Kultur
03.04.2017

Rag'n'Bone Man: Mut aus dem Whisky-Glas

Der "Human"-Sänger spricht über Serienmörder und Elton John.

"Wenn ich auf meinem Telefon ,Unbekannten Nummer’ sehe, hebe ich normalerweise nicht ab", sagt Rag’n’Bone Man. "Aber mein Manager war da, sagte: ,Geh doch ran!’ Ich tat’s und hörte: ,Ich bin’s, Elton. Ich liebe, was du machst, du bist brillant!’ Es war unglaublich: Elton rief mich an, nur um mir zusagen, wie gern er meinen Song mag!"

Der Song heißt "Human" und katapultierte Rag’n’Bone Man im Herbst vorigen Jahres von einer Größe der britischen Underground-Szene in die Charts und den Mainstream.

Samstag stellte der als Rory Graham geborene Musiker diesen Song und sein ebenfalls "Human" genanntes Debüt-Album live in der Ottakringer Brauerei in Wien vor. Natürlich war der Hit dabei ein Highlight. Aber Rag’n’Bone Man zeigte auch, dass er weit mehr drauf hat. Sein Stil pendelt zwischen Soul, Blues, hat aber auch Einflüsse aus Hip-Hop, Funk und sogar folkige Elemente. So hatte der 32-Jährige eine abwechslungsreiche Basis für seine mächtige Soul-Stimme, die besonders berührend klang, wenn er sie solo oder nur mit Klavier- oder Gitarren-Begleitung einsetzte.

Lampenfieber

Und das, obwohl Rag’n’Bone Man erst mit 21 Jahren zu singen begann, weil er als Teenager eine Karriere als MC anstrebte, rappte und in Brighton nicht weit von seiner Heimatstadt Uckfield Jungle- und Hip-Hop-Events organisierte. "Ich hatte im Schulchor gesungen. Aber dann nur mehr, wenn keiner zuhörte", erzählte er am Nachmittag beim KURIER-Interview im Hof der Ottakringer Brauerei.

Zuhause hatte der Zwei-Meter-Mann als Fünfjähriger die Musik entdeckt. Sein Vater und sein Onkel spielten an den Abenden auf der Gitarre Blues ("Wir haben nie ferngesehen"), die Mutter sang Songs von Joni Mitchell und Bob Dylan. "Ich lernte in meinem Zimmer zu den Platten von John Lee Hooker singen. Aber ich dachte nicht, dass das jemanden interessiert. Und ich hatte Angst, öffentlich zu singen. Rappen war viel einfacher."

Wann änderte sich das? "Mein Vater und ich gingen immer zu diesen Jam-Sessions und eines Tages ging ich dabei einfach auf die Bühne und sang. Ein bisschen Whiskey war da wohl auch involviert."

Es waren die verblüfften Reaktionen des Publikums, die ihn veranlassten, umzusatteln und das Lampenfieber beim Singen zu überwinden. Sechs Jahre lang arbeitete sich Rag’n’Bone Man dann – neben dem Brotjob als Betreuer von Jugendlichen mit Down Syndrom – mit ein paar EPs in der Szene hoch.

Warum ihm ausgerechnet "Human" den Durchbruch brachte, weiß er genau: "Es klingt anders, als alles andere, was in den Charts war. Es ist originell, was die jungen Leute ansprach. Aber es erinnert auch an ältere Musik. Und vielleicht liegt es ja auch am Inhalt: Es entstand, als ein Freund mich etwas über ein Problem fragte, das ich nicht beantworten konnte. Aber es geht auch darum, wie sich manche Leute über Sachen aufregen, die nicht wirklich Probleme sind. Wenn sie sich zum Beispiel im Restaurant beschweren, dass das Essen nicht schnell genug kommt. Aber in einem größerem Zusammenhang ist das überhaupt nicht wichtig. Denn wir haben alle, was wir brauchen: Wasser, Essen und ein Dach über dem Kopf. Tausende andere Menschen haben das nicht."

Wehmut

Gerne holt sich Rag’n’Bone Man Inspiration aus dem Umfeld, singt über die Oma, oder einen Freund, der seine Tochter nicht sehen darf. Und bei "Lay My Body Down" über einen Serienmörder, der Schuldgefühle bekommt. "Der Auslöser dafür war wohl nur meine morbide Fantasie", grinst er.

Obwohl er seit acht Jahren mit seiner Freundin zusammen ist, schreibt er auch Lieder über die Schmerzen der Liebe. Das beste davon heißt "Skin" und begann mit der TV-Serie "Game Of Thrones": "Ich sah wie Jon Snow das rothaarige Wildling-Mädchen liebt, aber nicht mit ihr zusammen sein kann, weil sie in getrennten Welten leben. Am nächsten Tag hab ich den Song geschrieben."

Wehmut schwingt mit, als er erzählt, dass es ihm seit dem Erfolg ähnlich geht und er fünf Minuten vor dem Interview seiner Freundin für die Hochzeit eines befreundeten Paares absagen musste, weil er an dem Tag noch auf Tour ist. "So ist das halt im Moment. Aber es gibt ja auch viel Großartiges: Ich wollte immer einen Song in der TV-Serie ,Eastenders‘ haben, die eine britische Institution ist, die ich seit meiner Kindheit verfolge. Das haben sie mir vorige Woche erfüllt."