Kultur 26.01.2012

Schock und Vorwürfe nach dem Tod Angelopoulos'

© Bild: epa

Griechische Medien beklagen den Tod des "Dichters des Weltkinos". Es wird berichtet, dass erst 40 Minuten nach dem Unfall ein Krankenwagen eingetroffen sei.

Nach dem Tod des griechischen Meisterregisseurs Theodoros (Theo) Angelopoulos steht das Land unter Schock. Der 76-Jährige, der für viele als der "Blick Griechenlands" galt, wurde am Dienstag während der Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Das Andere Meer" beim Überqueren einer Straße nahe der Hafenstadt Piräus von einem Motorrad erfasst und erlag im Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen und inneren Blutungen. Neben Lobgesängen auf den "Dichter des Weltkinos", so die Athener Zeitung "Ethnos", formulieren griechische Medien am Mittwoch auch Vorwürfe. So soll der Krankenwagen laut Zeugenaussagen erst 35 bis 40 Minuten nach dem Unfall eingetroffen sein.

Ein Sprecher der Sanitätergewerkschaft, Ioannis Houssos, hat daraufhin gegenüber dem Radiosender "Flash" den Mangel an Personal und die Wartung der Krankenwägen kritisiert. Demnach soll das erste vom innerstädtischen Krankenhaus losgeschickte Fahrzeug eine Panne gehabt und von einem zweiten Wagen abgelöst worden sein, ehe ein drittes Fahrzeug von einem nähergelegenen Spital aufgetrieben werden konnte. Darüber, ob den Motorradfahrer oder Angelopoulos selbst die Schuld an der Kollision trifft, spekulierten Medien nicht.

Wie ein Arzt des Krankenhauses "Metropolitan" der Nachrichtenagentur dpa sagte, sei Angelopoulos so schwer verletzt worden, dass die Ärzte ihn trotz dreistündiger intensiver Bemühungen nicht retten konnten. Im Krankenhaus sah man in der Nacht zum Mittwoch bestürzte Schauspieler, Techniker, Familienmitglieder und Freunde. "Er war ein Perfektionist. Wenn er drehte, gab es nur das auf der Welt", sagte ein Mitarbeiter. Der griechische Kulturminister Pavlos Geroulanos würdigte das Schaffen von einem der "bedeutendsten Schöpfer der siebenten Kunst und Botschafter der griechischen Kultur", der "unersetzbar" sei. Die Tageszeitung "Kathimerini" sprach Angelopoulos die Schöpfung eines "neuen Humanismus" zu, während "Ta Nea" seine "Vermittlung des griechischen Kinos bis ans Ende der Welt" hervorhob.

Kino als Ausweg aus der Bürgerkriegsmisere

Angelopoulos wurde am 27. April 1935 in Athen im Stadtteil Attiki-Agios Panteleimon geboren. 1941 wurde Griechenland von den Achsen-Mächten besetzt. Es folgte ein fürchterlicher Bürgerkrieg, dessen politisch-gesellschaftliche Folgen sein Leben und das Leben von Millionen Griechen verändern sollte. Angelopoulos war fasziniert vom Kino, dem Medium, das damals einen Ausweg aus der Misere zeigte, wie er sagte. Nach einem nicht abgeschlossenen Jurastudium wanderte er erst nach Frankreich aus, kehrte 1964 aber nach Griechenland zurück. Die Anerkennung kam in den 70er Jahren, als er sich in drei Filmen mit der jüngsten und schmerzhaften Geschichte seines Landes auseinandersetzte.

Sein mehrfach ausgezeichneter Film "Die Wanderschauspieler" (1975) verschaffte Angelopoulos auf internationalem Parkett den Durchbruch. Der Film erzählt in poetischen Bildern die Geschichte einer Truppe von Wanderschauspielern, die die jüngere griechische Geschichte reflektieren. Für "Alexander der Große" bekam er 1980 bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen, für "Landschaft im Nebel" erhielt er 1988 den Silbernen Löwen. Auch in Cannes reüssierte er: Für "Blick des Odysseus", in dem er sich mit dem Zerfall des Sozialismus auseinandersetzte, bekam er 1995 den Großen Preis der Jury in Cannes, für "Ewigkeit und ein Tag" mit Bruno Ganz und Isabelle Renauld 1998 schließlich auch die ersehnte Goldene Palme.

Angelopoulos konnte in seinen Filmen die jüngste Geschichte des Landes in eigenartiger Atmosphäre und von seinem unverkennbaren Blickwinkel aus wiedergeben, seine Charaktere waren jedoch oft schwierig und undurchsichtig. Er machte es dem Zuschauer nicht leicht. "Ich mache Filme für mich - nicht für die anderen", sagte er. Sein Epos über die dramatische Finanzkrise in Griechenland, "Das Andere Meer", konnte er nicht mehr fertigstellen.

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Erstellt am 26.01.2012