Kultur
26.03.2012

Schlingensief: Wenn Afrika Wien wird

Bei der finalen Festwochen-Vorstellung von "Via Intolleranza II" spielte Christoph Schlingensief selbst mit - und meisterte technische Pannen.

Am Montag ging es zum dritten und letzten Mal mit Shuttlebussen zur Probebühne des Burgtheaters im Wiener Arsenal. Zum dritten Mal waren bei "Via Intolleranza II" Teilnehmer am afrikanischen Operndorf-Projekt Remdoogo auf der Bühne - aber diesmal, im Gegensatz zur Premiere am Samstag, auch der Initiator der Aktion: Regisseur Christoph Schlingensief. Es blieb nicht die einzige Besonderheit an einem Theaterabend, an dessen Beginn chaotische Zustände thematisiert werden. Eine Frau, die sich als Festwochen-Dramaturgin vorstellt, liest einen Text über die Beeinträchigungen vor, unter denen die Vorbereitungen an dem Theaterprojekt gelitten hätten. Sie berichtet von innerfamiliären Sorgen im Hause Hegemann, vom Vulkan-Chaos und von schweren Erkrankungen - nicht nur von jener des Regisseurs (siehe Premierenkritik).

Bei der Vorstellung am Montag war noch ein weiteres Problem dazu gekommen. Vor dem Beginn betrat überraschend Matthias Hartmann die Bühne. Der Burgtheater-Direktor sprach von Tonproblemen, die von der Stromversorgung ausgelöst worden seien. Nach einigen Minuten Verzögerung konnte es aber losgehen, konnte einer der zehn Darsteller aus Burkina Faso sein erstes Lied anstimmen - dann fiel der Ton wieder kurz aus.
Die flirrenden Videos, die Schlingensief auf transparente Vorhänge projizieren lässt, zeigen Bilder aus Afrika. In der szenischen Collage wird allerdings vielmehr das Afrika-Bild in Europa befragt - in vielen Teilaspekten: Das Mitleid mit afrikanischen Kindern, die Helferproblematik, unmenschliche Asyl-Politik, das zweischneidige Spenden-Sammeln oder bejubelte Körperkunst vom "schwarzen Kontinent". Kein einziges Mal wird allerdings die Fußball-WM in Südafrika erwähnt, die ja zurzeit Afrika der übrigen Welt angeblich näher bringen soll.

Wie schon bei der Premiere erscheint ein Alter Ego Schlingensiefs auf der Bühne: Stefan Kolosko spielt den entnervten Regisseur, dem alles über den Kopf zu wachsen scheint. Der die Sinnlosigkeit des Unterfangens anklagt.
Auch wenn der Ansatz, das zeitgenössische Musiktheater Luigi Nonos auf Afrika-Aspekte hin zu befragen, zunächst sehr artifiziell wirkt: Hier hat man es keinesfalls mit distanzierter "Kunstscheiße" zu tun (das Wort fällt an diesem Abend auch). Das Projekt geht viel näher. Und noch näher, als sich plötzlich Christoph Schlingensief unter seine Akteure mischt.

Das Chaos, das zunächst geordnet schien, droht nun auszuufern. Schlingensief gibt sich noch eine Stufe unversöhnlicher als sein Double. Macht sich etwa über das eigene Bühnenbild lustig, gibt klischeehafte Kalauer über Afrika zum Besten und zieht über die - in Form von Ministerin Claudia Schmied tatsächlich anwesende - Kulturpolitik her. Als dann auch noch der Ausfall der Videotechnik bekanntgegeben wird, meint man, sich in einem bösen Fiebertraum zu befinden.

"In Afrika könnte das nicht passieren", gibt sich Schlingensief kopfschüttelnd. Das gebe es nur in Wien und in Europa. Die teilweise streikende Bühnentechnik hat dem Regisseur an diesem Abend einen weiteren Anlass zur Dekonstruktion von Afrika-Klischees in die Hände gespielt. Oder: Afrika ist Wien geworden.
Laut Auskünften von den Wiener Festwochen und dem Burgtheater seien die Ausfälle nicht inszenatorisch beabsichtigt gewesen. Um improvisatorische Wendigkeit noch nie verlegen, nutzte Schlingensief die Pause, um die Akteure aus Afrika und Europa vorzustellen. Als dann auch noch das Licht teilweise ausfiel, sprachen die Darsteller im Schein einer Taschenlampe.

Warum viele Leute erst nach Bekanntwerden seiner Krebserkrankung in seinen Produktionen emotionalen Tiefgang feststellen würden, fragt sich Schlingensief in einem seiner Monologe. Er habe doch immer das Gleiche gemacht.
Und so verwendet er auch in der aktuellen Produktion bekannte Stilmittel. Als angedeutete Erlöserfigur stellt sich Schlingensief in "Via Intolleranza II" vor seine Laiendarsteller: "Halleluja! Halleluja!" ruft er immer wieder. Mit religiösen Anspielungen hatte der katholisch Erzogene etwa bereits in der Aktion "Chance 2000" die Segnungen des Kapitalismus und die Heilsversprechen von Fernsehshows ironisiert.

Schockeffekte setzt er - anders als in seinen Filmen - in seinem ersten Afrika-Theaterprojekt ausschließlich verbal ein: So bezeichnet Schlingensief etwa den Bestseller-Autor Henning Mankell wegen dessen Teilnahme an der Gaza-Hilfsflotte als "Antisemiten". Oder Festwochen-Chef Bondy und Volksbühnen-Ikone Frank Castorf als "Sesselkleber", die sich gegenseitig Produktionen zuschieben würden.
Es ist der Schlingensief-typische, schonungslose Umgang mit Darstellern, Kollegen - und mit sich selbst. Das Publikum nimmt die Scherze allerdings dankbar auf. Denn im nächsten Moment scheint alles wieder gut, da hebt Schlingensief Mankells Unterstützung für das Operndorf hervor und gibt zu, dass auch er selbst - wie Bondy und Castorf - Teil des Systems sei. Und dass er halt auch gerne in Wien inszeniere. Für Mai 2011 ist am Burgtheater wieder ein Projekt aus dem Operndorf, mit dem Titel "Parenté à plaisanterie", geplant.

Die maßlose Übertreibung, das Spiel mit der Realität, der bewusste Schock: Es hatte in Schlingensiefs Arbeit immer etwas Reinigendes, auch Religiöses. So auch in "Via Intolleranza II", sowie überhaupt im Operndorf-Projekt: Schlingensief macht "für uns" die Drecksarbeit, nimmt die Bürde des Scheiterns auf sich, sagt, was gesagt werden muss - und auch, was nicht gesagt werden muss. Und hebelt es im nächsten Moment wieder aus. Man blickt nach diesem Abend sehr wahrscheinlich mit anderen Augen auf Afrika - und auf die eigene Arroganz. Vielleicht auch mit mehr Ehrlichkeit. Aber das kann einem Schlingensief nicht auch noch abnehmen.

Nach zwei anfordernden Stunden und dem anschließenden Jubel stellten sich viele an, um die zum Teil von Christoph Schlingensief signierten Produkte aus dem Operndorf zu erwerben. Der Regisseur sammelt auch weiterhin Geld für sein Herzensprojekt.