Kultur
16.12.2011

Schnee, der auf Zedern fällt - Von David Guterson

Nur wenige Tage Erzählzeit umspannt das 1994 erschienene Debüt von David Guterson und doch geht der Text erstaunlich in die Tiefe.

Vier Tage im Schneesturm auf einer Insel – so eng begrenzt ist der Rahmen dieses Romans. Erzählt wird von der Gerichtsverhandlung gegen Kabuo Miyamoto, angeklagt des Mordes an seinem Fischer-Kollegen Carl Heine. Die Geschichte spielt 1954, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, auf der fiktiven Insel San Piedro. Amerika hat Pearl Harbour längst nicht vergessen, Hass und Vorurteile gegen aus Japan stammende Amerikaner sind weit verbreitet. Und da Miyamoto mit Heine ein alter Streit um Ackerland verbindet, wird er rasch zum Verdächtigen Nummer eins.

Nur wenige Tage Erzählzeit umspannt das 1994 erschienene Debüt von David Guterson und doch geht der Text erstaunlich in die Tiefe. Durch kunstvoll eingesetzte Rückblenden führt der Autor bis in die Kindheit seiner Figuren zurück, zeigt ihre Sehnsüchte, Freuden und Ängste: Kabuo Miyamoto, der davon träumt, ein eigenes Erdbeerfeld auf der Insel zu bestellen. Seine Frau Hatsue, die als Kind in Ishmael Chambers verliebt war, aber erkennen musste, dass eine solche Beziehung keine Zukunft haben konnte. Ishmael selbst, der diesen Bruch nie überwand und nach grausamen Kriegserfahrungen zwischen seiner alten Liebe und dem neuen Hass auf „die Japse“ hin und her schwankt. Sheriff Art Moran, ein unsicherer Typ, der sich gut dabei vorkommt, endlich einmal wirklich „Sherlock Holmes zu spielen“. Sie alle – und noch etliche mehr – sind engmaschig verbunden auf diesem kleinen Spielbrett, der Insel San Piedro, irgendwo in der Bucht Puget Sound an der Küste Washingtons. Und sie alle kämpfen nicht nur gegen ihre privaten Dämonen, sondern gegen traumatische Kriegserinnerungen: Sowohl Kabuo Miyamoto wie Ishmael Chambers kämpften auf amerikanischer Seite, Hatsue und ihre Familie wurden nach Kriegsausbruch wie alle aus Japan stammenden Bürger verhaftet oder in Lagern untergebracht. Guterson war einer der ersten Autoren, der diesen Aspekt des Zweiten Weltkriegs thematisierte.

Der Schriftsteller lebt mit seiner Familie in eben jener Bucht auf Bainbridge Island, er kennt das Leben auf einer Insel und die zwangsläufige Verzahnung ihrer Bewohner. Bevor er mit 37 Jahren „Snow Falling on Cedars“ schrieb, arbeitete er als Lehrer und Journalist, veröffentlichte Kurzgeschichten und Essays. Sein Debüt machte ihn auf Anhieb weltbekannt: Der Roman wurde nicht nur mit Literaturpreisen bedacht, millionenfach verkauft und in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sondern 1999 von Scott Hicks – mit Ethan Hawke als Ishmael in der Hauptrolle – verfilmt.

Guterson lässt sich viel Zeit zum Schreiben: Erst 1998 legte er „Östlich der Berge“ vor, 2003 den modernen Bernadette-Roman „Unsere Liebe Frau vom Wald“ und 2008 schließlich den Roman einer Freundschaft „The Other“. An den Erfolg seines Erstlings konnte er allerdings nicht anknüpfen. Der Mix aus Krimi, Zeitgeschichte und Liebesroman macht den besonderen Reiz dieser 500 Seiten aus – selten gelingt eine solche Verquickung derart großartig. Gutersons Sprache ist einfach, gelegentlich altklug und an der Grenze zum Kitsch. Letztlich aber besticht der Roman aufgrund seiner auf die innenpolitischen Ereignisse nach Pearl Harbour ausgerichteten Vergangenheitsbewältigung, durch den geschickt eingeflochtenen Gerichtsplot und – auch – durch die sensibel erzählte Liebesgeschichte. Er überzeugt durch seine Atmosphäre, durch die gelungene Mischung aus Blizzard und Erdbeerfeldern, dem Lebensgefühl japanischer Einwanderer und wortkargen Fischern – eben durch den so eindringlich gezeichneten Schnee, der auf Zedern fällt.