Regina Spektor

© /Shevrin Lainez/Warner Music Group

Interview
09/30/2016

Regina Spektor: "Keiner flüchtet gerne"

Sängerin Regina Spektor spricht über Wiener Fischgeschäfte, die Mutterrolle, ihre Emigration und das neue Album "Remember Us To Life".

von Brigitte Schokarth

Das "k" im Namen hat die in Moskau geborene Singer/Songwriterin Regina Spektor aus Wien. Als sie neun Jahre alt war, nützten ihre Eltern die Chance, während der Perestroika nach New York zu emigrieren. Die neuen Papiere bekam die Familie in der Zwischenstation Wien. Noch immer, erzählt Spektor im KURIER-Interview, hat sie viele Erinnerungen an die Donaumetropole.

KURIER: Sie sind 2014 Mutter geworden. Wie hat das die Songs von "Remember Us To Life" beeinflusst?

Regina Spektor: Schwer zu sagen. Für mich ist Songschreiben ein extrem mysteriöser Prozess. Dass ich nicht genau weiß, was dabei passiert, ist der Grund dafür, dass ich ihn so liebe. Natürlich verändert es alles, wenn man ein Baby bekommt. Das war eine Zeit, die wunderbar und unbeschreiblich war. Und zugleich für mich persönlich auch schwierig und verwirrend. Und so emotional! Das hatte bestimmt Einfluss auf die Stimmung und Inhalte der Songs. Aber durch das Baby habe ich vor allem eine andere Arbeitsethik entwickelt. Denn jetzt es ist notwendig, die wenige Zeit, die mir für die Musik bleibt, bestmöglich zu nützen.

Wien war bei Ihrer Emigration nach New York die erste Station. Woran erinnern Sie sich?

Es war eine ganz große Sache für uns, in Wien angekommen zu sein. Denn die Reise war ziemlich stressig. Ich erinnere mich, dass ich zum ersten Mal sah, wie meine Eltern keine Kontrolle mehr hatten. Denn die Leute von den Behörden waren bei der Ausreise sehr böse mit ihnen. Sie zerschnitten unsere Pässe, ließen uns alle Sachen auspacken. Ich musste zusehen, wie sie meine Eltern demütigten. Als kleines Kind siehst du deine Eltern aber als die, die alles wissen und alles im Griff haben. Da ist so etwas verunsichernd. Andererseits war es für mich furchtbar aufregend. Ich musste mich ja nicht um die Abwicklung kümmern, aber ich durfte zum ersten Mal fliegen. Und das Essen war so interessant.

Das Essen in Wien?

Ja. Ich erinnere mich, dass mich diese vielen kleinen Becher mit den unterschiedlichen Joghurt-Sorten fasziniert haben. Denn in der Sowjetunion musste man seinen eigenen Becher oder ein Glas mitbringen, wenn man Joghurt gekauft hat. Meine Mum und meine Tante kamen in Wien einmal an einem Fischgeschäft vorbei, wollten dort Fisch kaufen, taten es aber nicht, weil sie kein Papier und kein Sackerl dafür mit hatten. Erst später erfuhren wir, dass man das gar nicht braucht, dass der Fischhändler den Fisch für dich nicht nur einpackt, sondern auch filetiert. Ich erinnere mich auch an die vielen Blumen auf den öffentlichen Plätzen – alles war so wunderschön und gepflegt.

Haben Sie auch schlechte Erfahrungen gemacht?

Nicht mit den Leuten, wir wurden sehr gut behandelt. Aber wir waren zu sechst in einem Zimmer mit drei Stockbetten, wo man keinen Boden mehr sah, weil sie direkt nebeneinander standen. Man musste über und durch die anderen Betten krabbeln, um schlafen zu gehen. Drei von uns wurden dort sehr krank. Auch ich hatte extrem hohes Fieber. Deshalb ist es mir gerade in dieser Zeit wichtig zu sagen: Keiner flüchtet gerne. Das sind Strapazen, die man sich nur mit gutem Grund antut.

Sie hatten in Moskau klassisches Klavier gelernt, dann in New York aber anfangs kein Instrument. Stimmt es, dass Sie dort geübt haben, indem Sie auf Tischplatten "spielten"?

Das ist richtig. Dabei ging es mir um die Kraft in den Fingern. Ich denke, das ist so wie bei jedem, der regelmäßig in einem Fitnessstudio trainiert, und dann aufhören muss. Das geht dir ab und du wirst total unruhig.

Sie haben den Titelsong für den Netflix-Serien-Hit "Orange Is The New Black" geschrieben, der von einer Frau im Gefängnis handelt. Hat Sie daran die Thematik interessiert?

Jenji Kohan, die "Orange Is The New Black" kreiert hat, ist ein Fan von mir und hatte schon in ihrer vorherigen Serie "Weeds" viele Songs von mir. Diesmal hat sie mich gefragt, ob ich etwas speziell dafür schreibe. Sie hatte mir damals zwar erzählt, worum es geht, aber es wurde noch nicht gedreht. Ich habe trotzdem den Song geschrieben. Denn als es die ersten Ausschnitte zu sehen gab, war ich schon wieder auf Tour. Da war ich dann verblüfft – und total froh darüber – wie gut "You’ve Got Time" zu der Serie passt.

Wie wichtig ist es in der heutigen Musikszene, Songs auch in so einem Forum zu verbreiten?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass ein ehrlicher Selbstausdruck immer noch die beste Strategie für einen Erfolg als Musiker ist. Wenn du Kunst machst, die dich selbst inspiriert, die du selbst aufregend findest, setzt sich das viel eher durch, als wenn du großartige Business-Pläne für die Vermarktung entwickelst. Wie alles andere habe ich auch "Orange Is The New Black" nur gemacht, weil es mich künstlerisch interessiert hat. Ich wusste nicht, ob das groß wird. Aber es ist natürlich toll, dass es so erfolgreich ist.

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