Goebel

© © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Joey Goebel
05/11/2013

Die Lehrer freuen sich

Ein Buch über das Grauen von Schule und Pubertät.

von Barbara Mader

Es gibt gute Gründe, die Highschool nicht zu mögen. Etwa den: Weil sie einen zwingt, mit vielen Menschen auf engem Raum zu sein, die einen nicht mögen und die man selbst auch nicht mag.

Joey Goebel, Jahrgang 1980, schildert in seinem vierten Roman „Ich gegen Osborne“ einen einzigen Schultag im Leben von James Weinbach. Er ist der altkluge Sohn alter Eltern, der sich als Außenseiter fühlt und die anderen nicht leiden kann.
Was macht man, wenn man 17 ist und auf Umgangsformen Wert legt? Von europäischer Literatur schwärmt und in einem Kaff in Kentucky lebt? Die Lehrer mehr als die Schüler schätzt und sich für distinguiert hält? Und das daran fest macht, dass man Anzug trägt und Oscar Peterson statt Rap hört? „Satan, dein Name ist Pubertät“, ist Weinbachs Zusammenfassung des jugendlichen Weltekels.

Den „Springbreak“ haben die meisten Schüler zum Austausch von Körpersäften genutzt. Weinbach muss erfahren, dass der einzige Mensch, von dem er sich verstanden fühlt, seine Angebetete Chloe, sich einem anderen hingegeben hat. Noch dazu einem Preppy-Angeber-Idioten mit Abercrombie-Shirt und Baggy-Jeans.

Ausweg: Weinbach behauptet, er sei asexuell. Wolle mit dem ganzen schleimigen Zeug nichts zu tun haben.
Ohnehin hasst er die Gleichaltrigen, deren Aufmerksamkeitshöhepunkt in der Anfertigung spuckegetränkter Papierkügelchen liegt.

Lehrer werden dieses Buch mögen.

Besserwisser

Ist er der Einzige hier, der Stil hat, oder ist er einfach ein arroganter Besserwisser? „Der schlechte Geschmack von Menschen meines Alters erschütterte mich, und die Jugendkultur generell bewirkte, dass ich mir am liebsten in die Hände gekotzt hätte.“ Wer selbst nicht zu den Coolen in der Schule gehörte, ertappt sich beim Gedanken: Recht hat er.

Man muss das schnell revidieren, weil der Bursche auch erschreckend radikale Seiten hat.

Sie gipfeln darin, dass das verkannte Genie es schafft, den Schulball zu verhindern – die Katastrophe ist nur für Amerikaner nachvollziehbar: In österreichischen Schulen gibt es Schulbälle. Nicht mehr und nicht weniger. In den USA ist, so geht es aus Goebels Buch hervor, der „Dauerausstoß jugendlicher Sekrete namens Schulabschlussball das Ereignis, das viele für den wichtigsten Abend ihres Lebens halten.“

Weinbach wird, nach dem die Literaturklasse seinen ambitionierten Text verrissen hat, zum Rasenden: Er bringt den Direktor dazu, den Ball absagen zu lassen. Mit verheerenden Konsequenzen: Er wähnt sich von Lynchjustiz bedroht.

Der unendliche Schultag steht an der Kippe zur Katastrophe. Der ratlose Rebell wirkt stellenweise wie eine tickende Zeitbombe, doch seine tollwütige Pubertätsraserei bekommt durch Goebels lakonische Erzählweise auch komische Seiten. Einmal fragt sich der – stets nur innerlich – tobende Weinbach, ob ein Siebzehnjähriger einen Herzinfarkt bekommen kann. Als Leser fragt man sich das auch. Weinbach fällt von einem Extrem ins andere. Einmal will er seinem Konkurrenten ins Gesicht spucken – er verfehlt ihn. Kurz darauf hat er Mitleid und bemüht sich, Verständnis für die Gleichaltrigen zu zeigen: „Ich wollte sie lieben, aber das ließen sie einfach nicht zu.“

Sardonisch und unendlich traurig: Goebels Ich-Erzählung eines Highschool-Losers erinnert daran, wie es ist, wenn sich acht Stunden Schule wie „Berge des Grauens“ vor einem auftürmen.

Info: Joey Goebel. „Ich gegen Osborne“ Übersetzt von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag. 432 Seiten. 23,60 Euro.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare