Kultur
26.06.2017

Puls 4-Infochefin Milborn: Baumgartner "hat mich auf Kuchen eingeladen"

Puls 4-Infochefin Corinna Milborn über Politikergespräche, die Wahl und Felix Baumgartner.

KURIER: Sie machen mit den Sommergesprächen einen Frühstart und beginnen über einen Monat vor dem ORF. Wie legen Sie es an?

Corinna Milborn: Das Ziel unserer Sommergespräche war und bleibt, dass man die Parteichefs und ihre Programme kennenlernt – wie sie Österreich verändern wollen. Meistens redet man mit Politikern darüber, was sie am Tag davor beschlossen haben und was ein anderer dazu gesagt hat. Ich möchte es so anlegen, dass man eine Stunde Zeit hat, auch die Motivationen dahinter darzulegen: Warum tut sich jemand diesen Job an? Mit welcher Vision für das Land? Warum glaubt er, dass er das verändern kann? Und mit welchem Programm?

Im Herbst gibt es auch bei Puls 4 Konfrontationen mit den Spitzenkandidaten. Warum ist dieses Format so wichtig?

Das ist eine Wahl, die tatsächlich das Land verändern kann – und wahrscheinlich auch wird. Meine Hoffnung ist, dass es in einer Weise abläuft, mit der man als Zuseher tatsächlich etwas Neues erfährt, und dass man die Argumente von allen nachvollziehen kann. Gerade bei den Unter-50-Jährigen, die unsere Hauptzielgruppe sind, ist ja keine starke Parteizugehörigkeit mehr vorhanden. Wir sind in dem Segment die größte Fernsehgruppe im Land – vor dem ORF. Und haben da eine große Verantwortung. Bei uns schauen auch Leute Wahlkonfrontationen an, die nicht die ganze Zeit Politiksendungen verfolgen oder täglich Zeitung lesen.

Das Lagerdenken bei den Wählern mag aufgebrochen sein. Demgegenüber stehen die Parteien, die sich Silo-artig nebeneinander stellen und immer mehr voneinander abkapseln. Vor allem auf Social Media wird da extremer Druck aufgebaut.

Man merkt einfach, dass es um die Existenz geht. Und zwar bei allen sechs Parteien – bei den drei Großen eben auch. Die FPÖ war sehr lange in den Umfragen auf Platz eins und rutscht vor der Wahl stark ab. Bei Kurz und Kern ist es so, dass beide erstmals als Person zu einer Wahl antreten, ihre Parteien sind aber auch keine sichere Bank mehr – wenn man sich anschaut, wie die konservative Theresa May in Großbritannien verloren hat, oder die Sozialisten in Frankreich... Das macht auch diese vorherrschende Aggressivität aus, glaube ich.

Wir haben einen Kanzler erlebt, der Pizza ausliefert, einen ÖVP-Chef, der sich offenkundig aus der Innenpolitik heraushält, um ja keine inhaltlichen Schlammschlachten austragen zu müssen. Gab es schon einmal so viel unverhülltes Politmarketing wie heute?

Es liegt glaube ich an Social Media und den verstärkten Kommunikationsmöglichkeiten der Parteien selbst, mit denen sie einfach nur an ihre Zielgruppen was rausschießen können, und die werden nicht nachfragen. Das birgt allerdings eine Gefahr: Wenn man sich stark darauf konzentriert, für die eigenen Leute zu kommunizieren und man hört immer nur: "Super!", dann ist die Gefahr recht groß, Kritik nicht mehr mitzubekommen.

Weil man sich inhaltlich in seiner Filterblase abschottet?

Ja. Als noch hauptsächlich über Massenmedien kommuniziert worden ist – mit Presseaussendungen oder Interviews, hat man immer gleich mitdenken müssen: Was wird die Gegenseite sagen? An welchem Punkt wird der kritische Journalist nachhaken?

Diese Echokammer-Kultur ist eigentlich der Gegensatz des großen politischen Konsenses, der unser Land geprägt hat – mit großer Koalition und Sozialpartnern.

Der Boden, auf dem ein gemeinsamer Diskurs überhaupt stattfinden wird, schwindet. Der ist aber für Demokratie enorm wichtig, weil sie nur funktioniert, wenn auf einem Platz Gedanken ausgetauscht werden. Im alten Griechenland gab es die Agora, den Marktplatz, an dem alle zusammenkamen und ihre Meinungen austauschten. Heute gibt es völlig unterschiedliche Erzählungen, was die Probleme im Land sind und was die Lösungen wären. Deswegen halte ich die Fernsehkonfrontationen für wichtiger denn je. Allein, damit auch die Gegenseite gehört wird.

Eine starke Trennlinie, die sich bei allen Wahlen abzeichnet, verläuft zwischen Stadt und Land. Verstehen Sie, dass viele Leute, die nicht in urbanen Zentren wohnen und sich nicht in einem liberalen Wohlfühl-Umfeld bewegen, sich heute abgehängt fühlen?

Ich halte das nicht für ein Gefühl oder eine diffuse Angst, sondern: Die wirtschaftliche und politische Entwicklung, die wir haben, hat für viele Nachteile. Und das trifft besonders für das Land zu. Deswegen ist es eine ganz rationale Antwort zu sagen: So ist das nicht die Zukunft, die ich mir vorstelle, weil ich schon in der Gegenwart sehe, dass etwas falsch läuft. Ich glaube tatsächlich, dass es da in der Politik zu wenige Konzepte gibt.

Der zweite große Unterscheider sind die Geschlechter. Frauen und Männer wollen bei Wahlen zunehmend etwas anderes von der Welt.

Ich glaube, das liegt auch daran, was man sich von der Zukunft erwartet. Bei Frauen war es oft so, dass der Zugang zum Arbeitsmarkt ohnehin sehr beschränkt war. Da ist der Schritt zur Teilzeit schon sehr positiv. Für junge Männer wird es hingegen immer schwieriger, das zu erreichen, was bisher als "richtiges Leben" galt – eine Familie ernähren zu können mit seinem Einkommen, beruflich fortzukommen. Es gibt aber keinen Ersatz dafür. Frauen tun sich da leichter, weil sie es gewohnt sind, unten zu stehen.

Apropos Männlichkeit: Sie haben einen öffentlichen Disput mit Felix Baumgartner ausgetragen, der Ihre Figur verunglimpft hat. Sie luden in einem viel beachteten Facebookvideo ins Fernsehen ein, um das auszustreiten. Was wurde draus?

Im Endeffekt hat er mich zu sich in die Schweiz eingeladen auf einen Kuchen von seiner Mama.

Nehmen Sie die Einladung an?

Ich habe zugesagt, aber da ist nichts mehr nachgekommen. Ich glaube, er wollte sich der Diskussion einfach nicht öffentlich stellen.

Warum ist es eigentlich so, dass Sie als Journalistin auf Ihren Körper angesprochen werden, ein Journalist, der vielleicht schon schütteres Haar hat oder einen dicken Bauch, hingegen nie?

Bei Männern ist es selten so, dass jemand sagt: "So wie du ausschaust, solltest du gar nicht stattfinden." Während es bei Frauen fast immer so ist – egal wie sie aussehen. Das kann von "zu hübsch", "zu sexy" bis zu "hässlich" oder "unweiblich" reichen. Es ist egal, letzten Endes wird immer gesagt: "So wie du ausschaust, solltest du hier gar nicht sein." Es hat ganz simpel mit alten Geschlechterbildern zu tun.

Ihre öffentliche Gegenwehr gegen Baumgartner hat bis nach Deutschland Wellen geschlagen. Wie erklären Sie sich das? Weil Sie eine der wenigen Frauen sind, die sich öffentlich zur Wehr setzten?

Zuerst wollte ich gar nicht reagieren. Dann hat meine 17-jährige Tochter dauernd Postingentwürfe als Reaktion geschrieben und mich gefragt, ob sie das veröffentlichen darf. Ich habe sie davon abgehalten, aber bin ich gleichzeitig drauf gekommen: Ich kann ja nicht meiner Tochter erklären, dass man so etwas auf sich sitzen lässt. Oder das sei kein Thema, über das man redet. Weil es zugleich natürlich ein Riesenthema ist, wie Frauen aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden.

Das Echo auf ihr Baumgartner-Posting war jedenfalls riesig. Viele haben auch öffentlich applaudiert.

Ich habe letztendlich über 100 Interview-Anfragen aus Deutschland bekommen, die ich gar nicht mehr absolvieren konnte. Mein Facebookvideo hat fast fünf Millionen Views. Es hat offenbar einen Nerv getroffen, weil jede einzelne Frau damit ihr ganzes Leben konfrontiert ist – egal was sie beruflich macht.

Was war das Fazit ihrer Tochter?

Sie war letztendlich sehr zufrieden damit (lacht).