Nur keine Schwarz-Weiß-Malerei

Oper…
Foto: /Wiener Staatsoper/Michael Pöhn Machtkämpfe im zaristischen Russland: Ferruccio Furlanetto (oben) als  Fürst Iwan Chowanski

Semyon Bychkov dirigiert Modest Mussorgskys "Chowanschtschina" an der Wiener Staatsoper.

Macht, Mord, Glaube, Liebe, Intrige und Fanatismus – das sind die Ingredienzien von Modest Mussorgskys unvollendeter Oper "Chowanschtschina". Seit mehr als 20 Jahren war dieses Meisterwerk nicht an der Wiener Staatsoper zu sehen, kommenden Samstag (15. 11.) hat aber eine Neuproduktion im Haus am Ring Premiere. Lev Dodin inszeniert; Semyon Bychkov dirigiert. Und der gebürtige Russe will vor allem eines: "Die Härte, die Grausamkeit dieser Partitur hörbar und erlebbar machen."

Doch "Chowanschtschina" stellt alle Beteiligten vor grundsätzliche Fragen. Mussorgsky starb, bevor er die Oper überhaupt orchestrieren konnte. Der mit Mussorgsky befreundete Nikolai Rimski-Korsakow erstellte eine Fassung, Dmitri Schostakowitsch eine andere. Und Igor Strawinsky wiederum bearbeitete das Finale. So weit, so kompliziert.

Rau und radikal

Semyon Bychkov Foto: WDR/Sheila Rock Semyon Bychkov dirigiert seine dritte Premiere im Haus am Ring Für das Haus am Ring haben Dirigent Bychkov (und Regisseur Dodin) die Schostakowitsch-Version gewählt, im Finale greifen sie auf die Musik des Vorspiels zurück. Bychkov dazu: "Man muss Rimski-Korsakow für seine Fassung dankbar sein, er hat das Werk überhaupt erst ermöglicht. Aber Rimski-Korsakows Orchestrierung ist sehr schön, gelehrt, fast ein bisschen süßlich. Er war immerhin ein hoch angesehener Professor und Komponist, das merkt man auch. Mussorgsky aber war ein Außenseiter, ein Trinker, ein nicht Angepasster, ein ungeschliffener Diamant. Und Schostakowitsch hat in seiner Fassung darauf Bezug genommen; seine Musik ist radikaler, rauer, dreckiger und passt daher besser zum Stück." Bychkov weiter: "Wir proben seit 29. September, das ist Luxus. Aber dieses Werk benötigt eine extrem intensive Vorbereitung."

Bychkov, der nach "Daphne" (2004) und "Lohengrin" (2005) seine dritte Premiere an der Staatsoper feiert und zwischendurch auch noch philharmonische Abo-Konzerte leitet, versteht sich als "Ermöglicher". "Dirigieren – das heißt Musik auszudrücken, den Willen des Komponisten zu erforschen. Ich habe ‚Chowanschtschina‘ bis dato noch nie dirigiert und hatte das auch nicht vor. Jetzt aber begleitet mich diese Musik Tag und Nacht."

Und wie würde Bychkov den komplexen Inhalt des Werkes beschreiben? Lachend: "Das ist nicht einfach. Im Grunde gibt es drei gesellschaftliche Ebenen, die alle an die Macht wollen. Da gibt es die Traditionalisten, die Angst vor Veränderungen haben, die pro-europäischen Reformer und die religiösen Fanatiker, die letztlich im einem Akt kollektiver Selbstverbrennung ihr Ende finden. Und dann gibt es eine enttäuschte Frau namens Marfa, die sich den Fanatikern zuwendet und ihren Teil zur Tragödie beiträgt. Dieses hochexplosive Gemisch aus Staat und Privat, aus Reaktion und Revolution ist ziemlich aktuell."

Gut und böse

Der Dirigent weiter: "All das spiegelt sich in der Musik wider. Wobei eines bemerkenswert ist. Mussorgsky und damit auch Schostakowitsch werten nicht. Sie erlauben sich kein Urteil darüber, was jetzt gut oder böse ist. So etwas finden wir sonst nur bei Richard Wagner. Er hat auch einige seiner Protagonisten, die man gemeinhin als ,böse‘ bezeichnen könnte, mit der schönsten Musik bedacht. In ,Chowanschtschina‘ gibt es kein Schwarz oder Weiß, dafür aber viele Graustufen."

Nach der Staatsopern-Premiere widmet sich Bychkov wieder anderen Komponisten. "In Covent Garden folgt Mozarts ,Così fan tutte‘, in Madrid Wagners ,Parsifal‘ und dann in Covent Garden etwas Russisches: Tschaikowskys ,Eugen Onegin‘." Gibt es auch für Wien weitere Pläne? "Wir werden sehen. Ich liebe diese Stadt und bin für Angebote offen."

www.semyonbychkov.com

Chowanschtschina

Werk
Modest Mussorgsky konnte die Oper nicht vollenden. Es gibt mehrere Fassungen. Am Ring ist die Version von Schostakowitsch mit neuem Ende zu hören.

Produktion
Dirigent: Semyon Bychkov. Regie: Lev Dodin. Ausstattung: Alexander Borovskiy. Mit u. a.: Ferruccio Furlanetto (Fürst Iwan Chowanski), Christopher Ventris (Fürst Andrei Chowanski), Herbert Lippert (Fürst Wassili Golizyn), Andrzej Dobber (Schaklowity), Ain Anger (Dossifei), Elena Maximova (Marfa). Premiere: 15. November.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?