Rapper Marteria: "Ich will unterhalten"

Kopie von Marteria
Foto: AP/SVEN KAESTNER Marteria live: Wer keine Karten mehr für sein heutiges Arena-Konzert bekommen hat, kann ihn beim FM4-Frequency (14.–16. 8.) sehen

Marteria kommt in die Arena - der Rapper über Humor und die Revolution im Kopf.

Seit Wochen ist das Konzert von Marteria, der am Dienstag in der Wiener Arena auftritt, ausverkauft. Mit seinem Album "Zum Glück in die Zukunft II" hat der als Marten Laciny in Rostock geborene Rapper nämlich ein Meisterwerk aufgenommen, bei dem er extravagante Beats auf den Spuren von Kanye West mit Pop-Flair und listigen Raps paart.

"Bei Marteria sind mir zwei Dinge wichtig", sagt der 31-Jährige, der auch unter dem Pseudonym Marsimoto auftritt, im KURIER-Interview. "Die Songs müssen autobiografisch sein und sie müssen Humor haben. Ich will die Leute – trotz aller Botschaft – am Ende des Liedes mit einem positiven Gefühl entlassen und unterhalten".

Das gelingt dem Deutschen, der vor seiner Musikkarriere Schauspiel studiert und als Model gearbeitet hat, auf "Zum Glück in die Zukunft II" prächtig.

Sauftouren

Gerade wenn er heiße Eisen anpackt und in "Die Nacht ist mit mir" zusammen mit Campino von den Toten Hosen über Sauftouren singt, oder in "Gleich kommt Louis" über die Geburt seines Sohnes referiert.

"Das ist jetzt schon sechs Jahre her. Ich habe mir damals zehn Minuten, bevor er auf die Welt gekommen ist, ein paar Sachen aufgeschrieben, es aber erst jetzt geschafft, diesen Song fertigzustellen. Denn – wie bei ,Mein Rostock‘ über meine Heimatstadt – besteht bei einem Lied über sein Kind große Pathos-Gefahr."

Aber auch politisch hält sich Marteria nicht zurück. Aufgewachsen in der DDR mit einer links-orientierten Mutter bekam er schon als Schulbub am Mittagstisch mit, dass "Frieden, die Umwelt und die Vielfalt des Planeten wichtig und mit Respekt zu behandeln sind".

Wie verträgt sich das mit den Bildern von Kampf und Revolution, die er in Videos oder Texte über das spannungsgeladene soziale Klima packt?

"Das sind rein künstlerische Metaphern. Die Revolution entsteht ja in erster Linie nicht dadurch, dass man auf die Straße geht, sondern im Kopf. Dadurch, dass man sich seine eigenen Gedanken macht und nicht auf Züge aufspringt und mit der Masse mitgeht. Das halte ich für extrem gefährlich. Aber ich denke schon, dass sich die Leute nicht ewig alles gefallen lassen und es Zustände wie in Griechenland oder Spanien auch bei uns geben könnte."

Das ganze Interview

"In Deutschland denken alle, es läuft alles perfekt"

Der Rapper spricht über seine Freundschaft zu Campino, die linke Mama und sein außerirdisches Alter-Ego Marsimoto.

marteria
Foto: Paul Ripke/Sony Music

Marten Laciny war Model, Schauspieler und Fußballer, bevor er unter dem Pseudonym Marteria den Rap für sich entdeckte. Nachdem er 2012 mit Miss Platnum und Yasha den Hit "Lila Wolken" hatte, veröffentlichte er jetzt mit "Zum Glück in die Zukunft II" ein Meisterwerk.

Sie sagen, Sie können zuhause in Berlin nicht schreiben und waren deshalb viel auf Reisen, um sich Inspirationen für „Zum Glück in die Zukunft II“ zu holen. Wo sind welche Tracks entstanden?

Marteria: So genau kann man das nicht sagen. Es liegt auch nicht daran, dass ich zu bescheuert bin, in Berlin einen Text zu schreiben. Aber wenn ich alltägliche Ablenkungen habe, wenn das Telefon klingelt oder ich einkaufen gehen muss, fällt es mir schwer. Denn ich bin nicht einer, der ein oder zwei Lieder in der Woche schreibt. Ich habe Phasen, die zwei oder drei Monate dauern, da habe ich richtig Bock drauf. Da will ich dann mein Handy ausschalten. Ich brauche gute Luft, am besten mit 50 Prozent mehr Salzgehalt, damit meine Synapsen ordentlich funktionieren. Und ich brauche eine Terrasse, gutes Essen und Wasser. Aber die Entstehung eines Songs, die ursprüngliche Idee . . . das passiert schon meistens auf dem Klo oder unter der Dusche. Die Ausarbeitung passiert dann auf Reisen. Ich habe mir zum Beispiel ein paar Ideen in meinem Handy notiert, habe sie aber erst in Argentinien – mit einem gewissen Abstand – fertig schreiben können.

In Argentinien waren Sie mit den Toten Hosen, die dort auf Tour waren . . .

Genau. Denn ich habe eine enge Freundschaft mit Campino. Wir haben ja zusammen viele Songs für die letzte Hosen-Platte „Ballast Der Republik“ geschrieben. Und er war dann so cool, mich nach Argentinien einzuladen. Die Hosen sind dort eine unfassbar bekannte Band und spielen vor 15.000 Leuten in Fußballstadien. Das war natürlich eine tolle Erfahrung. Dort sind zwei Songs von „Zum Glück in die Zukunft II“ entstanden.

Ist einer davon „Die Nacht ist mit mir“, den Sie zusammen mit Campino singen?

Nee, der ist es nicht. Der ist in einer Kreuzberger Bar entstanden. In Argentinien habe ich „Pionier“ und „Eintagsliebe“ geschrieben.

Warum haben Sie Campino gerade für dieses Lied als Partner gewählt?

Wenn man ein Lied über das Trinken macht, ist Campino natürlich ein super Partner. Obwohl es nicht darum geht, dass wir total die Saufkumpanen sind. Wir sind ganz normale Menschen, die sich sehr, sehr mögen, sehr, sehr schätzen und viel Zeit miteinander verbringen. In dem Song geht es darum, dass man Abends Hummeln im Arsch hat. Gerade wenn du Single bist – was sich jetzt Gott sei Dank bei mir geändert hat, aber sehr lange so war – geht man dann raus. Und wenn man dann noch in Berlin wohnt, saugt die Nacht einen auf. Ich habe Campino den Song vorgespielt, und er hat sofort gesagt: „Das ist toll. Ich habe selbst sehr viele Nächte in Bars verbracht und habe selbst sehr viel mit meinen Problemen zu kämpfen, den Song kann ich spüren.“

…

Und Sie kennen das auch?

Man kann über so ein Thema nur sehr gut schreiben, wenn man das hinter sich gelassen hat. Und das ist auch die Message bei dem Song: Dass man am Ende mit Hoffnung rausgeht, sagt, aber morgen packe ich das, mache ich es anders. Das ist mir überhaupt bei allen Songs wichtig: Erstens, dass sie Interpretations-Spielraum haben, eine zweifache oder sogar dreifache Deutungsmöglichkeit. Und dass sie eben einen hoffnungsvollen Ausgang haben. Humor ist dabei ganz wichtig.

Ich habe das Gefühl, dass es Ihnen auch musikalisch wichtig ist, unterhaltsam zu bleiben. Denn Ihre Beats sind sehr experimentell und abenteuerlich, aber Sie machen daraus Pop-Songs im besten Sinne des Wortes.

Stimmt, das ist mir ganz wichtig. Aber trotz aller Experimente habe ich für die Produktion der ersten Platte viel, viel länger gebraucht. Denn das war eine große Selbstfindung im Sinne von: „Welche Musik mache ich?“ Meine Fan-Base waren damals meine Oma, mein Opa, meine Tante aus Bielefeld und sechs Freunde aus meiner Heimatstadt Rostock. Deswegen war damals die Herangehensweise eine andere. Ich musste erst einmal beweisen, dass ich das kann. Und dadurch, dass ich damit eine Goldene Schallplatte gemacht habe, bin ich jetzt in einer ganz anderen Position gewesen, konnte viel freier arbeiten. Und dann habe ich eben auch auf den Reisen sehr viele Misstände gesehen, erlebt, dass sehr viele Dinge nicht so laufen, wie ich mir das vorstelle.

Welche zum Beispiel?

Zum Beispiel war meine Reise nach Uganda sehr prägend. An einen Ort zu kommen, wo es kein Trinkwasser gibt und dadurch jedes zweite Kind unter fünf Jahren in einem Dorf einfach stirbt, war für mich unfassbar. Oder die Vorstellung, dass ich hier in Berlin Tegel in ein Flugzeug steige, fünf Stunden fliege und in einem Land aussteige, in dem mir die Hand angehackt wird, wenn ich einen Snickers klaue. Dagegen ist alles, worüber wir uns hier Sorgen machen extrem kleingeistig. Was ich denke, endet meist bei mir. Und wenn ich schon viel weiter bin, endet es bei meiner Familie und meinen Freunden. Das finde ich unglaublich schade, denn ich mag die Idee von einem Europa,  von einem Kontinent, wo sich alle unterstützen und keiner jemanden über andere stellt.

Was aber in Europa auch nicht so gut funktioniert . . .

Hier in Deutschland denken alle, es läuft alles perfekt, wir helfen den Griechen und den Spaniern, überall anders brodelt und explodiert es, aber wir sind die coolen Deutschen. Aber ich sehe das in keiner Ecke. Auch wenn hier ein paar Leute mehr einen Job haben, ist doch die entscheidende Frage, ob man den Job gerne macht. Wenn ich morgens nicht gerne aufstehe, weil ich meinen Job nicht mag, dann ist die Lebenszeit nicht schön genug und dann ist sie verschwendet. Das ist genau das, was ich mit dem Albumtitel "Zum Glück in die Zukunft" meine. Denn für mich bedeutet Glück zu haben, dass ich morgens glücklich aufstehe, weil ich das machen kann, was ich gerne mache. Davon sind wir aber sehr weit entfernt. Natürlich ist es wichtig, die Basisbedürfnisse abgedeckt zu haben. Aber es kann doch nicht der Sinn des Lebens sein, wie ein Motor zu laufen, damit  die Maschinerie Wirtschaft weiter funktioniert.

Sie verwenden in "John Tra Volta" und "Bengalische Tiger" sehr viele kämpferische Ausdrücke. Glauben Sie, dass es eine Revolution braucht, um dahin zu kommen?

Das sind rein künstlerisch gemeinte Metaphern. Die Revolution entsteht ja in erster Linie nicht dadurch, dass man auf die Straße geht,sondern im Kopf. Ich finde es zum Beispiel ganz schlimm und falsch, dass Leute auf Facebook schreiben, die Ausländer nehmen uns die Jobs weg. Und dass dann Leute zurück schreiben, das stimmt.  Die Leute machen sich selbst viel zu wenige Gedanken, springen schnell auf Züge auf und gehen mit der Masse mit. Das halte ich für extrem gefährlich. Aber ich denke schon auch, dass sich die Leute nicht ewig alles gefallen lassen, dass es Zustände wie in Griechenland oder Spanien auch bei uns geben könnte.

marteria Foto: Paul Ripke/Sony Music Sie stammen aus einer politischen Familie. Wie hat Sie dieses Umfeld geprägt?

Ich stamme aus der DDR und meine Mutter war sehr aktiv. Sie war in der Friedensbewegung und es wurde in der Familie sehr viel diskutiert und über Dinge nachgedacht - anders und links orientiert gedacht. Wir hatten auch die Friedens-Taube auf dem Auto. Es ging halt hauptsächlich um die Umwelt, um die Vielfalt dieses Planeten, dass man das schätzt und ehrt, dass man alles mit Respekt behandeln sollte. Das war bei uns immer ein wichtiges Thema. Und da gab es natürlich immer viele Gründe zu diskutieren, weil viele Dinge eben nicht so gelaufen sind, wie meine Mutter sich das vorgestellt hätte. Mein erstes Konzert auf das sie mich mitnahm, war ein Auftritt der sozialkritischen Gruppe Ton Steine Scherben – und ich war drei. Ich glaube, das sagt alles.

Wo ziehen Sie thematisch die Grenzen zwischen Marteria und Marsimoto. Ist Marteria der Versöhnlichere und Marsimoto der Krawallmacher?

Sehr richtig erkannt. Man bräuchte ja kein Alter-Ego, wenn das eine genauso wäre wie das andere. Und sehr viele meiner Künstlerfreunde sind sehr neidisch, dass ich das habe: Man setzt sich eine Maske auf, geht raus und quatscht wahsinnige Sachen. Marismoto ist ein Außerirdischer, der in Berlin gelandet ist, unfassbar viel kifft, die Welt mit ganz anderen Augen sieht und mit Tieren sprechen kann. Marteria-Songs dagegen sind sehr autobiografisch, das sind meine Geschichten. „Marsi“ ist eine ganz andere Welt, wo es um Pinguine geht, die im falschen Körper geboren sind. Eine Art Kleinkunst, wo Leute zum Konzert kommen, sich grün anmalen und Indianderschmuck tragen. Das macht mir sehr viel Spaß.

(kurier) Erstellt am
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