Verspätetes Treffen von Herzl und Freud

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Foto: Secession/Oliver Ottenschlaeger

Yael Bartanas lässt mit ihrer Installation in der Secession Theodor Herzl und Sigmund Freund aufeinandertreffen.

Theodor Herzl und Sigmund Freud trafen einander nie – dabei waren sie in der Wiener Berggasse quasi Nachbarn, Freud wohnte auf Nummer 19, Herzl auf Nummer 6.

Es ist nur ein historisches Faktum, auf das man bei Yael Bartanas einnehmender Rauminstallation in der Wiener Secession stößt: Die israelische Künstlerin und Filmemacherin hat dort die Lebensläufe des Psychoanalyse-Gründers und des Zionismus-Vorreiters in einer Art Infografik aufbereitet, die zahlreiche Parallelen zwischen den beiden zeigt.

Zurück nach Polen

Bei Bartana werden die „Vorreiter“ Freud und Herzl allerdings in ein künstlerisches Großprojekt eingebettet, das immer wieder für Erstaunen und auch für Kontroversen sorgt: Auf der Biennale Venedig 2011 war die Idee einer jüdischen Renaissancebewegung in Polen (Jewish Renaissance Movement in Poland, www.jrmip.org) erstmals groß dokumentiert.

Bartanas Initiative fordert 3,3 Millionen Juden auf, nach Polen zurückzukehren und dort die jüdische Kultur weiterzuführen. Im Stil ist die Bewegung dem Zionismus in der Nachfolge Herzls nicht unähnlich, sie hantiert mit starken politischen Symbolen, kennt ideelle Leitfiguren und ein eigenes Manifest – nur ist die Bewegung fiktiv, die Propagandaaktivität auf Kunsträume beschränkt.

Als gigantisches „Was-wäre-wenn“-Experiment reicht Bartanas Projekt aber durchaus in reale Debatten hinein. Ein Kongress, dessen Filmaufzeichnung nun in der Secession zu sehen ist, versammelte abstruse wie produktive Standpunkte, etwa zum Nahost-Konflikt.

Auch der Konferenztisch wurde in der Secession wieder aufgebaut, doch er bleibt leer: Es ist ein Ort, an dem man sich gedanklich an den Startpunkt einer Bewegung versetzen kann, deren Ende nicht abzusehen ist. Das allein ist eine Lektion in politischer Bildung.

Die Installation in der Secession

(KURIER) Erstellt am
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