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© Festspiele Reichenau/Carlos de Mello

Kritik
07/04/2013

Furioses Duell um Ehre und Macht

Henrik Ibsens Drama "Stützen der Gesellschaft" als gelungener Auftakt der Festspiele Reichenau.

von Peter Jarolin

Was ist dieser Mann nicht für ein Wohltäter! Moralisch integer, vorbildlicher Familienvater, erfolgreicher Reeder und Finanzjongleur mit sozialem Gewissen – ja, dieser Konsul Karsten Bernick entspricht dem Idealbild des Vorzeige-Karrieristen. Dabei ist fast alles auf Lügen, Betrug, Verrat und persönlicher Profitgier aufgebaut.

Und nein, dies ist kein weiterer Beitrag zu einem die Republik (oder ein anderes Land) erschütternden Skandal. Dies ist ein Bericht über die erste Premiere der diesjährigen Festspiele Reichenau, die Ibsens 1877 (!) uraufgeführtem Drama „Die Stützen der Gesellschaft“ galt. Doch dank eines überragenden Marcello de Nardo und einer nicht minder grandiosen Therese Affolter landet diese „norwegische Familiensaga“ von anno dazumal mühelos im Hier und Heute.

Kleine, große Sünden

Worum geht es in diesem relativ selten gespielten Stück? Vor 15 Jahren schien der weltgewandte Bernick reicher Erbe einer Reederei. Doch in Wahrheit stand das Unternehmen vor dem Bankrott. Bernick ehelichte nicht seine Geliebte Lona, sondern deren durch Erbschaft reich gewordene Schwester Betty, schob die leeren Kassen sowie einen „Fehltritt“ mit einer Schauspielerin Bettys Bruder Johann in die Schuhe und sanierte dank Bettys Geld sich selbst und die Firma.

Durch (skrupellose) Spekulationen mit Grundstücken, dem Ausbeuten der Arbeiterklasse und dem Bau einer Eisenbahn wurde Bernick zur Stütze der Gesellschaft. Wohltaten für die Allgemeinheit, Gottes Wort auf der Zunge, ein pralles Portfolio und ein diktatorisches Regime in den eigenen vier Wänden inklusive. All das droht durch die Rückkehr von Lona und Johann aufzufliegen, denn beide wollen von Bernick nun Gerechtigkeit. Ein gnadenloses Spiel um Geld, Macht, Liebe, Lügen und Schiffsuntergänge beginnt ...

So weit, so Ibsen. Alfred Kirchner hat all das im Neuen Spielraum stimmig in Szene gesetzt: Peter Loidolt hat dafür eine Holzbühne, eine riesige Drehtür, einen Fauteuil, eine Fahnenstange und ein kleines Schiffsmodell auf die Bühne gestellt. Die Handlung bleibt optisch – Kostüme: Erika Navas, Licht: John Lloyd Davies, Musik: Kyrre Kvam – in Nicolaus Haggs neuer Fassung in der damaligen Zeit angesiedelt. Schade nur, dass Ibsens sozialromantisches Ende (Bernick gesteht seine Verfehlungen und bereut) nicht noch stärker, zynischer gebrochen wird.

Egal. Marcello de Nardo spielt sich als Konsul die sprichwörtliche Seele aus dem Leib. Wie dieser Mann zwischen Härte, Selbstgefälligkeit, Größenwahn, Angst, Liebe und Verzweiflung perfekt changiert – das ist ganz große Schauspielkunst. De Nardo sorgt für Spannung, für Intensität, verleiht seinen Szenen eine unwiderstehliche Kraft. Vor allem dann, wenn er mit Therese Affolters hinreißender Lona agieren darf. Das Duell dieser beiden so gleichen und doch so ungleichen einstigen Liebenden fasziniert, verführt, berührt, geht unter die Haut.

Sichere Spielbälle

Da haben es die übrigen Mitwirkenden (Kirchner vertraut gar sehr auf Individualität) viel schwerer. Aber ein Darsteller vom Format eines Martin Schwab formt auch aus dem Gewerkschafter Aune einen echten Charakter aus Fleisch und Blut. Als Betty muss Chris Pichler vor allem leiden; als Johann stakst Tobias Voigt in Cowboy-Manier durch die Szenerie. Johanna Arrouas liebt und schmachtet aufrichtig, Emese Fay fast noch mehr. Dirk Nocker gibt einen jovialen Genussmenschen, Jürgen Maurer einen bigott-verklemmten Pseudo-Prediger. Der Rest fügt sich ein und wird zum Spielball eines furiosen Zweikampfs.

Lüge und Wahrheit

Stück
IbsensStützen der Gesellschaft“ packt auch heute noch sehr aktuelle Themen an, wie etwa die Profitgier der Kapitalisten und das Recht der Arbeiter auf eine würdige Existenz. All das ist klug eingebettet in eine Familiensaga zwischen Lüge und Wahrheit.

Inszenierung
Gibt es auch, in sich stimmig.

Spiel
Marcello de Nardo und Therese Affolter sind eine Klasse für sich. Das Ensemble füllt dankbare wie undankbare Rollen meist gut aus.

KURIER-Wertung: **** von *****

Szenenfotos aus Reichenau

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