Kultur
25.03.2012

Schriftsteller Antonio Tabucchi ist tot

"Erklärt Pereira" ist sein berühmtestes Werk: Antonio Tabucchi, italienischer Romancier und kritischer Zeitzeuge, verstarb mit 68 Jahren.

Wenn es um politische Missstände und Verteidigung der Demokratie ging, nahm Antonio Tabucchi kein Blatt vor den Mund. Ähnlich dem Helden seines bekanntesten Romans "Erklärt Pereira" war der italienische Schriftsteller und Literaturwissenschafter im Italien Silvio Berlusconis immer mehr zum kritischen Zeitzeugen geworden. Am Sonntag ist der Literat im Alter von 68 Jahren in Lissabon verstorben, "nach langer, schwerer Krankheit", wie sein Übersetzer Bernard Comment mitteilte.

   Diverse Literaturpreise hatte der gebürtige Toskaner gewonnen, darunter den "Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur" und den italienischen "Premio Campiello". Zudem war er ein herausragender Kenner und Übersetzer des Werkes des portugiesischen Autoren Fernando Pessoa und damit für viele ein "Grenzgänger zwischen italienischer und lusitanischer Kultur".

Welterfolg

  Sein Welterfolg "Erklärt Pereira" (1994) spielt im Lissabon von 1938, im Portugal der faschistischen Herrschaft Salazars. Der Held - unvergesslich dargestellt von Marcello Mastroianni im gleichnamigen Film - ist ein alternder und bequem gewordener Journalist, der eigentlich mit Politik nichts zu tun haben will, bis er durch das Engagement eines jungen Kollegen und die Verhältnisse immer mehr ins Tagesgeschehen hineingezogen wird. So wird der unpolitische Intellektuelle zum Zeitzeugen, der eine eigene Position ergreift.

   Dabei sah Tabucchi selbst - trotz seines politischen Engagements - die Möglichkeiten der Literatur, in das Zeitgeschehen einzugreifen, eher pessimistisch: "Ich bin skeptisch, denn heute kann jeder Idiot im Fernsehen in Sekundenschnelle Millionen von Personen erreichen... mit einem Buch hingegen?"

   Die Wahl des Ortes in "Erklärt Pereira" ist kein Zufall. Seit vielen Jahren pendelte der Romancier und Professor für portugiesische Sprache und Literatur zwischen der Toskana und seiner Wahlheimat Lissabon - wo er nun auch starb - hin und her. Eines seiner schönsten Bücher, "Lissabonner Requiem" (1998), ist sogar auf Portugiesisch verfasst. "In dieser Sprache zu schreiben, war für mich eine Art Läuterung. So, als würde man in einen Fluss untertauchen und noch einmal getauft werden, auf den Glauben einer Religion, die man gar nicht kennt."

   Tabucchis Erzählungen und Romane changieren meist zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit. Als eine Art moderner E.T.A. Hoffmann in der alltäglichen Wirklichkeit das Fantastische, Mysteriöse und Bedrohliche aufzuzeigen, das war seine eigentliche Stärke. Es geht um Irrwege des Schicksals - und immer wieder um das Drama und die Unumkehrbarkeit der Zeit.

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