© KURIER/Wessig Michael

Kultur
09/04/2012

Schlafes Bruder - Von Robert Schneider

In anachronistischer Sprache und mit derber Dramatik beschreibt Robert Schneider die Lebensgeschichte von Elias Alder, der beschließt, nicht mehr zu schlafen.

Des Schlafes Bruder, das ist der Tod. Schon die ersten drei Zeilen dieses gerade einmal 200 Seiten umfassenden, aber nichtsdestoweniger gewaltigen Romans, verraten es: "Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen." Was mitnichten verraten wird, ist das Wie und vor allem das Warum. So folgen wir atemlos jener Lebensgeschichte von Elias Alder, der Anfang des 19. Jahrhunderts in einem isolierten vorarlbergischen Gebirgsdorf aufwächst.

Robert Schneider beschreibt dieses Leben in anachronistischer Sprache und derber Dramatik. Gewalt und Wahnsinn sind die vorherrschenden Motive, die Elias’ Biografie bestimmen, die Enge der Landschaft und Gedankenwelt ihrer Bewohner. Und die Musik, die das Ausnahmetalent von Anfang an prägt: Bereits als Kind zeigt sich Elias’ Genialität an der Orgel, seine fast schon dämonisch anmutende Fähigkeit, mit den Klängen dieses Instruments die "Apotheose des Himmels" zu malen. Aber diese musikalische Kraft geht noch tiefer: Elias Alder kann auch hören, was allen anderen Menschen verborgen bleibt: die Klänge des Universums in der ihn umgebenden Natur oder den Herzschlag seiner noch ungeborenen Cousine Elsbeth, in die er sich verlieben wird. Elias wird aber bis zu seinem Tod ein angefeindeter, gequälter Außenseiter bleiben: mit gelb verfärbten Augen, unglücklich verliebt und gesegnet mit einer musikalischen Begabung, die er in seiner Umwelt nicht leben kann und darf. Wichtigster Bezugspunkt ist für ihn sein Freund Peter – Elsbeths Bruder – aber auch er schwankt zwischen Hass, Eifersucht und Liebe.

 

" Schlafes Bruder" überraschte als ein sensationeller Erfolg: In 36 Sprachen wurde Robert Schneiders Roman übersetzt und verkaufte sich mehr als eine Million Mal. Aber er spaltete auch von Beginn Leserschaft wie Kritiker: Die einen feierten Schneider als genial, stellten seinen Musiker Elias Alder auf die gleiche Stufe mit Thomas Manns Adrian Leverkühn, den Tonkünstler aus "Doktor Faustus". Andere konnten mit Schneiders altertümelnder Sprache, die wunderbar zu der untergegangenen Alpenwelt mit den drastischen und derben Beschreibungen eines durch Inzucht und Lynchjustiz geprägten Dorflebens passt, wenig anfangen. Die vollständige Umkehrung des Heimatromans, bei der sich jegliche Idylle in einen Höllenkreis verwandelte, irritierte viele Leser. "Schlafes Bruder" erschien 1991 im Reclam Verlag Leipzig. Lob und Literaturpreise regneten auf den damals völlig unbekannten und gerade dreißig gewordenen Robert Schneider herab. Neues Aufsehen erregte der vier Jahre nach Veröffentlichung abgedrehte Kinofilm von Joseph Vilsmaier. An den bahnbrechenden Erfolg seines Erstlings konnte Schneider nicht anknüpfen: Die mit Spannung erwartete "Luftgängerin" von 1998 wurde von der Kritik verschmäht. Erst der 2007 erschienene Roman "Die Offenbarung" überzeugte abermals mit pointierten Dialogen, viel Witz und lebendigen Figuren.

Es bleibt also spannend um den 1961 in Voralberg geborenen Robert Schneider. Dem Medienrummel um seine Person kehrte er schon längst den Rücken. In einem Interview erklärte er, dass seine literarische Sozialisation aus dem alten Österreich herrühre – Canetti, Musil und Roth: "Mich hat der ungeheure Sprach- und Bildreichtum, das Musikantische dieser Dichter immer fasziniert."

Der außerordentlichen Sprachmusik in "Schlafes Bruder" werden wir, seine Leserinnen und Leser, jedenfalls noch sehr lange nachlauschen.

 

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