Kultur
31.07.2017

"Rose Bernd" in Salzburg: Passionsspiele im Kunstbergwerk

Sensationelle Hauptdarstellerin rettet "Rose Bernd" aus der Übertreibungsfalle.

Am Ende, nach knapp drei Stunden, gab es auf der Perner Insel in Hallein den ganz großen Jubel für die Hauptdarstellerin Lina Beckmann. Ihre Darstellung der Leidensgeschichte einer jungen Frau, die einem ungeliebten Mann versprochen ist, von ihrem verheirateten Geliebten schwanger und von einem dritten Mann erpresst und vergewaltigt wird, ist von ungewöhnlicher Intensität.

Radikal religiös

"Rose Bernd" entstand 1903 nach dem Vorbild eines realen Falls, bei dem Gerhart Hauptmann Geschworener war: Das Stück erzählt die Geschichte einer Frau, die in einer von Männern dominierten, religiös restriktiven Welt, in der der weibliche Körper als Bedrohung gilt, vernichtet wird und schließlich ihr Neugeborenes tötet. Das Stück wurde damals auf Intervention aus dem Kaiserhaus in Wien rasch abgesetzt, es galt als moralisch untragbar.

Heute scheint uns der Stoff fern – na und, ist sie halt von einem Verheirateten schwanger – gleichzeitig hat man das merkwürdige Gefühl, er kommt uns wieder näher. Man denkt an das Erstarken des radikalen Christentums in Polen, an die religiös motivierte Verfolgung von Schwulen in Russland oder an den extremen Islam, der vergewaltigte Frauen nicht als Opfer, sondern als Täter ansieht.

Leider vertraute Regisseurin Karin Henkel bei dieser Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg nicht auf Hauptmanns meisterhaft und detailgenau gebaute Tragödie, sondern bestattet die Geschichte unter Tonnen von kapitalismus- und religionskritischen Spezialeffekten, Ausstattungsdetails und Fingerzeigen.

Die Aufführung sieht aus wie das Statussymbol eines Stadttheaters, das durch Glück zu Geld gekommen ist: Die Bühne (Volker Hintermeier) zeigt keine "fruchtbare Landschaft", sondern einen von Industrialismus und religiöser Hermetik verheerten Nicht-Ort. Dieser ist offenbar einerseits ein Bergwerk, in dem vor allem Kunst abgebaut wird (es gibt sogar Tauben im Käfig, zwecks Warnung vor Giftgas-Eintritt, denen gelegentlich der Hals umgedreht wird). Und er ist andererseits auch Begräbnisstätte, Kirche und Gefängnis zugleich. Die Hetzmeute wird als Chor mit aufgerissenem Mund dargestellt, Rose Bernds Schwester wurde versechsfacht, sie selbst steht anfangs als weiß geschminkte Puppe auf der Bühne. Außerdem werden Textauszüge projiziert.

Krankenbett

Und es gibt, zum dritten Mal bereits bei den heurigen Festspielen, ein Krankenbett.

Gespielt wird gut. Hervorgehoben sei Julia Wieninger als Frau Flamm (die einzige, die versucht, Rose zu helfen). Wieningers Spiel wirkt inmitten dieser Orgie des Dickaufgetragenen angenehm natürlich. Gregor Bloéb (als Bösling), Maik Solbach (als von Spasmen gequälter Verlobter) und Michael Prelle (als frömmigkeitsterroristischer Vater) neigen zur Überzeichnung.

Mit Hauptmanns Kunst-Schlesisch kämpfen sie alle – der merkwürdige, wie eine Geheimsprache vorgetragene Dialekt verstärkt die Passionsspiel-Atmosphäre, rückt das Geschehen aber ins Irgendwo. Es braucht die beeindruckenden Fähigkeiten einer außergewöhnlichen Hauptdarstellerin, diese Distanz wieder aufzuheben.

Warum ausgerechnet ein Hauptwerk des naturalistischen Dramas drastisch verfremdet inszeniert wird, bleibt unklar.