Kultur
27.09.2017

Reißzwetschke im Müsegebet

21 Galerien erforschen auf leichtfüßige Art das Verhältnis von Bild und Text.

Kuratorinnen und Kuratoren kriegen in der heurigen Kunstsaison ordentlich ihr Fett ab: Der lang schwelende Verdruss über ihre vermeintliche Weltabgewandtheit und nebulose Sprache ist nach der documenta, der Venedig-Biennale und Pamphleten wie "Schafft die Kuratoren ab!" (Die ZEIT) auf breite Resonanz gestoßen. Eine Veranstaltung, die einerseits mit Kuratoren und andererseits mit dem Medium Text locken will, scheint also für maximale Publikumsgunst nicht gerade ideal positioniert.

Aber das Urteil ist wert, revidiert zu werden. Denn was Wiens Galerien derzeit im Rahmen des von der Wirtschaftsagentur geförderten Programms "Curated by" zeigen, ist zu großen Teilen nicht nur intellektuell spannend, sondern auch ansprechend, gar leichtfüßig. Die Ausstellungen bewegen sich absolut auf der Höhe der Zeit, sowohl was die gezeigte Kunst als auch was deren Präsentationsweise angeht.

Impuls und Echo

Gab bisher oft ein gelehrter Essay den Impuls, so entschied man sich heuer für ein bloßes Motto als Kristallisationspunkt: Der vom Künstler Heinrich Dunst ersonnene Slogan "Image Reads Text" kann mehrdeutig gelesen werden, bezeichnet grob gesagt aber das Wechselverhältnis zwischen Bildern und Texten – mal erklärt eins das andere, mal fungieren Buchstaben als Bilder und umgekehrt.

In der Galerie Raum mit Licht in der Kaiserstraße trifft man in der Folge etwa auf Buchstaben, die keine sind: Die Künstlerinnen Salome Schmuki und Isabella Kohlhuber erweiterten existierende Zeichen jeweils auf ihre Art zu erfundenen Fantasie-Alphabeten, die fast zwangsläufig die Frage nach sich ziehen, ob eine derart erweiterte Sprache dem Wittgenstein-Diktum zufolge auch die Grenzen der Welt verschiebt. In der Galerie Hubert Winter nahm der Kurator Michael Bracewell Hugo von Hoffmannsthals Text "ein Brief", in dem es um die Unzulänglichkeiten der Sprache geht, als Ausgangspunkt – als bildnerisches Echo sind Gemälde von Dexter Dalwood zu sehen, die etwa den Blick aus einem Flugzeugfenster und ein Salon-Interieur in einem Bild vereinen: Das auf Reisen oft spürbare Gefühl von Intimität und Entfremdung ergibt sich hier aus der Kollision der Motive.

Kunst aus dem Kopierer

Herausragend ist auch die museumswürdige Werkschau des Künstlers Ferdinand Kriwet, die Gregor Jansen in der Galerie Georg Kargl ausgerichtet hat: Seit den 1960ern entwickelt Kriwet Bilder aus verfremdeten und kopierten Schriftzeichen und Logos; hierzulande ist das enorm dichte und kraftvolle Werk kaum bekannt.

Der viel gescholtene Kuratorentext, der mit vielen Worten oft wenig erklärt, ist in dieser Anordnung auf die Ersatzbank verbannt: Viel eher geht es um das Spiel, den Tanz der Zeichen, und das macht viele der Ausstellungen so erfrischend.

In der Galerie Crone etwa ist ein heiteres Video von Christine Sun Kim und Thomas Mader zu erzählen, in dem der Mann hinter der Künstlerin steht und ihr Hände und Arme "leiht": Sie muss auf seine Gesten mimisch reagieren und "Künstlerische Intelligenz" (so der Titel der Schau) walten lassen.

In der Galerie Martin Janda gegenüber läuft Kathrin Sonntags köstliche Diashow "Mühsam ernährt sich das Einhorn", bei der Wortspiele und Sprachverwirrungen von der " Reißzwetschke" bis zum "Müsegebet" in ansprechende Collage-Formen gebracht wurden.

9000 Euro erhält jede Galerie im Rahmen des Programms, 3000 davon sind für das Honorar des Kurators/der Kuratorin reserviert: Wenngleich die Produktion einer Ausstellung noch mehr Geld verschlingt, nimmt die Förderung den Galerien Risiko ab und erlaubt den Ausstellungsmachern, auch "galeriefremde" Künstler zu wählen.

Netzwerk-Effekt

Fragt man Galeristinnen und Galeristen nach der Rentabilität des Programms, loben sie meist weniger die Verkäufe als die Verbindungen zu Künstlern und Sammlern, die bei der Initiative geknüpft werden. Das gesammelte Renommee nutzt wieder bei Messen und späteren Geschäften. Der auf Twitter stark aktive belgische Sammler Alain Servais etwa meinte, er habe bei dem Galerien-Festival mehr gelernt und genossen als auf so manchen Biennalen der letzten Zeit: Eine Ansage, die auch das Wiener Publikum ernst nehmen darf.

INFO: Bis 14.10.

21 Wiener Galerien beteiligen sich an der neunten Ausgabe des Projekts, das internationale Kuratoren einlädt, eine Ausstellung zu einem Schwerpunktthema zu gestalten. Dieses lautet heuer „Image Reads Text – Sprache in der zeitgenössischen Kunst.“ Finanziert wird das Festival von der Wirtschaftsagentur Wien.

Unter dem Motto „Fifteen Minutes“ laden Galerien Expertinnen und Experten zu Kurzvorträgen ein. An Freitagen und Samstagen (29.9., 30.9., 7.10. und 14.10.) werden geführte Touren zu mehreren Galerien angeboten. Zusätzlich finden Konzerte, Performances und Buchpräsentationen statt.
Der Eintritt in die Galerien ist stets frei, Progammdetails finden sich auf www.curatedby.at. Dort ist auch ein Katalog gratis zum Download erhältlich.