Seelisches Puzzlespiel mit Brücken

Fotoprobe Radamisto
Foto: AP/Lilli Strauss Sophie Karthäuser (Polinessa) in Vincent Boussards Inszenierung.

Vincent Boussard inszeniert Händels selten gespielte Oper "Radamisto". Premiere ist am Sonntag.

Ein verheirateter Tyrann, der die Frau seines Schwagers begehrt, allerlei Kriege anzettelt, dabei an der moralischen Standhaftigkeit aller anderen scheitert und letztlich geläutert wird – das ist im wesentlichen der Inhalt von Georg Friedrich Händels Oper „Radamisto“, die 1720 in London uraufgeführt wurde, und von der es drei unterschiedliche Fassungen gibt. Wer in diesem Stück gerade mit oder gegen jemanden ist, erinnert Regisseur Vincent Boussard an „ein seelisches Puzzlespiel“.

„Das ist das Schöne an der Barockoper, dass sie einem viele Freiheiten lässt, dass es viele Möglichkeiten der Interpretation gibt“, sagt der gebürtige Franzose, der in Kostümbildner Christian Lacroix an der Wien einen prominenten Mitstreiter hat.

Gemeinsam mit Dirigent René Jacobs hat sich Boussard für die zweite Fassung der Oper entschieden. Aber: „Natürlich haben wir Striche gemacht, Arien umgestellt und ähnliches mehr.“ Wichtig ist dem Wien-Debütanten dabei vor allem „der Brückenschlag zum heutigen Publikum“. Auch über das damals obligate und etwas erzwungene Happy End „muss man als Regisseur erst einmal plausibel drüberkommen“.

Szenenbilder der Oper "Radamisto" von Georg Friedrich Haendel. Im Theater an der Wien wird das Stück von Vincent Boussard inszeniert. Die musikalische Leitung übernimmt Rene Jacobs.  Jermey Ovenden als "Tigrane". Patricia Bardon als "Zenobia". Sophie Karthäuser als "Polissena" (links), Florian Boesch als "Tiridate" und Patricia Bardon als "Zenobia".

Schicksal

Musik hat im Leben des Regisseurs „schon immer die wichtigste Rolle“ gespielt; zu seinem jetzigen Beruf kam Boussard aber eher zufällig. „Ich glaube an das Schicksal, und das hat mich reich beschenkt. Ich habe ursprünglich Geige gelernt und im Chor gesungen, war Schauspieler und habe schließlich 1999 im Studio-Théâtre der Comédie-Française als Regisseur debütiert.“

Sieht sich Boussard, der sehr viele Barockopern inszeniert hat, als Spezialist für dieses Genre? „Nein, überhaupt nicht. Ich will kein Spezialist für irgendetwas sein, das würde mich in meiner Arbeit und in meiner Kreativität zu sehr einengen.“

Fast konsequent, dass Boussard auch „keinen typischen Regie-Stil“ hat. „Man muss jedes Werk auf die ihm angemessene Art und Weise inszenieren. Und man muss für jedes Stück andere Bilder finden. Das kann einmal ganz klassisch sein, dann wieder modern. Von krampfhaften Aktualisierungen halte ich aber nichts. Denn die gleiten fast immer ins unfassbar Plakative ab.“

Nach „Radamisto“ wird Boussard Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ inszenieren. Danach folgen Bizets „Perlenfischer“. Aber gibt es eine Oper, die Boussard eines Tages unbedingt machen will? „Ja. Wagners ,Ring‘ und ,Tristan‘.“

www.theater-wien.at

(kurier) Erstellt am
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