Kultur
31.05.2017

Sehenswert: "All The Sex..." bei den Festwochen

"All The Sex I’ve Ever Had" im Theater Akzent entfaltet einen unerwarteten Zauber.

Zuerst war die Stimmung wie in der lange ersehnten und zugleich gefürchteten Aufklärungsschulstunde im Biologieunterricht: Sechs Menschen, die meisten davon jenseits der 70, sitzen im Theater Akzent und erzählen ihre Sexgeschichten.

Mit viel Kichern und Klatschen wurden ihre ersten Wortspenden aufgenommen, die Erzählungen von verschämten ersten Blicken auf das andere Geschlecht und von ersten Erfolgen.

Abwechselnd lasen diese Menschen, etwas holprig zuerst, aus einem Skript, die einzelnen Passagen sind chronologisch gereiht und auf Pointe getrimmt. Wäre es dabei geblieben, es wäre amüsant gewesen, nicht mehr. Man bekam vorgeführt: Auch Ältere haben wilden Sex, und auch in vermeintlich prüderen Zeiten ist es ordentlich zur Sache gegangen. Es gab verbotene Sex-Beziehungen und sichere Orte für Schwule.

Bittersüß

Die Erlebnisbiografen schreiten fort, sie sind so kompliziert und so bitter und so süß, wie Sex eben ist. Und dann plötzlich kippt dieser Festwochen-Abend in einen liebevollen Zauber hinein, der nichts mit Theater, aber alles mit dem Leben zu tun hat. Es geht weiter um Sex, aber eigentlich um viel mehr: um die verwundbare, kleine Schönheit und Wahrhaftigkeit des Lebens von Menschen wie uns.

Die zeigt sich nicht dort, wo alles schön und glattpoliert daherkommt. Sondern im Überleben in all den bizarren Augenblicken, die sich im Rückspiegel zu dem zusammensetzen, was man sich als die eigene Biografie zurechtlegt. Um die Schönheit, die sich ausgerechnet in jenen Momenten zeigt, die man selber nicht versteht, darin, wie auf schwere Schicksalsschläge ungeahnte Leichtigkeit folgen kann – oder wie man Sachen erträgt, die eigentlich nicht zu ertragen sind. Wer hat einen Lebenspartner beim Sterben begleitet, wird auch das Publikum gefragt.

Diese Menschen tauchen, mit Hilfe des Sex, ein in die Tiefe der Jahre. Es ist eine reine Freude, mit ihnen mitzutauchen.