Kultur
05.12.2011

Schriftstellerin Christa Wolf ist tot

Sie war eine der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen, First Lady der DDR-Literatur und moralische Instanz. Am Donnerstag ist Christa Wolf gestorben.

Die "First Lady der DDR-Literatur" hat man sie genannt. Kein eleganter Ehrentitel vielleicht, aber einer, der zwei wesentliche Merkmale der großen Christa Wolf zusammenfasst: Ihre Rolle als moralische Instanz und ihre lebenslange Affinität zur DDR. Wolf, berühmt geworden mit Büchern wie "Der geteilte Himmel" und "Nachdenken über Christa T.", war Kritikerin, Mahnerin und Zweiflerin. Eine "mutige Schriftstellerin", wie Marcel Reich-Ranicki (der sie vor Jahren noch als "weit überbewertet" bezeichnet hatte) festhielt, die "die zentralen Fragen ihrer Zeit und ihrer Problematik ausdrücklich behandelt hat".

Christa Wolf (Mädchenname: Ihlenfeld) wurde 1929 im heute polnischen Landsberg an der Warthe geboren. 1949 begann sie ein Germanistikstudium in Jena und trat im selben Jahr der SED bei. Noch während des Studiums heiratet sie Gerhard Wolf, mit dem sie sechs Jahrzehnte lang glücklich blieb. Die Harmonie im Haus Wolf, schrieb die Schriftstellerin Brigitte Reimann einmal, sei "beinahe unerträglich".

Nach ersten literarischen Versuchen erschien 1963 die Erzählung, mit der Christa Wolf bekannt wurde: "Der geteilte Himmel" handelt von einer Liebe, die an der deutschen Teilung scheitert. 1968 erschien "Nachdenken über Christa T.", 1976 "Kindheitsmuster", 1983 "Kassandra".1993 machte sie Medea im gleichnamigen Roman zur "Alice Schwarzer von Korinth", wie der Spiegel etwas boshaft schrieb.

Wolfs Verhältnis zur DDR blieb Zeit ihres Lebens eng, komplex und zwiespältig. Sie war Opfer und Täterin - von 1959 bis 1962 wurde sie von der Stasi als inoffizielle Mitarbeiterin geführt, wie Anfang der 90er-Jahre bekannt wurde -, sie war dafür und dagegen. Sie setzte sich gegen Willkürakte der DDR-Führung ein und empfand, wie sie einmal sagte, nach der Wiedervereinigung doch eine Art "Phantomschmerz".

In dem Roman "Stadt der Engel" (2010) setzte sich mit jener Phase ihres Lebens auseinander, in der sie sich während eines USA-Aufenthalts 1992 mit einer Diskussion über ihre Stasi-Vergangenheit konfrontiert sah. "Unter der kalifornischen Sonne, angesichts des weiten pazifischen Ozeans wird Christa Wolf demütig, sanft und weich", war in einer Rezension zu lesen. "Sie lässt einfach los - sie bereitet sich auf den Tod vor, womöglich sogar auf ein Jenseits, in das man nun einmal nichts mitnehmen kann, schon gar nicht Unbeugsamkeit und Selbstgerechtigkeit."

Engagement

Ihr gesellschaftliches Engagement ließ Wolf bis zuletzt nicht los. Im März gab sie, 82-jährig, der Zeit ein Interview zur Atomkatastrophe von Fukushima: "Das ist der Grund, warum ich noch öffentlich spreche: Wir müssen das Dilemma unserer Gesellschaft diskutieren. Vielleicht bestärke ich andere Menschen." Am Donnerstag ist Christa Wolf nach langer Krankheit in ihrer Heimatstadt Berlin gestorben.

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