Kultur
03.10.2017

Regisseur Todd Haynes: "Wo ist der Revoluzzer geblieben?"

Der Regisseur über Freud, Trump, Allergien und seinen neuesten Film "Wonderstruck".

Von Gabriele Flossmann

Bis 8. Oktober läuft im Wiener Filmmuseum eine Retrospektive des amerikanischen Filmemachers Todd Haynes. Haynes gilt als Guru des Melodrams. Die Licht- und Kameraführung seiner Filme – von "Dem Himmel so fern" (2002) und "Carol" (2015) bis hin zu dem Anti-Bio-Pic über Bob Dylan "I’m Not There" (2007) – spornen Kritiker und Fans zu immer wieder neuen Interpretationen an.

Auch sein neuestes Werk "Wonderstruck" (2017; noch kein Kinostarttermin) zeugt von handwerklicher Brillanz. Der Film erzählt die Geschichten zweier gehörloser Kinder, die – plötzlich allein in New York – nach dem verlorenen Familienglück suchen wollen: Die kleine Rose forscht in den 1930er-Jahren am Broadway nach einer berühmten Schauspielerin, in der sie offenbar die Mutter vermutet. Schnitt: Man schreibt das Jahr 1977. Ben hat gerade seine Mutter durch einen Unfall verloren, büßt sein Gehör durch Blitzschlag ein und verlässt das Haus seiner Tante, um in New York seinen ihm unbekannten Vater zu suchen. Weitgehend ohne Dialoge stellt Haynes die Welt der gehörlosen Waisen einander gegenüber. Dass ihre Schicksale miteinander verbunden sind, scheint von Anfang an klar.

Bei seinem Wienbesuch anlässlich der Retrospektive erzählte Todd Haynes vor dem Interview, wie er seine Liebe zu Wiener Museen und seine Vorliebe für Mohntorten entdeckt hat – für ihn eine wohlschmeckende Art von "Opium für das Volk."

KURIER: Die Protagonistin Ihres Films "Safe" (1995) war allergisch gegen die Entwicklung unseres Planeten. Haben Sie schon in den 1990er-Jahren die Katastrophen des 21. Jahrhunderts wie Umweltschutz, Klimadesaster oder Gen-Manipulation vorausgesehen?

Todd Haynes: Ich kann mich gar nicht mehr so genau an meine damaligen Zukunftsängste erinnern. Aber all diese Entwicklungen lagen damals schon in der Luft. Die zunehmenden Allergien der Menschen sind nur ein äußeres Zeichen davon. Wir sind hier in der Stadt von Sigmund Freud, und zu seiner Zeit hat man bei Frauen, die empfindlich auf die Umwelt reagierten, "Hysterie" diagnostiziert. Bei der Protagonistin meines Films ist es eine "Allergie". Aber in Wahrheit sind es wir Menschen, die unsere Umwelt vergiften und krank machen.

In all Ihren Filmen spielt die psychologische Charakterzeichnung der Figuren eine große Rolle. Wie sehr sind Sie von Sigmund Freud beeinflusst?

Sehr stark! Ich habe mich schon als Schüler und als Student in Freud und seine Werke geradezu verliebt! Entsprechend stark sind auch meine Filme von ihm beeinflusst. Durch meine intensive Freud-Lektüre habe ich auch meine eigenen kindlichen Obsessionen für die Schauspielerin Lucille Ball und andere weibliche Stars der Popkultur gelernt und daraus meine sexuellen Neigungen erkannt und analysiert. Er gehört zweifellos zu den großen Denkern des 20. Jahrhunderts, der aber oft falsch gedeutet wurde. Besonders in Amerika!

Warum glauben Sie, dass Freud gerade in den USA so oft missverstanden wird?

Das kommt vielleicht daher, dass Freud selbst Amerika gehasst hat. Das mögen die Amerikaner nicht so gern. Vielleicht auch deshalb, weil in seinen negativen Äußerungen sehr viel Wahres steckt. Aus heutiger Sicht könnte man meinen, dass er Donald Trump als Präsident schon vorausgeahnt hat. Mit dem, was Freud über die totalitären Aspekte der Gruppen-Psychologie sagte, hatte er Hitler vorausgeahnt – zehn Jahre vor der Machtergreifung. Und wer weiß, worauf wir heute mit all den vielen, immer autoritärer agierenden Staatschefs noch hinsteuern.

Halten Sie Trump für einen psychisch labilen Charakter?

Ja! Und ich halte ihn für extrem gefährlich! Andererseits – wenn man bedenkt, wie gefährlich die Welt ist, in der wir heute leben, dann ist Trumps Narzissmus vielleicht sogar eine gute Nachricht. Denn noch wichtiger als seine führende Rolle in der Welt zu betonen, ist es für ihn offenbar, von allen bewundert zu werden. Wenn er vor der Wahl steht, von der Welt gefürchtet oder geliebt zu werden, dann zieht er höchstwahrscheinlich die Liebe vor. Das könnte unsere Chance sein. Trumps merkwürdiger "Flirt" mit Nordkorea und den Atomwaffen ist sofort vergessen, wenn er sich vor den Spiegel stellen und sagen kann: Die Welt liebt mich! Aber wahrscheinlich hat er diesen Wesenszug mit allen autoritären Staatsmännern gemeinsam. Wenn Obama so vorausschauend gewesen wäre, sein Gesundheitswesen "Trump-Care" zu nennen, wäre es heute sicher unbestritten (lacht). Aber dass etwas den Namen seines Amtsvorgängers trägt, ist für Trump offenbar schwer zu ertragen.

Viele Schauspieler sagen, dass sie ihre eigenen Filme nur ungern sehen, weil sie mögliche Fehler nicht mehr ausbessern können. Wie geht es Ihnen als Regisseur mit dieser Retrospektive in Wien?

Ich sehe meine Filme nach längerer Zeit eigentlich ganz gern. Ich frage mich nur bei meinen frühen Filmen: Wo ist dieser radikale Revoluzzer geblieben? Bin ich vielleicht im Alter spießig geworden, weil ich so gerne in Gefühlen schwelge? Ich will heute die Welt nicht mehr aus den Fugen reißen! Dazu kommt, dass ich heute mein Handwerk viel besser beherrsche und die Bilder, die ich auf die Leinwand bringe, immer schöner werden. Sie sind nicht mehr so roh!

Kann ein erwachsenes Publikum Ihren neuesten Film "Wonderstruck" metaphorisch deuten? Dass wir einander nicht mehr genügend zuhören?

Wir sind tatsächlich einer immer lauter werdenden Umwelt ausgesetzt und die Handy-Besessenheit lenkt zusätzlich von unseren Mitmenschen ab. Um mich in meine Protagonisten einfühlen zu können, bin ich selbst ein paar Tage lang mit schalldichten Kopfhörern herumgelaufen. Das war eine spannende Erfahrung, denn die verbleibenden Sinne wurden dadurch geschärft. Ich habe plötzlich meine Umwelt viel genauer gesehen. Wir sollten unsere Sinne wieder schärfen – vor allem den Sinn für die Wahrheit.

Ihr neuer Film wurde von Amazon produziert. Bei den Filmfestspielen in Cannes meinte Pedro Almodóvar als Jury-Präsident, dass bei ihm kein Film gewinnen könne, der für einen Bildschirm produziert ist, der kleiner ist als der Fernsehsessel. Wie stehen Sie zur Debatte Kinofilm gegen Streaming?

Ich kann dazu nur sagen, dass diese Firmen zumindest groß und reich genug sind, um Filme zu produzieren, die noch von Menschen und ihren Schicksalen handeln und nicht nur von Spezialeffekten und außerirdischen Galaxien. Man kann ja inzwischen alle Filme via Internet abrufen und sogar auf Handys anschauen, deren Bildschirm noch viel kleiner ist als der kleinste Sessel. Diese Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen. Vielmehr sollte man Netflix und Amazon dazu ermuntern, möglichst viele und möglichst anspruchsvolle Filme zu produzieren und in den Kinos zu zeigen, bevor sie ins Netz gestellt werden. Denn damit könnten sie etwas erreichen, das mit allem Geld dieser Welt nicht zu kaufen ist: Kulturelle Anerkennung, Glaubwürdigkeit, Respekt und Prestige.