Die ukrainische Starterin Jamala besingt das Schicksal der Krim-Tataren

© REUTERS/VALENTYN OGIRENKO

Song Contest
05/06/2016

Russland sauer beim ESC: Gesänge um die Krim

Ukrainischer Beitrag behandelt Unterdrückung der Krim-Tataren

von Philipp Wilhelmer

Russland ist schon wieder sauer. Es wäre nicht der Eurovision Song Contest (ESC), gäbe es nicht schon vor dem ersten Semifinale am Dienstag diplomatische Verstimmungen zwischen dem Reich Putins und mindestens einem anderen Land. Aktuell spießt es sich (wenig überraschend) mit der Ukraine, das mit dem Beitrag "1944" programmatisches Konfliktpotenzial liefert.

1944 war das Jahr, in dem Tausende Krimtataren während der Herrschaft von Diktator Josef Stalin nach Zentralasien deportiert wurden. Erst Jahrzehnte später durften die Krimtataren in ihre alte Heimat zurückkehren. Die noch in Zentralasien geborene ukrainische ESC-Starterin Jamala erzählt in ihrem selbst komponierten Lied auf Krimtatarisch und Englisch die Geschichte ihrer Urgroßmutter. Dabei erwähnt Jamala weder Stalin noch die Krimtataren. Lediglich die Zeilen "Ich konnte meine Heimat nicht haben" und der Refrain "Ihr habt meinen Frieden geraubt" deuten auf das Schicksal der Minderheit hin.

Gegen Annexion

"Die Krimtataren leben heute wieder in einem besetztem Gebiet, es ist nicht leicht für sie", betont Jamala. Viele Krimtataren haben sich gegen die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland 2014 gewehrt. Seitdem wurden Dutzende Aktivisten verhaftet und eingeschüchtert, Zeitungen und Fernsehsender wurden verboten, zahlreiche Familien sind ins ukrainische Kernland geflohen. Jamalas Familie lebt weiterhin auf der Krim, seit mehr als zwei Jahren hat die Sängerin ihre Verwandten nicht mehr gesehen. Viele Russen fühlen sich von dem musikalischen Beitrag provoziert – jedoch nicht weil es ein dunkles Kapitel der sowjetischen Geschichte thematisiert. Er spiele eindeutig auf die Entwicklungen auf der Krim an, sagen russische Politiker. Wenn die Ukraine schon mit politischem Inhalt auftreten wolle, sollte sie ihre eigenen aktuellen Probleme besingen, sagt etwa der kremltreue Duma-Abgeordnete Robert Schlegel: "Ein Lied über Korruption oder politische Unterdrückung in Kiew könnte auch erfolgreich sein." Jamalas Lied verfolge nur ein Ziel, nämlich "Russland zu verletzen", sagt der Politiker Wadim Dengin. Der Kreml schweigt bisher dazu.

Die Sängerin sieht die russische Reaktion gelassen. Sie freut sich über weltweites Interesse an dem Thema.

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