Kultur
27.03.2017

Rapper, wir haben ein Problem: Ihr verschanzt euch hinter der Kunstfigur

Geld machen mit Herabwürdigung - Ein Geschäftsmodell ohne Verantwortliche?

"Die Leute, die mir zuhören, wissen, dass ich einen Witz mache", sagt ein Rapper in einer Webdoku über die Schwulenfeindlichkeit im deutschen Hip-Hop. Sind wir uns da wirklich alle so sicher?

Das Wort "Schwuchtel" etwa wird im Rap-Jargon dazu verwendet, andere abzuwerten. Aus Sicht des Absenders mag das noch kein schwulenfeindlicher Akt sein. Aber wenn man Homosexualität als Kampfbegriff verwendet, um die Konkurrenz zu beleidigen, soll das ein 13-Jähriger Fan auf eigene Faust abstrahieren? Schwer vorstellbar. Aber man soll die Kids auch nicht unterschätzen.

"Zuhälterrap"

Der Vorzeige-Watschenmann für solche Debatten ist Kollegah, der mit seinem "Zuhälterrap" (frühere Eigendefinition) in sämtliche Kerben schlägt, die der Gesellschaft sprachlich wehtun. Dafür wurde er landauf, landab vom Establishment kritisiert, von den Fans jedoch frenetisch gefeiert. Als die erste goldene Schallplatte eintrudelte, wurde irgendwie klarer, wer da die Lufthoheit hat.

Diskursive Einseitigkeit

Kollegah hat Jus studiert, was ihn in der Welt des Straßenraps zu so etwas wie einem Intellektuellen macht. An ihm lässt sich also gut die diskursive Einseitigkeit der Deutsch-Rap-Szene ablesen: Die Akteure verschanzen sich hinter ihren Kunstfiguren, weigern sich aber, jegliche Verantwortung für diese zu übernehmen. Wenn Kollegah andere als "Schwuchtel" beschimpft, macht das den dahinterstehenden Bürger Felix Blume noch nicht zu einem Schwulenhasser, lautet das Argument. (Auch wenn er als Künstler mit solchen Sätzen Millionen scheffelt.)

Antisemitismus-Vorwurf

Wie verschoben diese Eigenwahrnehmung ist, kann man argumentativ nachhüpfen, seit Kollegah auf eigene Faust eine Palästina-Doku drehte, in der er einem kleinen Buben Ballons in Raketenform abkaufte (die echten werden bekanntermaßen regelmäßig nach Israel geschossen).

Der Zentralrat der deutschen Juden erwirkte daraufhin, dass Kollegah bei einem Konzert des Bundeslandes Hessen ausgeladen wurde. Der Vorwurf lautet Homophobie, Sexismus und obendrauf: Antisemitismus.

Opfer-Täter-Umkehr

"Ich bin es gewohnt, dass Genrefremde leider auch im Jahre 2017 die Kunstform des Battleraps noch nicht verstanden haben und uns Rappern Homophobie oder Frauenfeindlichkeit unterstellen", schrieb Kollegah in einem nüchternen offenen Brief. "Diese Ignoranz gegenüber der größten Jugendkultur unserer Zeit und daneben auch kommerziell erfolgreichsten Musiksparte ist aus meiner Sicht zwar unzeitgemäß, jedoch ist sie mir nicht neu."

Missverstandene Kulturform

Er hat nicht unrecht, liefert aber gleichzeitig eine plumpe Opfer-Täter-Umkehr ab, die jeden Populisten stolz machen würde. Rap ist unbestritten eine missverstandene Kulturform. Und sie ist einflussreich wie nie zuvor. Dass sich die aus der Straße erwachsene Kulturtechnik Rap (sie entstand in den 70er-Jahren in den brennenden Gettos der Bronx) mit abseitigen Aspekten des gesellschaftlichen Zusammenlebens beschäftigt, ist eine Tatsache. Eine, die in deutschen Landen erst ankam, als die Reime in der Landessprache immer härter wurden.

Kollegah rappt unter anderem gut gemeinte Lebensweisheiten für perspektivlose junge Männer: "Du bist Boss, wenn du ’ne echte Frau erkennst und sie mit Anstand behandelst. Und für sie kämpfst jederzeit, du bist Boss wenn du dich durchboxt und nicht stoppst, bis du zum Champion aufsteigst."

Die Brechung fehlt

Was den Kunstfiguren der Rapkünstler allerdings im Gegenzug schmerzvoll abgeht, ist ihre Brechung: Mehr als den Gegenvorwurf, die Kids würden ja selbst so reden, bekommt man selten zu hören. Aber die reden kaum wie asoziale Kriminelle. Kollegah schon: "..der Typ der deinen Schädel wie ein Buch aufschlägt. Besser duck dich Nutte wenn du ohne Crew rausgehst ..."

Feuilleton an Bord

Rapper liefern Stoff auf der Suche nach intensiven Lebensentwürfen. Eine Blitzableiterfunktion, die auch das Feuilleton fasziniert: Rapper Haftbefehl wurde dort etwa für seinen einfallsreichen Slang abgefeiert. Dass er dabei auch Sätze wie "Du Schlampe, gib Bares" abfeuert, wird eingepreist.

Im Endeffekt ist Rap ein so kunstvolles wie lakonisches Geschäftsmodell gesellschaftlicher Underdogs. Schon in Amerika haben sich seit Ende der 80er Jahre schwarze Kids aus den Ghettos eine goldene Nase damit verdient, dass sie weißen Vorstadtkindern ihre harten Geschichten auf Albumlänge verkauften. Jetzt endlich ist auch die deutsche Unterschicht am Drücker.