Kultur
30.05.2017

Roger Waters: Leider das Album, das wir wirklich brauchen

Fürchtet euch nicht: Das neue Werk des Ex-Bassisten von Pink Floyd ist zornig und gerecht und musikalisch ansprechend.

Ein Album des Pink-Floyd-Gitarristen David Gilmour kann absolut grausam schlecht sein – wie zum Beispiel "Rattle The Lock". Wegen einzelner Momente aus dem Gitarrenhimmel lohnt es sich dennoch immer, es anzuhören.

Wäre das neue Album des ehemaligen Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters absolut grausam schlecht, es lohnte sich auch hier das Anhören. Nicht aus musikalischen Gründen wie bei Gilmour. Sondern weil die Musik Waters’ ein sicherer Ort für die meistmissbrauchte Emotion der letzten Jahre ist: Hier glimmt der Zorn, nicht jener ordinäre, dumme Zorn des Internets auf alles Abweichende, sondern der Zorn des Verzweifelten, des fassungslosen Humanisten, der von einem Gedanken nicht ablassen will: Dass die Welt nur so grausam, blöd, kaputt ist, weil wir es zulassen.

"Is This The Life We Really Want", ist das das Leben, das wir wirklich wollen, heißt nun das neue Album (ab Freitag zu haben). Das kann bei Waters nur eine rhetorische Frage sein, denkt man sich, und recht hat man. Es ist nicht das Leben! Und zwar wirklich nicht. Waters findet sich, ein Vierteljahrhundert nach seinem visionären Neil-Postman-Medienkritik-Album "Amused To Death", in einer absurd überspitzten Version jener Welt wieder, die er damals angeprangert hat. Und das passt ihm nicht. Wenn er denn Gott gewesen wäre, singt Waters, hätte er vieles anders gemacht.

Und los geht’s mit der Zeugnisverteilung an uns alle – benotet wird, was wir aufführen: Der Mord an Unschuldigen per fernbedienter Langstreckenrakete; das ungerührte Zuschauen, das die Katastrophen unserer Zeit erst möglich macht; der "Einfaltspinsel" Trump, der gegen alles steht, was menschlich und liebevoll ist. Auch, dass der Einsatz von Angst wieder als Herrschaftsmittel akzeptiert wird, und ja, da geht es um Flüchtlinge und Terror.

"Keine Zahl kann die Paranoia rechtfertigen", die diese Thematik prägt, sagt Waters. "Es wird aber darauf der Fokus gelegt, weil einen Feind zu definieren eine großartige Möglichkeit ist, eine Bevölkerung zu beherrschen."

Das Album ist eine brutale Abrechnung mit unseren Unzulänglichkeiten, die erst spürbar macht, wie feig und faul die Populärmusik unter der Herrschaft des Schlagers geworden ist. Es ist, leider, das Album, das wir derzeit wirklich brauchen.

Und die Musik?

Waters lässt das alles in einem Plädoyer für die Liebe ausklingen. Und das lässt Raum für die gute Nachricht: Das Album ist musikalisch gelungen, zumindest für all jene, die die Verbindung von alten Waters- und Floyd-Schmähs (getragene Beats, Soundeffekte, Soli) mit dem zarten Einfluss von Radiohead-Erfolgsproduzent Nigel Goodrich mögen könnten.