Salzburg: Politischer Festspiel-Auftakt

Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen."
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Bundespräsident Heinz Fischer nahm in seiner Eröffnungsrede der 91. Salzburger Festspiele auf den Terroranschlag von Oslo Bezug.

Bundespräsident Heinz Fischer hat am Mittwoch, 27. Juli, die 91. Salzburger Festspiele eröffnet. Das Festival wird heuer von Intendant Markus Hinterhäuser geleitet und steht unter dem Generalthema "Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken". Bis 30. August stehen an 35 Tagen 242 Veranstaltungen an 13 Spielstätten auf dem Programm. Am Abend gehen mit dem Schauspiel "Jedermann" und der Mozart-Oper "Le nozze di Figaro" zwei Premieren über die Bühne. Zu den künstlerischen Höhepunkten der kommenden Wochen zählen die Oper "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss, Verdis "Macbeth" sowie eine neunstündige "Faust"-Inszenierung auf der Halleiner Perner Insel.

Der Festakt begann um 11.00 Uhr in der Felsenreitschule. An das Rednerpult traten Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, Kulturministerin Claudia Schmied, Bundespräsident Fischer und der deutsche Bürgerrechtler Joachim Gauck als Festredner (siehe weiter unten). Der Vorsitzende des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie" war führendes Mitglied der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR und war anstelle des ursprünglich vorgesehenen und dann ausgeladenen Schweizer Globalisierungskritikers Jean Ziegler eingeladen. "Ihr Leben, Herr Gauck, ist geprägt vom Mut zur Wahrheit", sagte Festspielpräsidentin Rabl-Stadler in ihrer Begrüßung. Das Motto der diesjährigen Festspiele könnte auch für die Lebensleistung des Festredners stehen.

Vor der Eröffnung haben Aktivisten der "Plattform Zivilgesellschaft" und der Salzburger "Grünen" die nicht gehaltene Rede von Jean Ziegler an Festspiel- und Zaungäste vor den Festspielhäusern in der Hofstallgasse verteilt. Es handelte sich dabei um eine 16-seitige Broschüre des "Ecowin"-Verlages mit dem Titel "Aufstand des Gewissens". Der Text war zuvor in gekürzter Form im KURIER veröffentlicht worden.

"Lassen uns Demokratie weder wegbomben noch wegschießen"

Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen." Foto: APA Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen."

Bundespräsident Fischer nahm in seiner Ansprache auch auf das Massaker in Norwegen mit mindestens 68 Toten Bezug: "Die ungeheuren Verbrechen eines offenbar rechtsextremen, fremdenfeindlichen, wahngeleiteten Fanatikers in Norwegen müssen auf ein europaweites, festes und unzerstörbares Bündnis von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität stoßen. Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen." Anschließend spannte er einen Bogen zur Europa-Politik. "Wir müssen ein österreichisches und europäisches Herz haben." Europa sei trotz der Herausforderungen dauerhaft eine große Chance. "Solidarität beruht auf Gegenseitigkeit und ist nicht zum Nulltarif zu haben." Gerade die europäische Kultur sei hervorragend geeignet, dieses europäische Bewusstsein zu stützen. "Immerhin sind Künstlerinnen und Künstler, Regisseure und Dirigenten aus fast 30 Nationen am Programm der Salzburger Festspiele beteiligt."

Festspiel-Skandal thematisiert

Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen." Foto: APA Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen."

Die Salzburger Landeshauptfrau meinte in Anspielung an die "Osterfestspiel-Affäre", in der die Staatsanwaltschaft wegen Malversationen gegen acht Beschuldigte ermittelt: "Wir alle haben in dieser Zeit so manche Lektion gelernt." Wer wie die Festspiele auf einen "Hunderter" zugehe, müsse auch einmal ein Gewitter aushalten können. Burgstaller wies anschließend auf die Notwendigkeit einer gesellschafts- und kulturpolitischen Gegenbewegung zur "Diktatur des Ökonomismus" und zum "Zynismus der Finanzmärkte und ihrer Ratingagenturen" hin, die "mit einem Federstrich über das Wohl und Wehe ganzer Nationen und damit von Millionen Lebensrealitäten und Zukunftshoffnungen entscheiden". Dass gerade in diesem Jahr "Faust" auf dem Spielplan steht, sei mehr als die Regie des Zufalls: "Wie beklemmend im Faust manche aktuellen Bezüge doch sind: Die Rettung des bankrotten Kaisers durch die 'teuflische' Erfindung des Papiergelds, die Wertschöpfung aus dem Nichts, die Abhängigkeit der Mächtigen von ihren Financiers, der Ersatz bestehender Tugenden durch das neue Ideal von Habsucht und Gier - 'Jedermann' lässt grüßen".

Kulturministerin Claudia Schmied beleuchtete in ihrer Ansprache in der Felsenreitschule das Verhältnis von Politik zu Kunst und Kultur. Über Jahrhunderte hindurch seien Künstler im Abendland als Unruhestifter statt als konstruktive Kritiker wahrgenommen worden. Es sei eine der großen Errungenschaften der aufgeklärten Politik, dass künstlerisches Schaffen und intellektuelle Kritik nicht als Störung, sondern als Chance für Erkenntnis und Kurskorrektur und damit als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet würden. "Kulturpolitik gibt keine Inhalte vor, reguliert Kunst nicht, sondern sie schafft den Rahmen, in dem sich Kunst entwickeln kann." Und dazu bekenne sie sich, betonte Schmied. Österreich habe hier unter den aufgeklärten Staaten des westlichen Europas eine Vorreiterrolle eingenommen. "Erst über die gesellschaftliche Wahrnehmung kann Kunst ihre volle gesellschaftliche Wirkung entfalten." Förderung von Kunst und einer kritischen Öffentlichkeit gehörten zusammen, sagte Schmied.

Gauck hielt Plädoyer für das "weniger Schlechte"

Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen." Foto: APA Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede: "Wir lassen uns Demokratie und Menschenrechte weder wegbomben noch wegschießen."

Joachim Gauck hatte als Festredner zweifellos einen schweren Stand. Der 71-jährige Ex-DDR-Pfarrer, Bürgerrechtler und Bundespräsidentschaftskandidaten war kurzfristig anstelle des ursprünglich vorgesehenen Globalisierungskritikers Jean Ziegler als Festredner eingeladen worden. In seiner Rede hielt er ein Plädoyer für die Auseinandersetzung mit der realen Politik und warnte nach den jüngsten Terrorattentaten vor der Beschneidung bürgerlicher Freiheiten.

Gauck, zweifellos bedeutende und viel gehörte moralische Instanz Deutschlands, stellte die Unfreiheit in der ehemaligen DDR in den Mittelpunkt seiner Rede. "Durch meine schiere Präsenz ist ein Zeichen gesetzt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass freie Menschen in Freiheit und ohne Zensur, ohne den Nachweis des Wohlverhaltens durch die beteiligten Künstler einander in einem Festival begegnen, wo die Freiheit der Kunst und der Künstler einfach zusammengehören."

Gauck rief die Leistungen und Risiken der Vorkämpfer für Demokratie und Bürgerrechte - etwa des früheren tschechischen Präsidenten, Ex-Dissidenten und Dramatikers Vaclav Havel - in Europa in Erinnerung. "In jenen Zeiten wartete keineswegs die Siegerstraße, sondern das Gefängnis auf die Mutigen. Dissidenten - so schien es manchem Herrscher, aber auch Heerscharen von Mitläufern - mussten nicht ganz normal sein, wenn sie nicht taten, was doch offensichtlich für sie gut war. Schließlich können es in solchen Gesellschaften fast alle: Die Wirklichkeit mit den Augen ihrer Unterdrücker sehen. Mancher, der als Jugendlicher noch eigenständig gedacht hatte, war als Erwachsener dazu übergegangen, den Unterdrücker zu einem Teil des eigenen Ich zu machen, lebte also mit einem internalisierten politischen Über-Ich."

"Unwirtliche Ebenen der Politik"

Die Verantwortlichen der Festspiele 2011 wollten mit dem Motto "Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschlich Denken" an die geheimnisvollen Fähigkeiten der Kunst erinnern, den Menschen zu dem zu machen, was er sein könnte: "Sensible, schöpferische, mit gutem Geist ausgestattete Wesen... Wir wissen, dass wir hinreichend oft in unserem Leben eine Wahl haben - nicht immer nur zwischen Gut und Böse, oft aber zwischen Besser und Schlechter, selbst- oder fremdbestimmt."

Gauck hob die Notwendigkeit hervor, sich mit der realen Politik auseinanderzusetzen. Die Seele brauche zwar Flügel, aber politischen Utopien sei tief zu misstrauen. "Wir tun gut daran, weniger nach der vollkommenen Gesellschaft zu trachten, sondern stattdessen in mühseliger Arbeit das Bessere - oder wenn Sie so wollen: das weniger Schlechte - zu gestalten. Dies bedeutet nicht, sich der Banalität zu verschreiben, es bedeutet der Realität standzuhalten... Wir haben nichts Besseres als das nicht vollkommene, aber lernfähige System aus Freiheit, den Menschen- und Bürgerrechten, der Herrschaft des Rechts und einer ebenso erstaunlichen wie neuen Friedenswilligkeit".

Gegen Ende der Rede streute Gauck dem geladenen Publikum und den Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Kultur in der Felsenreitschule Rosen: "In Salzburg würden sich Menschen treffen, die Freude an Freiheit hätten. An der Freiheit der Erwachsenen, mit anderen Worten, an der Freiheit mit Verantwortung." Und dann warnte Gauck davor, sich von Fanatikern und Mördern Freiheiten wegnehmen zu lassen: "Die Politik ist schlecht beraten, für mehr Sicherheit Freiheitsrechte zu beschneiden." Und schließlich nicht ohne Pathos: "Damit unsere dürstenden Seelen in den unwirtlichen Ebenen der Politik überleben können, haben wir die Künste."

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(apa, red. / tem) Erstellt am
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