Kultur
27.03.2015

Wenn der Tod auf die Blase drückt

Otto Schenk und Harald Serafin als brillantes Altersheim-Duo in "Schon wieder Sonntag" (Kammerspiele).

Bob Larbeys Altersheim-Tragikomödie "Schon wieder Sonntag" hat eine untypische Hauptfigur: Dieser Cooper ist kein Opfer, kein Abgeschobener. Er ist freiwillig ins Heim gegangen, leistet sich mit seinen Ersparnissen eine aufwendige Betreuung. Dass ihm seine mit dem Leben überforderte Tochter und ihr ausgesucht uninteressanter Mann nur kurze Pflichtbesuche widmen, scheint ihm sogar recht zu sein: Zu langweilig sind die Flachdach-Ausbau-Geschichten des Schwiegersohnes.

Versteck

Dieser Cooper ist zu Beginn des Stücks kein Verzweifelter, im Gegenteil, er hat es sich gemütlich eingerichtet: Die Flirts mit der jungen Krankenschwester Wilson; die sarkastischen Wortgefechte mit der Raumpflegerin Mrs. Baker; die Schach-und-Whisky-Rituale mit seinem Freund Aylott. Cooper vermisst seine verstorbene Frau und seinen Enkel, der keine Lust auf den Sarkasmus des Alten hat, aber er bekämpft das Selbstmitleid erfolgreich mit bissigem Humor.

So erleben wir das Altersheim zu Beginn paradoxerweise als Ort, wo man sich erfolgreich vor der Zeit und dem Tod verstecken kann.

Aus dieser relativen Gemütlichkeit wird Cooper ansatzlos gerissen, als sich der Tod meldet. Anders als bei "Jedermann" schlägt er ihm nicht aufs Herz, sondern drückt auf die Blase – die plötzlich nicht mehr funktioniert. Und Freund Aylott, von dem er sich stets beim Schach demütigen lässt, weiß plötzlich nicht mehr, wie man einen Läufer zieht.

Helmuth Lohner, der vor vielen Jahren selbst einen (vergleichsweise jungen) Cooper spielte, inszenierte wunderbar unsentimental, ohne Pathos, aber mit viel Mitgefühl für die ihm anvertrauten Figuren.

Otto Schenk spielt den Cooper als körperlich fast schon zu hinfälligen Mann – der nur noch im Flirt mit der Krankenschwester Kraft entfaltet. Herrlich ist es, wie er den galligen Humor des Textes zelebriert. Die Slapstick-Nummer des Schuhe-Anziehens, die von grell komisch nach tief traurig kippt, ist ein Meisterstück. Wie dieser Cooper am Ende doch noch eine Verbindung zur ungeliebten Tochter aufbaut und sich mit würdevoller Wut weigert, den geistigen Verfall seines Freundes zu akzeptieren, berührt durch Wahrhaftigkeit.

Eindrücke aus "Schon wieder Sonntag" in den Kammerspielen

1/9

ARCHIVBILD: FOTOPROBE - "SCHON WIEDER SONNTAG"

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Ins Zombieland

Harald Serafin als Aylott ist die Überraschung des Abends: Ihm gelingt eine großartige, packende Darstellung ohne Schmiere oder falsche Töne – er ist ein starker Anwalt seiner Figur. Wie Serafin ganz am Ende den stillen Abgang des Aylott ins Land der "Zombies" spielt, rührt nicht nur seinen Sohn im Publikum zu Tränen.

Hilde Dalik ist als Schwester Wilson glaubwürdig sexy und glaubwürdig nett – wie die "Jugend" in einer Raimund-Inszenierung. Susanna Wiegand gibt der Mrs. Baker hantige Abgründigkeit – über ihr Leben würde man gerne noch mehr erfahren. Alexandra Krismer beeindruckt als Tochter mit vereistem Gefühlszentrum, die es kaum fertig bringt, den eigenen Vater zu berühren. Oliver Huether als genervter "Flachdach"-Ehemann assistiert ihr blendend.

Sehr freundlicher Applaus.

KURIER-Wertung: