Agejew

© Manesse

Roman mit Kokain
02/15/2013

55 Jahre suchte man den Autor

Mark Levi schrieb seinen "Roman mit Kokain" unter dem Pseudonym M. Agejew.

von Barbara Mader

Manchmal ist die Verpackung so gut wie der Inhalt. „Roman mit Kokain“, der einzige Roman des Mannes, der sich hinter dem Pseudonym M. Agejew verbarg, ist nun erstmals in deutscher Übersetzung nach dem russischen Original erschienen.

Die Geschichte des Romans ist abenteuerlich: 1936 verlegte ein russischer Exilverlag in Paris mit „Roman mit Kokain“ das Buch eines Unbekannten. Darüber, wer hinter dem Pseudonym „M. Agejew“ steckte, kursierten nur Gerüchte.

Vier Jahre im Leben eines Gymnasiasten werden darin geschildert. Mitnichten eine rauschhafte Drogengeschichte. Klar, hart und ohne Skrupel berichtet ein junger Mann von seinen Verfehlungen. Wie er ein junges Mädchen benutzt und mit einer venösen Krankheit ansteckt. In Ich-Form schreibt er von der Scham über seine niedrige Herkunft und davon, wie er seine verwitwete Mutter verleugnet, deren einziger Lebenssinn er ist. Mit 20 Jahren stirbt Wadim Maslennikow an einer Überdosis Kokain. Seine Aufzeichnungen werden von einem Arzt in seiner Jackentasche gefunden und zum Roman.

Nach einem bescheidenen Erfolg wurden der glänzend formulierte Roman und die Suche nach seinem Verfasser vergessen.

Erst fünfzig Jahre später wurde das Werk wiederentdeckt – und die Welt der Literaturwissenschaft überschlug sich mit Mutmaßungen: „Roman mit Kokain“ sei ein Frühwerk von Vladimir Nabokov, hieß es. Bis das Buch mit 55-jähriger Verspätung in Russland erschien, wo sich zwei Archivarinnen auf Spurensuche machten: Ein Mann namens Mark Levi hatte das Manuskript 1933 an einen Verleger geschickt und die Frage nach dem Verfasser als „nicht so wichtig“ bezeichnet. Eine Adresse hatte er angegeben. Sie entpuppte sich als Psychiatrie.

Der Verfasser war tatsächlich Mark Levi, Sohn eines russisch-jüdischen Händlers, der in den Zwanzigerjahren nach Deutschland emigrierte, vor den Nationalsozialisten nach Istanbul floh, und dort für einen französischen Verlag arbeitete, angeblich auch für den sowjetischen Geheimdienst. Später lehrte er an der Universität von Eriwan. Levi starb 1973, mehr als zehn Jahre, bevor der Roman, den er als junger Mann geschrieben hatte, zu Weltruhm gelangte.

KURIER-Wertung: ***** von *****