Kultur
05.12.2011

Schüller über die Berufskrankheit Sehnsucht

Wie lebt es sich als ewig Reisender? Türkei-Korrespondent Christian Schüller erzählt von Heimweh und Wurst.

Christian Schüller, früherer "Am Schauplatz"-Chef, leitet das neu eröffnete ORF-Büro in Istanbul. Weil er "immer schon Faszination für diesen Raum hatte". Obwohl Türkisch zu den wenigen Sprachen gehört, die der studierte Linguist nicht spricht. Noch. "Ich lerne gerade. Es ist sehr schwierig. Jetzt kann ich ermessen, was es für Türken bedeutet, Deutsch zu lernen." Schüller war anlässlich der ORF-Korrespondententagung zu Gast in Wien.

KURIER: Warum hat sich der ORF entschlossen, jetzt ein Büro in der Türkei zu eröffnen?
Christian Schüller: Da war ein guter Riecher dabei. Es hat sich gezeigt, dass die Türkei eine immer größere Rolle spielt, auch durch die Entwicklungen in der arabischen Welt. Die Landkarte wird neu gezeichnet, viele bisherige Führer der arabischen Welt sind geschwächt. Die Türkei traut sich eine Großmachtrolle zu: Sie ist wirtschaftlich zunehmend ein großer Akteur.

Immer mehr gut ausgebildete Junge gehen zurück in die Türkei. Haben die nicht langsam genug von den ewigen Versprechen, sie werden irgendwann einmal Mitglied der Europäischen Union?
Es gibt viele Stimmen, die sagen: Eigentlich ist Europa zu einem Problem-Club geworden, die sagen: ,Sollen wir uns wirklich weiter demütigen lassen?' Bei vielen Jungen ist Stolz zu spüren, dass die Türkei möglicherweise spannendere Perspektiven als Europa bietet. Mittlerweile wird die Türkei
zum Einwanderungsland statt zum Auswanderungsland.

Wie kann man sich Ihren Berufsalltag vorstellen: Werden Sie angerufen, ,mach mal', oder sagen Sie, ,bitte, da ist eine Geschichte...'?

Beides. Man stolpert natürlich immer über interessante Dinge, wenn man sich mit einem Land beschäftigt. Man kann nie vorher sagen, wie sich ein Tag entwickelt.

Das weiß man ja nie in Ihrem Job. Den Namen Ihres Kollegen Karim El-Gawhary konnte vor einem Jahr kaum jemand aussprechen. Heute ist er samt Vater Teil der österreichischen Wohnzimmer.
Nicht nur das: Ägypten war bisher nur Urlaubsland für Österreicher. Wer hat sich schon mit den politischen Verhältnissen Ägyptens beschäftigt. Im Zuge der arabischen Revolution ist viel an Wissen nachgeliefert worden. Für diese Hintergründe ist ein Korrespondent vor Ort Goldes wert.

Kommen Sie oft nach Wien?
Selten. Es gibt zwar keinen Jetlag zwischen Wien und Istanbul, aber einen unglaublichen Kulturunterschied, das dauert immer eine Zeit, bis man das verdaut hat.

Sehnsucht nach Wien - ist das eine Berufskrankheit?

Naja. Wien hab ich am liebsten aus der Ferne. Istanbul ist eine 15-Millionen-Stadt mit großen Umweltproblemen. Wien kommt einem in der Fantasie wie ein Erholungsort vor.

Gibt es Dinge, die Sie sich schicken lassen? Mozartkugeln?
Nein. Aber ich kenne Kollegen, die lassen sich Würste schicken oder Schweinefleisch. So was kriegt man hier seltener. Ich bin mittlerweile fast Vegetarier.

Wie ist es, wenn man lange weg ist und dann wieder zurückkommt?
Nach sechs Jahren Moskau hab' ich ein Jahr gebraucht, bis ich wieder ganz da war. Eine besondere Beziehung bleibt. Wenn ich Russisch höre, dreh' ich mich immer um.

Sind Sie ein ewig Reisender oder können Sie sich vorstellen, irgendwann einmal in Wien zu bleiben?
Ich brauche die Freude, den Alltag exotisch zu finden. Ich weiß nicht, wie lange ich in der Türkei brauche, bis ich nicht mehr so überrascht bin. Jetzt ist es noch so, dass ich jeden Tag glaube, das, was ich gestern geglaubt habe, ist vollkommen falsch. Das ist ein enormer Motor in der Arbeit, denn es schafft die Neugier, Geschichten nachzugehen.

Hintergrund: Die uns die Welt erklären

Was die Korrespondenten gemeinsam haben: wir haben alle einen gewissen Drang, den Österreichern etwas zu erzählen und zu erklären. Wir brennen alle gleich", beschreibt Christian Schüller seine Kollegen. 26 ORF-Korrespondenten in insgesamt 16 Büros weltweit liefern jährlich 8000 Radio- und TV-Berichte. Sie sind rund um die Uhr im Einsatz. Die Verantwortung ist groß - besonders im Krisenfall. In der Vergangenheit war erst eine "Heimholung" nötig: Als beim Bürgerkrieg 2004 in Haiti das Hotel von Hanno Settele unter Beschuss lag, und er von der Deutschen Bundeswehr ausgeflogen wurde.