Kultur
27.07.2017

Sabine Derflinger: "Dazu bin ich viel zu goschert"

Sie ist Produzentin, Autorin und Regisseurin, unter anderem bei Kult-Serien wie „Vorstadtweiber“ und „Vier Frauen und ein Todesfall“. In der kommenden Saison inszeniert Derflinger Johann Nestroys „Der Zerrissene“ im Landestheater Niederösterreich. Ein Gespräch über Geld, Glück und Freimaurer.

KURIER: Wollten Sie immer schon Theater machen?

Sabine Derflinger: Ja. Ich liebe am Theater, dass man hier, im Unterschied zum Film, anders mit Text umgeht, dass es so unmittelbar ist und dass man in einem Raum direkt mit dem Zuschauer verbunden ist. Und dass man es mit einer anderen Form der Imagination zu tun hat. Man ist weniger realitätsbezogen als gemeinhin beim Film. Im Film wird eine dicke alte Frau von einer dicken alten Frau gespielt, und sicher nicht von einem kleinen Buben. Das Theater ermöglicht andere Imaginationsräume. Außerdem finde ich es spannend, dass ich am Theater, länger als beim Film üblich, mit Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun und so die Möglichkeit habe, mit ihnen gemeinsam etwas zu entwickeln.

Sie haben von Unmittelbarkeit gesprochen. Das ist etwas, das beim Film natürlich fehlt. Im Theater spürt man die Reaktion der Zuschauer sofort. Ist das ein besonderer Reiz für Sie?

Ein spezieller Reiz sicher, aber auch eine spezielle Angst. Die Angst, die Dinge nicht so kontrollieren zu können, wie ich das gewohnt bin. Ich bin zwar jemand, der auch beim Film sehr frei arbeitet, bei mir können die Schauspielerinnen und Schauspieler sehr viel entwickeln, aber trotzdem habe ich die Kontrolle. Das ist beim Theater so nicht möglich. Das finde ich aufregend und ein bisschen angsteinflößend (lacht).

Sie sind eine Filmemacherin, die sich stark für Frauen engagiert und Schauspielerinnen, etwa mit Serien wie den Vorstadtweibern, stark in den Vordergrund stellt. Nestroy ist allerdings kein Autor, der berühmt ist für seine ausdruckstarken Frauenrollen. Feminist war er eher keiner.

Ja, das stimmt. Auch der Zerrissene ist ein Stück über Männer. Aber man muss nicht in jedes Stück etwas hineininterpretieren. In diesem Stück geht‘s um die Klassenfrage. Ich werde so arbeiten, wie ich es immer tue: Ich mache das, was es ist. Wenn ich einen Dokumentarfilm mache, mache ich einen Dokumentarfilm, wenn ich eine romantische Komödie mache, mach ich eine romantische Komödie, wenn ich eine Krimi mache, mach ich einen Krimi. Dass ich persönlich Feministin bin, wird sich aber da und dort sicher niederschlagen. Etwa in der Art und Weise, wie man eine Frau kleidet oder positioniert. Die politische Haltung, die jemand hat, färbt natürlich immer auf alles ab, was man tut. Aus einem Nestroy aber ein feministisches Stück zu machen, halte ich für eher unmöglich (lacht).

Was ist dieses Stück Ihrer Meinung nach? Eine temporeiche Verwechslungskomödie oder ein philosophisches Nachdenken über Sein und Haben?

Vor allem ersteres. Der Unterhaltungswert ist sehr groß. Natürlich gibt es darin die Frage: Was will man vom Leben? Ich habe das Stück in den letzten Wochen gefühlte fünfzig Mal gelesen. Der Hauptprotagonist einfach jemand, der auf die Butterseite gefallen ist. Er stürzt zwar kurzfristig ab, aber er ist in seiner Klasse sicher.

Ist finanzielles Glück ein Schlüssel zum Lebensglück?

Für mich schon! Das ist immer so eine Sache. „Geld macht nicht glücklich“....

... das sagen immer die, die es haben.

Ja. Natürlich gibt es Dinge, die man sich nicht kaufen kann. Aber materielle Sicherheit macht frei. Wer Tag und Nacht daran denken muss, wie er überlebt, ist nicht frei. Das bedeutet allerdings nicht, dass man nicht trotzdem zwischendurch glücklich sein kann. Momente des Glücks sind auch in schwierigen Leben vorhanden. Man kann auch Glück empfinden, wenn man einen Kirschenbaum anschaut. Und Geld kann einen nicht retten, wenn man in sich nicht erfüllt ist....

... aber ein voller Kühlschrank und eine funktionierende Heizung sind doch gute Voraussetzungen fürs Glück.

Ja, durchaus.

Gerade in der Kunstbranche gibt es viele Menschen, die am Rande des Existenzminimums darben. Haben Sie selbst auch so eine Zeit erlebt?

Ja, ganz extrem. Bevor ich die Möglichkeit bekam, Fernsehen zu machen und vom geförderten Film überleben sollte. Da war ich schon über vierzig. Es kam vor, dass ich keine zwanzig Euro mehr in der Tasche hatte und mir nichts mehr ausborgen konnte. Das war schon die Härte. Ich kann mich erinnern, als ich einmal in Berlin einen großen Preis bekommen habe. Um zur Preisverleihung fliegen zu können, musste ich mein Sparschwein plündern. Im Hotel stand ich hungrig vor der Minibar, und konnte mir nichts nehmen, weil ich einfach kein Geld hatte. Bei der Preisverleihung wurden dann Reden gehalten, von wegen, ich hätte es geschafft, und ich dachte mir: Hast du eine Ahnung! Der Preis war zwar mit Geld verbunden, der Scheck kam aber erst später und an dem Abend musste ich mich an der Bar auf einen Kaffee einladen lassen. Daran denke ich immer wieder. Es ist schwierig, darüber zu reden. Man schämt sich seiner prekären Situation und wenn man dann endlich Erfolg hat, dann fühlt man sich fast wie ein Betrüger. Man steht in der Zeitung und denkt sich: Irgendwann werden sie mir draufkommen! Es gab einen Punkt, wo ich wirklich nicht mehr weiter wusste und mir dachte, okay, dann mache ich eben keine Filme mehr, dann muss ich mir einen anderen Job suchen. Ich hab überlegt, ob ich nicht im Waschsalon unter meiner Wohnung anheuern soll. Oder in einem Büro arbeiten. Ich habe dann viel unterrichtet, an der Uni und an der Filmakademie, es ging sich irgendwie aus.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich denke oft, der Erfolg kann morgen vorbei sein. Wer weiß. Aber ich habe eine innere Freiheit gefunden. Wenn es sich nicht mehr ausgeht, dann finde ich mir etwas anderes. Irgendwie geht es immer weiter. Allerdings gibt es nichts, das mir so viel Freude bereitet wie meine Arbeit.

Sie sind sehr breit aufgestellt. Von Dokumentarfilm über Spielfilm bis hinzu Serien. Sie schreiben, produzieren, führen Regie. Das Gefühl „es geschafft“ zu haben, hatten Sie nie?

Doch, für mich persönlich, im Sinne, dass ich eine klare Vorstellung von dem habe, was ich mache. Aber es kann sein, dass ich morgen nicht mehr davon leben kann und mit meinem Handy Filme mache.

Also auf der sicheren Seite fühlen Sie sich nicht?

Nein, das könnte ich auch nur, wenn ich stark lobbyieren und mich mit Menschen verknüpfen würde, die mich die nächsten zehn Jahre durchfüttern. Aber das liegt mir nicht. Dafür bin ich nicht der Mensch. Dazu bin ich viel zu goschert und undiplomatisch. Ich habe keine Netzwerke und Mann bin ich auch keiner, also kann ich nicht einmal zu den Freimaurern gehen (lacht).