Kultur
08.12.2011

Schiele: Expressionistische Erfrischungen

120 Egon-Schiele-Blätter aus der Albertina gastieren im Kunstbau des Lenbachhauses in München: Eine fulminante Schau, die neue Perspektiven auf den Künstler eröffnet.

Den Künstler hemmen ist ein Verbrechen, es heißt keimendes Leben morden!" Egon Schiele schrieb diesen Spruch neben ein Selbstporträt, das ihn unrasiert und mager zeigt. Zugleich umgibt ihn eine mit Bleistift gezeichnete Fläche, die eine Decke, aber auch ein Flügel sein könnte.
Das Blatt, das den Auftakt eines fulminanten Gastspiels von Schiele-Beständen aus der Albertina in München bildet, entstand am 23. April 1912. Während der Künstler wegen des Vorwurfs der Verführung Minderjähriger in Neulengbach in Untersuchungshaft saß.
Im Münchener Kunstbau ist das Werk Teil eines Abschnitts mit dem Motto "Das moderne Subjekt": Nicht die Biografie soll hier der Leitfaden der Schau (bis 4. 3. 2012, Info: www.lenbachhaus.de) sein, sondern die geistige Verfassung zu Schieles Zeit. Der Expressionist, so die These, schuf nicht bloß "aus sich heraus", er reagierte auf sein Umfeld.

Klarheit

Aus diesem Zugang ergibt sich eine Klarheit, die die Kunstwerke erst recht strahlen lässt: Obwohl die 120 Blätter allesamt aus der Albertina stammen, konnte die Münchener Kuratorin Helena Pereña sie eigenständig arrangieren.  Statt lange Texte beizustellen, setzte die Kuratorin auf Schieles eigene Schriften - Briefe, Gedichte, Manifeste -, die, teils groß auf Stellwänden reproduziert, das Emotionale und das Gekünstelte in Schieles Werk gleichermaßen hervorstreichen.
Am meisten aber erzählen die Werke selbst, und wer meint, man könne sich an Schiele sattsehen, wird einmal mehr eines Besseren belehrt. Seit der großen Schiele-Schau in der Albertina 2005/06 waren die Blätter nicht mehr ausgestellt - jene Bilder, die das Museum in der Zwischenzeit verliehen hatte, kamen für München aus konservatorischen Gründen nicht infrage, erklärt Albertina-Direktor Klaus Albrecht
Schröder. Der Reichtum der Papierarbeiten bleibt überwältigend - manches ist in mehreren Ausführungen vorhanden und ermöglicht so den Blick auf Nuancen.
Erhellend sind auch die Kombinationen unterschiedlicher Motive, die Schieles Gestaltungsprinzipien deutlich machen: Eine Pflanze ("Roter Fingerhut", 1910) erscheint mit derselben Deckweiß-Umrandung ähnlich isoliert wie das Bild des Verlegers Eduard Kosmack aus demselben Jahr. Die verkrampfte Pose in einem anderen Selbstbildnis aus der Haft (Inschrift: "Ich werde für die Kunst und meine Geliebten gerne ausharren") wiederholt sich 1913 im Bild einer "Liegenden Frau mit geneigtem Kopf".
Die Dokumente, die die Ausstellung zusätzlich präsentiert, ergänzen derartige Schau-Erlebnisse ideal. Es lohnt sich, den Albertina-Blättern nach München nachzureisen - es ist eine Erfrischungskur für das Auge.

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