Liebevolles, ironisches Porträteiner Mutter: Sarah Stricker.

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Mutter war sehr talentiert, außer bei der Liebe
09/21/2013

Mutter war sehr talentiert, außer bei der Liebe

"Fünf Kopeken": Im Romandebüt der deutschen Journalistin wird ein Bild geradegerückt bzw. schiefgerückt bzw. aus dem Rahmen gerissen.

Die Chance, das Bild der eigenen Mutter ein wenig geradezurücken, also eigentlich schiefzurücken, aus dem Rahmen zu reißen:

Die Erzählerin in „Fünf Kopeken“ lässt sie nicht ungenutzt verstreichen. Zum Glück für den Leser, denn das Romandebüt der 32-jährigen Sarah Stricker ist großartig.

Die deutsche Journalistin und Literaturwissenschaftlerin, die in Tel Aviv lebt, erzählt unsentimental und ironisch-pointiert vom Scheitern der Protagonistin am Leben und an der Liebe, eingebettet in einen turbulenten Familienroman.

„Meine Mutter war zu hässlich, um dumm zu sein“, heißt es an einer Stelle lakonisch. Nicht einfach klug ist sie, sondern ein Genie, das mit so vielen Talenten aufwartet, „dass mein armer Großvater sich in den ersten Jahren gar nicht entscheiden konnte, welche ihrer Gaben das ganze Gewicht seiner übersteigerten Erwartungen am meisten verdiente.“

Rastlos

An zwei Dingen hapert es allerdings: am Talent zur Liebe und am Mut zur Absage an die Erwartungen der Wirtschaftswunder-Familie, die – erst in der pfälzischen Provinz, dann in Berlin – ein Modeimperium aus dem Boden stampft.

Der Rastlosigkeit der Großeltern flößt nichts mehr Schrecken ein als die Zeit – „außer die, die man nicht hatte und/oder einem weglief, die mochten alle, Beweis der Emsigkeit, die einen Schneider erst zum Schneider macht.“

Und so wird die Mutter von Kindesbeinen an auf Effizienz getrimmt, die Selbstverausgabung wird zur Lebensmaxime. Dass das nach gut 500 Seiten immer noch unterhält, verdankt man dem Esprit der Autorin, deren Witz und stilistischer Elan dem Roman etwas Beschwingtes verleihen.

Allerdings gibt es doch einen gewissen qualitativen Bruch zwischen erster und zweiter Hälfte des Romans:

Wie ein Katalog

Auf Seite 152 trifft der nüchterne Verstandesmensch auf die Liebe in Gestalt des phlegmatischen Schmuddel-Nachbarn; wobei die Tatsache, dass dieser in etwa so viel Interesse an ihr zeigt wie an einem Katalog, der „einem ungefragt in den Briefkasten gesteckt wurde“, die Sache nicht eben besser macht.

Die Mutter wird auf eine Geduldsprobe gestellt. Der Leser leider auch, denn zwischen den Variationen an körperlichen und seelischen Verrenkungen dieser Frau bleiben Witz und Tempo etwas auf der Strecke.

Dennoch ist diese Lebensbeichte, die vor allem der Selbstversicherung dient, ein bemerkenswertes Debüt, das sich durch die Kohärenz des ganz eigenen – äußerst stimmigen – Stils der Autorin auszeichnet.

KURIER-Wertung:

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