Kultur 11.01.2012

Roboter-Junkies & Cyber-Nutten in Frankfurt

© Bild: Birgit Hupfeld

Das Theaterstück "Red Light Red Heat" bietet einen ungewohnten Einblick in ein verrucht geltendes Viertel von Frankfurt. Und in die Zukunft.

Frankfurt, irgendwann in der Zukunft: herzlose Androiden haben die Herrschaft übernommen. Echte Gefühle und biologische Fortpflanzung? Alles kein Thema mehr. Nur in einem Zeltlager auf dem zentralen Willy-Brandt-Platz harren noch ein paar Digitalverweigerer aus und suchen verzweifelt nach ein wenig analogem Glück. Für die anderen gibt es das Bahnhofsviertel, das die Zukunftsmenschen genau so wieder hergestellt haben, wie es im Jahr 2012 ausgesehen hat. Junkie-Roboter und verführerische Cyber-Nutten sollen in einer durchdigitalisierten Welt für authentische Erlebnisse sorgen. Wie in einem Freizeitpark sollen hier Wünsche und Sehnsüchte einer längst vergangenen Zeit erlebbar gemacht werden.

Soviel zum nicht ganz alltäglichen Plot von "Red Light Red Heat", einem neuen Theaterprojekt des jungen Berliner Regisseurs Pedro Martins Beja für das Frankfurter Schauspiel. Bevor Besucher in Bejas bizarre Welt eintauchen, erhalten sie im Foyer einen Audioguide. Ausgestattet mit einem Routenplan machen sie sich in Paaren auf den Weg. Zunächst geht es durch das Protest-Camp vor der Europäischen Zentralbank. Eine Stimme warnt per Kopfhörer, sich von den Digitalverweigerern im Zeltlager fernzuhalten. So werden die Camp-Bewohner zu Statisten der Inszenierung.

Theater-Touristen Teil des Abends

Der Regisseur Pedro Martins Beja verlegt seine Inszenierung in das Frankfurter Bahnhofsviertel und bittet sein Publikum zum Ortstermin.
© Bild: Birgit Hupfeld

Aber auch die teilweise etwas irritiert durch die Gegend stolpernden Theater-Touristen werden Teil des Abends. Aufmerksam beäugen sie Spielcasinos, Striptease-Bars und eine Fixerstube. Einige Drogensüchtige, die ihren nächsten Schuss vorbereiten, betrachten das Ganze etwas spöttisch. Die kurze Reise endet in dem Nachtlokal "Pik-Dame", dort spielt der wesentliche Teil der "Handlung".

Ein authentischeres Setting wäre wohl kaum zu finden. Doch das alles sei nicht echt, die perfekte Illusion, suggerieren die Stimmen im Ohr ebenso wie die Schauspieler auf der Bühne. Durch diese Verfremdung dürfte das Viertel auch so manchem alteingesessenen Frankfurter plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. Wer ist Passant, wer ist Schauspieler? Wer Zuschauer, wer Akteur? Im Stück verschwimmen die Grenzen. Bei den Proben sei einmal ein Betrunkener in das Lokal gestürmt, erzählt dazu Regisseur Beja. Die Zuschauer hätten dies für einen Teil der Vorstellung gehalten.

Um sich vorzubereiten, hat der 33-Jährige zwei Wochen im Bahnhofsviertel verbracht und Bekanntschaften im Drogen- und Rotlichtmilieu geschlossen. "Diese Welt hier ist mir nicht so fremd", sagt er. Im Stück spielen Persönlichkeiten aus dem Milieu gemeinsam mit den Schauspielern. Das Publikum soll den "ACAB Taten", den Androiden, helfen, den "perfekten Moment" zu schaffen. Laszive Stangentänze und die gewöhnungsbedürftige Gesangseinlage einer gold-blinkenden Robo-Dame inklusive. Immer wieder werden die Zuschauer dazu gebracht, sich in die Separees und Kellerräume des Clubs vorzuwagen. Hier können sie verstörende, aber auch spannende und amüsante Momente erleben - sofern sie sich darauf einlassen.

Erstellt am 11.01.2012