Richard Strauss im Jahr 1945: Sein Werk zählt zu den Säulen im Opern- und Konzertrepertoire

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Richard Strauss: Zuerst die Kunst, dann die Politik
06/11/2014

Richard Strauss: Zuerst die Kunst, dann die Politik

Dirigent Franz Welser-Möst im Interview über Richard Strauss, der vor 150 Jahren geboren wurde.

von Gert Korentschnig

Am Montag leitete er das Festkonzert in München für den Jahresregenten Richard Strauss. Am Mittwoch, am 150. Geburtstag des Komponisten, steht er in der Wiener Staatsoper bei einer "Ariadne auf Naxos"-Aufführung am Pult. Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst im Interview: Über München, Wien und das Phänomen Strauss.

KURIER: Sie haben soeben an der Bayerischen Staatsoper die "Metamorphosen", die "Vier letzten Lieder", "Don Juan" und das Finale des "Rosenkavalier" dirigiert. Wie ist Ihr Debüt an diesem Haus gelaufen?

Franz Welser-Möst: Da kann ich nur Peter Alward (Intendant der Salzburger Osterfestspiele, Anm.) zitieren, der mir in einem SMS geschrieben hat: "Das nennt man einen Triumph." Wir haben uns mit dem Orchester wahnsinnig gut verstanden, es hat mich auf Händen getragen. Und die Leute haben getobt. Das Haus befindet sich insgesamt in einem sehr guten Zustand.

Wie kam es zum späten Debüt?Der Münchener Generalmusikdirektor Kirill Petrenko hat das Dirigat wegen Arbeitsüberlastung zurückgelegt, dann hat mich Intendant Nikolaus Bachler gefragt. Ich bin ja sonst niemand, der irgendwo einspringt. Ich habe aber zu München eine ganz besondere Beziehung. Wir haben auch vereinbart, dass wir im Sommer über weitere Dirigate reden.

Welche besondere Beziehung? Ich habe dort von 1980 bis 1984 studiert und in einem Jahr unter Sawallisch alle Wagner-Opern gehört. In einem anderen alles von Strauss. Das war eine meiner wichtigsten Bildungsstätten. Ich habe mich tagelang für einen Stehplatz angestellt. Und weniger gegessen, damit ich mir die Oper leisten kann. Zu diesen Erlebnissen kommt aber auch das Wissen um die Geschichtsträchtigkeit dieses Hauses, wo Strauss noch als alter Mann am Pult gestanden ist.

Am 150. Geburtstag von Strauss werden Sie in Wien, wo er Direktor war, "Ariadne" leiten. Was bedeutet Ihnen dieses Stück? Ich liebe es und habe ja schon die Premiere in Wien dirigiert. Ich habe das Gefühl: Je älter ich werde, desto mehr zieht mich dieser Komponist an. Ich werde auch im Sommer in Salzburg "Rosenkavalier" dirigieren. Im Mai 2015 dann in Cleveland "Daphne". Und 2016 in Salzburg eine Premiere von "Liebe der Danae" mit Alvis Hermanis als Regisseur. An der Staatsoper kommt auch "Frau ohne Schatten" neu – mit Regisseur Stefan Herheim.

Können Sie Ihren musikalischen Zugang zu Strauss definieren? Ich halte es da mit Karl Böhm: Man muss Strauss sehr klassisch, ohne großes Draufdrücken dirigieren. Mit einer Nicht-Sentimentalität, die Strauss auch verlangt hat. Man hat sich heute an den Schwulst gewöhnt, dabei geht es um Leichtigkeit und Melancholie.

Haben Sie eine Erklärung, wie der Komponist der "Elektra" danach den "Rosenkavalier" schreiben konnte? Strauss ist von anderen zum Vorkämpfer der Moderne gemacht worden. Ich glaube, er selbst hat gespürt, dass er diesen Weg nicht weitergehen kann. Auch aufgrund der Ereignisse rund um den Ersten Weltkrieg. Er war ein Repräsentant des gebildeten Großbürgertums. Seine Reaktion war: Ich will da nicht weitergehen. Da geht es um Zerstörung. So hat er sich der Vergangenheit zugewendet.

Und wie sehen Sie seine Rolle später unter den Nazis? Die allerallermeisten Künstler setzen die Kunst vor die Politik. Das war auch bei Strauss so. Ein unterdrückerisches, brutales Regime wird außerdem immer versuchen, den Informationsfluss auch an Künstler möglichst gering zu halten. Es ist also viel zu billig, Strauss pauschal zu verurteilen. Aber eines stimmt sicher: Das Genie darf man nie mit der Person gleichsetzen.

Richard Strauss: Der aus der Zeit gefallene Operntitan

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Richard Strauss

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Semperoper

Fotoprobe von "Salome" in der Wiener Volksoper

Richard Strauss

Richard Strauss - "Der Rosenkavalier"

HUNGARY MUSIC OPERA

DAS GROSSE FESTSPIELHAUS IN SALZBURG IST 50 JAHRE

PREMIERE VON "DIE FRAU OHNE SCHATTEN" IN DER WIENE

Angelika Kirchschlager, Bo Skovhus

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Richard Strauss

Archivbild Bild: "Ehrengast" Nummer 3 beim "Fest …

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SALZBURGER OSTERFESTSPIELE: FOTOPROBE "SALOME"

Einer der Giganten der Musikgeschichte

Am Anfang stand die Revolution, am Ende die innere Emigration. Kaum ein Komponist hat die Musikwelt so nachhaltig geprägt, aber auch so viel Widerspruch geerntet wie Richard Strauss. Mit den Uraufführungen der Opern "Salome" (1905) und "Elektra" (1909) verstörte der am 11. Juni 1864 in München geborene Komponist das Publikum. In seiner letzten Oper "Capriccio" (1942) beschwor der am 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen verstorbene Komponist eine Zeit, die längst nicht mehr die Seine war.

Dazwischen liegt ein reiches, erfolgreiches Künstlerleben, dem die Musikwelt unsterbliche Meisterwerke verdankt. Opern wie "Rosenkavalier", "Ariadne auf Naxos", "Die Frau ohne Schatten" oder "Arabella" zählen neben den bereits genannten zum Standard-Repertoire der internationalen Opernhäuser. Selbst Exoten wie "Intermezzo", "Die ägyptische Helena", "Die schweigsame Frau", "Friedenstag" oder "Daphne" tauchen immer wieder auf den Spielplänen auf.

Ganz zu schweigen von den Tondichtungen: "Don Juan", Tod und Verklärung", "Till Eulenspiegel", "Also sprach Zarathustra", "Ein Heldenleben", die "Sinfonia Domestica" oder eine "Alpensinfonie" füllen regelmäßig die größten Konzertsäle. Dazu kommen die unzähligen (an die 220) Lieder – viele davon für seine Frau, die Sängerin Pauline de Ahna, komponiert sowie etliche andere Werke: Die Musikwelt ohne Strauss? Sie wäre eine völlig andere!

Strauss schrieb stets für bestimmte Sängerinnen und Sänger, fand in Hugo von Hofmannsthal (bis zu dessen Tod 1929 sieben Libretti) seinen genialen Textdichter und in der Sächsischen Staatskapelle Dresden sein ideales Orchester. Neun Opern wurden in Dresden uraufgeführt.

Dazu war Strauss Dirigent (auch eigener) Werke, Mitbegründer der Salzburger Festspiele und von 1919 bis 1924 (mit Franz Schalk) Direktor der Wiener Oper. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten blieb Strauss in Deutschland und hatte für zwei Jahre das Amt des Präsidenten der Reichsmusikkammer inne. Selbst für einen Kriegsverbrecher wie Hans Frank, dem 1946 in Nürnberg hingerichteten Generalgouverneur für Polen, schrieb Strauss ein "Danklied". Hitler setzte Strauss 1944 auf die Liste der "Gottbegnadeten". Auf der anderen Seite gab es zahlreiche Konflikte mit den Nazis.

Diese Rolle des Komponisten während der NS-Zeit gibt bis heute Anlass zu Diskussionen. Strauss selbst sah sich als "unpolitischen Menschen", der sich nach Kriegsende in sein Haus in Garmisch zurückzog, und dort letzte Werke verfasste.

Drei essentielle CDs

Alle 15 Werke in einer Box

Der "Rosenkavalier" steht ohnehin in den meisten CD-Regalen. Auch "Salome" oder "Elektra". Aber wer hat sich wirklich intensiv mit "Guntram" oder "Feuersnot" befasst? Mit dieser 33 CDs umfassenden Box (Deutsche Grammophon) mit allen Opern von Richard Strauss kann man sich einen idealen Überblick verschaffen. Als Dirigenten sind u. a. Keilberth, Sinopoli, Böhm, Solti, Leinsdorf (bei "Feuersnot"), Eve Queler ("Guntram"), Sawallisch zu hören, dazu Toporchester und ebensolche Sänger. (GeKo)

KURIER-Wertung:

Strauss-Orchester unter Thielemann

Neun musiktheatralische Werke von Strauss wurden in Dresden uraufgeführt, darunter "Elektra". Das Orchester, die Sächsische Staatskapelle, war also schon für den Komponisten eine erste Adresse. Heute ist Christian Thielemann Chefdirigent und brillierte am 19. Jänner d. J. bei einer "Elektra"-Premiere in der Semperoper. Dieser Mitschnitt entstand kurz darauf in Berlin. Als Sänger sind die grandiose Evelyn Herlitzius, Waltraud Meier, Anne Schwanewilms, René Pape und Frank van Aken zu erleben. (GeKo)

KURIER-Wertung:

Geniales Projekt, das gescheitert ist

Es hätte das Gipfeltreffen der Giganten werden sollen: 1966 trafen einander der Pianist Glenn Gould und die Sängerin Elisabeth Schwarzkopf in New York, um Lieder von Strauss aufzunehmen. Nach zwei Tagen war alles vorbei – Gould und Schwarzkopf kamen künstlerisch nicht zusammen. Einige Lieder aber waren bereits eingespielt und blieben bis 2012 unveröffentlicht. Man hört einen genialen Pianisten und eine begnadete Sopranistin und ahnt, was für ein künstlerischer Meilenstein das hätte werden können. (PJ)

KURIER-Wertung:

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