Kultur
18.12.2017

Professoren und Propheten: Die Angewandte blickt zurück und nach vorn

Die Kunstuniversität feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum mit einer Schau im MAK.

Wir wissen alle, wer das Smartphone erfunden hat. Es war, genau: Peter Weibel! Der Künstler, Theoretiker und Schnellredner, der kürzlich sein Archiv der Universität für angewandte Kunst vermachte, hatte schon vor Jahrzehnten die Idee für einen Rasierapparat (!) mit eingebautem Radio, Fotoapparat, Walkie-Talkie und Lautsprecher – und war Steve Jobs damit insofern voraus, als dessen iPhone bis heute nicht in der Lage ist, Bärte zu stutzen.

In der Schau "Ästhetik der Veränderung" (bis 15.4.2018) steht das Wunderding als Beleg für die prophetischen Fähigkeiten von Künstlern. Der Kurator (genau: Peter Weibel!) hat es in einer Ecke des Obergeschosses platziert.

Der erste Stock der MAK-Ausstellungshalle ist aber nur eine Hälfte der Präsentation, die das 150-jährige Bestandsjubiläum der Universität für angewandte Kunst Wien zelebriert: Am 21. Oktober 1867 unterzeichnete Kaiser Franz Joseph I. die Gründungsurkunde der Kunstgewerbeschule, die zunächst als Annex des "Museums für Kunst und Industrie" – heute MAK – gedacht war. Studierende sollten Geschmack und handwerkliche Fähigkeiten an den Vorbildern aus der Museumssammlung schulen und in Folge das Niveau des Kunstgewerbes heben.

Ein begehbares Lexikon

Im Parterre haben Patrick Werkner, Sammlungsleiter der Angewandten, und MAK-Kustodin Elisabeth Schmuttermeier einen vielschichtigen Rückblick auf diese Geschichte arrangiert: Auf Anregung der Architekten BWM wurden die Exponate nicht chronologisch, sondern nach dem Alphabet arrangiert, man durchwandert also ein begehbares Lexikon und entdeckt Bekanntes neben Unbekanntem, Junges neben Historischem.

Ein großer Teil der Kunst- und Design-Elite Österreichs hatte im Zuge seiner Ausbildung oder der eigenen Lehrtätigkeit mit der Angewandten zu tun. So sieht man Bleistiftzeichnungen, die der Kunstgewerbeschüler Gustav Klimt zwischen 1880 und 1883 brav nach dem Vorbild von Rüstungen und Helmen anfertigte; oder ein Gemälde, in dem sich die als erste Malerei-Professorin an die Hochschule berufene Maria Lassnig 1980 wie ein verzweifelter Riese Atlas darstellte: "Ich trage die Verantwortung", schrieb sie dazu – die Lehrtätigkeit lastete auf ihr.

"Kampfkunst"

Interessant ist auch die Sektion über die Zeit des Dritten Reichs. Da wollte der Grafiker Paul Kirnig die Schule zur Ausbildungsstätte für Propagandaproduzenten formen: "Angewandte Grafik ist Kampfkunst", schrieb er. Die Institution wurde 1941 zur "Reichshochschule für angewandte Kunst" erhoben, der Terminus "Angewandte" blieb bestehen – und Kirnig nach 1945 im Amt.

Eine wandfüllende Grafik zeigt im zentralen Saal die Entwicklung der Institute und ihrer leitenden Professoren und Professorinnen. Die Schule, die einst mit 78 Schülern (und von Beginn an auch Schülerinnen) startete, ist heute eine große, internationale Institution. Als solche versteht sie sich als Keimzelle für das 21. Jahrhundert, das Rektor Gerald Bast zufolge ein "Jahrhundert der Kreativität" sein wird.

Im Obergeschoß, wo Bast neben Weibel als Kurator fungierte, sind Parolen auf Querbalken affichiert: "Bildung und Wissenstransfer sind Arbeit", steht da, oder "Kunst hat einen Platz außerhalb von Museen und Galerien". Der revolutionäre Geist mag sich dabei nicht so recht vermitteln, man wähnt sich eher auf der Linzer Ars Electronica circa anno 2001.

Was Visionen angeht, wirkte die jährliche Absolventen-Ausstellung der Angewandten, "The Essence", zuletzt gehaltvoller. Diese sucht übrigens derzeit einen Austragungsort für den Frühsommer 2018: Im neuen Quartier der "Angewandten" in der Vorderen Zollamtsstraße jenseits des Wienflusses wird erst ab dem Herbst 2018 der Vollbetrieb möglich sein.