzburger Untersberg getragen.

Da wollte ich nur wissen, ob ich es noch dapack’. Das Radl hat über 130 Kilo gewogen und ich habe es auf einer Strecke bergab getragen, für die man normalerweise sieben, acht Minuten braucht. Ich hab drei Stunden gebraucht. Es war November und ich habe Steigeisen angehabt und die Hölzer, die man so als Stufen gemacht hat. Da sind die Zacken eingedrungen und ich habe einige Kraft gebraucht, sie wieder herauszuziehen. Ich habe dann 14 Tage blutunterlaufene Stellen gehabt.

Sie haben 1976 im ORF angefangen. Seither sind Sie eine Berühmtheit. Wie gehen Sie mit Ihrem Ruhm um?

Ich war immer ein bunter Vogel, wenn man das so sagen kann. Ein bekannter Mensch, als Bergsteiger, als Hüttenwirt, auch als Träger. Mich haben die Leute immer über den Durchschnitt gekannt und ich war das auch gewöhnt. Als das mit dem Fernsehen gekommen ist, war das für viele unbegreiflich, dass ich mit dieser neuen Dimension genauso umgehe wie vorher. Ich war immer selbstbewusst, auch in der Zeit, wo ich ein armer Hund war. Ich mag auch heute nicht, wenn wer sagt, ich sei prominent. Ich bin bekannt.

Wo ist die Grenze von Einbildung und Selbstbewusstsein ?

Um eingebildet zu sein, musst’ ein Trottel sein. Wer sich überschätzt, ist nicht bei Sinnen.

Sie wirken wie jemand, der auch ohne ORF-Karriere ein erfülltes Leben gehabt hätte. Wie wichtig war der Rundfunk?

Für mich ist der ORF wirklich der große Wurf meines Lebens. Das hat meinem Leben eine Wende gegeben. Richtig gefördert haben mich Rudolf Bayr (Salzburger Intendant, Anm.) und Gerd Bacher (ORF-General). Wir haben uns erst in späteren Jahren näher kennen gelernt, aber vom ersten Tag habe ich gewusst: Bacher hält zu mir. Meine beruflich geistige Heimat ist der ORF. Da gibt es keine Kompromisse. Meine Treue ist ihnen sicher.

Wie halten Sie Ihren Geist auf Trab?

Lesen ist meine Lebenspassion. Ein Leben ohne Lesen kann ich mir nicht vorstellen. Mein Hauptrezept ist: Ich lese gerne Schwieriges, schwer zugängliches. Vergangenes Jahr war das etwa der "Tod des Vergil". Dazwischen wieder, damit es lustig wird, etwas Leichtes: Krimi. Oder Heiteres.

Sie selbst haben zwei Bücher über Glück geschrieben. Wie wird man glücklich?

Das Erstrebenswerteste im Leben ist, dass man mit sich selber im Reinen ist. Glück ist ein Zufallsprodukt im Leben. Das kann man sich nicht kaufen oder bei Amazon bestellen. Was man erreichen kann: Diesen aus der Mode gekommenen Begriff der Zufriedenheit.

Ist Glück unterschätzt oder falsch eingeschätzt?

Es wird zu sehr als kaufbar beschrieben: Wenn du das und das und das oder das machst, hast du das Rezept zum Glücklichsein.

Wir haben alle einen Sommer erlebt, in dem wahnsinnig viele Menschen nach Österreich gekommen sind. In Salzburg hat sich das sehr zugespitzt. Haben Sie das miterlebt?

Wir haben da sehr wenig mitbekommen. Am Anfang war natürlich die Angst: "Die bleiben bei uns." Als sich herausgestellt hat, die wollen weiter, haben eh alle geholfen. Nach dem Krieg haben wir Situationen gehabt, die weit über das gegangen sind, was wir jetzt erleben. Wo die Sudeten gekommen sind, oder als die Siebenbürger gekommen sind. Die Stadt Salzburg hatte damals fast die doppelte Einwohnerzahl.

Sie sind mit Ihrer Familie aus Südtirol eingewandert. Sie waren bitterarm. Wie geht es Ihnen mit dem Wort "Wirtschaftsflüchtling"?

Ein Flüchtling ist für mich einer, der vor einem Feind davonlaufen muss. Du laufst um dein Leben, du laufst um deine Existenz, du laufst um deine Familie. Das ist das eine. Wir sind so großzügig mit dem Begriff "Flüchtling". Was waren die Österreicher, die nach dem Krieg in die Schweiz gegangen sind, nach Kanada, nach Australien? Waren das Flüchtlinge? Die sind ausgewandert. Aus wirtschaftlichen Gründen. Da bin ich ein Wortklauber. Wer um sein Leben rennt, braucht alle unsere Zuneigung. Ganz gleich, wo er herkommt und was er ist. Natürlich gibt es schreckliche Tragödien und das liegt wie vieles auf der Welt am Zwischenhandel: Die Schlepper. Sie sind die Gewinner und die Verbrecher zugleich.

Wie viel Südtirol schlägt noch in Ihrer Brust?

Mich hat keiner gefragt und ich musste (nach Salzburg, Anm.) mitkommen. In Salzburg bin ich dann in ein Schülerheim gekommen. Da ist keiner mit Begeisterung dabei. Dann habe ich mich sukzessive zu einem fanatischen Österreicher entwickelt. Natürlich sind wir Südtiroler ja auch Altösterreicher. Das wird auch der Untergrund sein für diese Einstellung, die ich heute unserem Österreich gegenüber kompromisslos habe.

Welche Einstellung pflegen Sie denn dahingehend?

Ich mag es nicht, wenn Leute über unser Land schlecht reden. Die verwechseln die politische Tagessituation mit dem Begriff Heimat. Heimat ist für mich das, was ich da seit über 70 Jahren erleben darf.

Dass Sie Österreich toll finden, überrascht nicht. Aber was ist denn Ihrer Ansicht nach an Österreich überhaupt nicht schön?

Das sehe ich natürlich schon auch. Aber das verdränge ich. Ich weiß: Es gibt genug Leute, die sich dem annehmen. Da muss ich mich nicht plagen. Das heißt nicht, dass ich mit Scheuklappen durchs Land gehe. Mich stören Hysterien – in jeder Form. Das ist immer landschädigend. Heimatschädigend.

Der Begriff "Heimat" wird auch immer wieder politisch missbraucht und dient dazu, das eigene Selbstwertgefühl hochzuheben und andere auszugrenzen. Waren Sie dahingehend jemals in Gefahr?

Ich habe eine andere Laufbahn, weil ich, was Vereine betrifft, nur den Alpenverein akzeptiert habe. Den Begriff "Heimat" kann man verschieden sehen. Die totalitären Regime wie der Nationalsozialismus machten sich das zunutze: Heimat, Trachten, Aufmärsche, Fahnen, Schießen, Musizieren. Das ist ja etwas Großartiges und das wird dann vom Regime gefördert. Es ist aber ein Missbrauch. Nach dem Krieg haben es diese Vereinigungen, die so gefördert wurden, schwer gehabt, wieder auf ein normales Maß zurückzukommen. Es ist aber eine Tatsache: Ohne Blasmusik geht es nicht (lacht). Das gehört zur dörflichen Gemeinschaft dazu. Es geht immer ums zusammenhelfen. Wenn die Politik diesen Gemeinschaftsgedanken aufplustert und auf die ganze Nation überträgt, wird es gefährlich.

In den vergangenen Jahren war zu beobachten, dass junge Leute wieder Trachten anziehen. Aber eigentlich nur zum Feiern. Missfällt Ihnen das?

Mit der Tracht muss man vorsichtig sein. Da gibt es die traditionelle Tracht, die die Musikkapellen und Heimatvereinigungen haben, und die Tracht, die man als selbstverständliches Gewand trägt. Bei uns war das lang die Lederhose. Und natürlich die Festtagstracht. Jetzt kommt wie bei allen Dingen die Industrie: Auf einmal entdecken sie, dass Tracht boomen kann. Das ist ein Irrtum. Das ist genauso wie das Verhältnis von volkstümlicher zu traditioneller Volksmusik. Da leide ich heute noch unter dem G’sangl. Es gibt entsetzliche Gruppen!

Was ist denn die Musik, die Sie gerne hören?

Die klassische. Wenn ich jetzt in den Urlaub fahre, habe ich Sokolow und Rostropovich mit. Einer der Größten ist für mich Anton Bruckner.

Wie geht es Ihnen mit Andreas Gabalier?

Mein Gott, er ist eine Figur, die Geld macht. Ich vergönne es ihm, wenn einmal ein Steirer zum Zug kommt (lacht). Aber ich brauch’ ihn nicht. Zur Bereicherung meines Lebens trägt er nichts bei. Mir ist aber lieber, einer von uns macht das Geld als einer dieser Heuler von drüben.

In Ihrer Stube hängt ein gewaltiges Holzkreuz. Wie halten Sie es eigentlich mit der Kirche?

Das ist für mich ein schönes Alterserlebnis. Ich bin sehr streng katholisch erzogen worden, im Schülerheim dann nationalsozialistisch erzogen worden, also die totale Abkehr. Ich bin vom Kinderglauben über den radikalen Unglauben zum Zweifel gekommen. Und jetzt lande ich schön langsam im stillen Auslauf des Glaubens. Mir imponiert so, dass unser Glauben einer ist, der verzeihen kann. Du kannst dich dein Leben wie ein Viech benehmen. Wenn du früh genug bereust, wird dir verziehen. Das ewige Leben oder alles andere ist nicht so wichtig wie diese Tatsache, dass du von einem Glauben umfangen bist, der verzeiht. Im Alter hat man immer wieder Phasen, wo man zum Kreuz kriecht. Immer wenn eine Katastrophe hereinbricht oder eine droht, kriecht man zum Kreuz.

Stimmt es, dass Sie immer noch ausschließlich in Kurrentschrift schreiben?

Ja. Ich hab als Bub umlernen müssen und zwei Schuljahre verloren. Ein Jahr später hat es geheißen: "Wir schreiben Normalschrift". 1944 hat es wiederum geheißen: "Wir sprechen Deutsch, wir schreiben Deutsch". Da ist wieder die Kurrentschrift eingeführt worden. Da habe ich mir dann gedacht: Jetzt ist genug mit der Pflanzerei, jetzt schreib’ ich nichts mehr anderes. Ich schreibe bis zum heutigen Tag alles Kurrent.

Sie sind ständig unterwegs und wirken körperlich und geistig topfit. Wie schaffen Sie das?

Ich blödle oft darüber. Ungesund leben ist nicht das Schlechteste: Wenn man gerne einen Wein trinkt und einen Schweinsbraten isst. Aber halt alles mit Maß und Ziel. Und ich glaube das entscheidende ist schon, dass man mit seinem Leben eine Freude hat.

Von Ruhestand kann bei Ihnen weiterhin noch keine Rede sein, oder?

Ich bin gern bei der Sache und vor allen Dingen: Was das "Klingende Österreich" betrifft, gilt für mich die Maxime: So lange es mich freut, so lange mache ich es. Über Österreich arbeiten zu dürfen, ist etwas Schönes. Und mir schreibt niemand etwas vor.

Sie werden so bald auch nicht aufhören.

Ich bin mit Wrabetz so verblieben: Ich mach die Sendung so lange, wie ich Lust habe. Ich habe ja auch nie einen Vertrag gehabt.