Kultur
07.04.2017

Seiler und Speer: Lieber einen guten Freund als ein Cabrio

Christopher Seiler spricht über Morddrohungen, falsch verstandene Ironie und den Erfolg.

Mit dem Hit "Ham kummst" und dem gleichnamigen Album sind Seiler und Speer in puncto Plattenverkäufe 2016 in die Sphären von Metallica und den Rolling Stones eingetaucht. Heute, Freitag, erscheint das zweite Album "und weida?". Das ist – nach dem Debüt, das eine musikalische Untermalung für Seilers kabarettistische Video-Serie "Horvathslos" war – "immer noch so ein Spaß – aber mit Hang zum Detail."

KURIER: Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Gruppe zu einem Musik-Projekt gewachsen ist, das mit den Besten der Besten konkurriert?

Christopher Seiler: Das waren Auftritte wie der in der Stadthalle oder auf der Donauinsel. Da haben wir gemerkt, das ist kein Spaß mehr. Wobei "und weida?" immer noch Spaß ist. Aber wir decken damit musikalisch ein breiteres Spektrum ab, denn wir wollen zeigen, dass man uns nicht auf "Ham kummst" reduzieren kann. Denn obwohl wir nie im Leben in einem Bierzelt gespielt haben, waren die Leute gewillt, uns deswegen als die Bierzeltkasperln abzustempeln.

Wie sind Sie mit dem Erfolg umgegangen?

Bei mir hat sich das nicht schlimm ausgewirkt, ich war ja schon als Kabarettist bekannt. Aber es gab schon Momente ... wenn zum Beispiel Boulveard-Zeitungen Dinge aus deinem Leben nehmen und eine Schlagzeile daraus machen, bei der ihnen die Wahrheit völlig wurscht ist. Als zum Beispiel geschrieben wurde, dass ich die Hofer-Wähler beleidige – das hat mir schon Angst gemacht. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, ich brauche es überhaupt nicht, in den Zeitungen zu stehen.

Damals haben Sie mit einem Video auf die Frage eines Hofer-Wählers reagiert, der wissen wollte, warum Sie keine Werbung für die FPÖ machen. Bereuen Sie es, das Video online gestellt zu haben?

Niemals! Meine Nachricht damals war ja auch sehr sarkastisch und kabarettistisch gemeint. Aber das haben die Leute nicht gemerkt, weil die Stimmung vor der Präsidentschaftswahl so aufgehusst und gespalten war. Aber ich lebe in einem sehr schönen Land, in dem es Meinungsfreiheit gibt.

Aber Sie haben vorher immer gesagt, für Künstler sei es wichtig, sich aus der Politik rauszuhalten ...

Da habe ich mich falsch ausgedrückt: Ich habe gemeint, ein Künstler sollte sich aus der Parteipolitik raushalten. Denn speziell als Kabarettist ist man schnell im Politischen drinnen. Aber ich bin kein Mensch, der einen anderen denunziert, nur weil er anderer Meinung ist. Denn dann würde ich machen, was ich denen vorwerfe, nämlich, dass sie die Demokratie mit Füßen treten. Soll jeder wählen, was er will. Deshalb habe ich immer gesagt: Ich halte mich da raus. Aber wenn mir etwas so am Wecker geht wie damals, dann habe ich als Bürger das Recht, mich zu äußern. Was ich damals für arge Meldungen gekriegt habe: "Du hast als Künstler nicht das Recht, dich da einzumischen!" Warum nicht? Bin ich als Bürger entmündigt? Darf ein Tischler auch nicht seine Meinung sagen und nur einen Tisch bauen?

Es gab auch eine Morddrohung.

Nicht nur eine, es waren mehrere. Es hat geheißen: "Der Auftritt in der Stadthalle wird dein letzter sein!" Da gab es einen Bekennerbrief mit Buchstaben aus der Zeitung ausgeschnitten! Es gingen Bombenspürhunde durch die Stadthalle. Aber ich glaube, die Morddrohung war nicht ernst gemeint. Der wollte, dass ich das Konzert absage.

Sie sagten, Sie können "Ham kummst" nicht mehr hören. Ist so ein Über-Hit eine Belastung?

Das ist eigentlich eine kritische Nummer, die den Alkoholkonsum nicht verherrlicht, sondern genau das Gegenteil macht. Sie hat aber einen grausigen Beigeschmack bekommen, weil sie dauernd auf Zeltfesten gespielt wurde. Wenn du dann Menschenmassen siehst, die sich dazu ansaufen und nicht mehr stehen können, hinterfragst du das natürlich.

Birgt Ironie nicht immer die Gefahr, dass sie falsch verstanden und für die gegenteilige Sache instrumentalisiert wird?

Sicher. Aber der Fendrich hat einmal gesagt: "Irgendwann gehört ein Lied nicht mehr dir, sondern den Leuten." Das stimmt. Und wir sind als Künstler ja auch froh, dass unsere Musik gehört wird. Dagegen, dass etwas falsch verstanden wird, kannst du nicht viel machen. Außer zu sagen: ,Es geht nicht darum, es geht darum!‘ Aber wenn ich meine Texte dauernd erklären muss, brauche ich sie auch nicht ironisch abzufassen, dann kann ich gleich schreiben, wie es ist.

In einem der neuen Songs prangern Sie die "G’stopften" an, die Cabrios fahren.

In dem Song geht es um den Charakter von den G’stopften, denen nur das materialistische Leben wichtig ist. Die haben lieber ein schönes Auto, als einen guten Freund. In dem Song sage, ich: So einer will ich nicht sein. Alles Geld, was ich habe, gebe ich gleich wieder aus, weil ich gerne teile.

Mit wem?

Mit Freunden. Eigentlich mit jedem. Ich mag es aber überhaupt nicht, bei Charity-Events rumzurennen und dann Facebook-Posts damit zu machen. Ich finde, als Mensch habe ich eine Verantwortung gegenüber den Schwächeren. Und wenn ich jemandem helfen will, tue ich das, sage es aber niemandem. Das darf keine Marketingstrategie sein, soll keinen Karriere-Fortschritt für mich bedeuten. Ich habe mir mit dem Geld auch keine großen Wünsche erfüllt. Der Wunsch, den ich hatte, war das Künstlerleben: Die Freiheit, zu sagen, heute geh ich lieber mit meiner Freundin im Park spazieren als ins Studio. Den habe ich mir jetzt erfüllt.