Sieben Jahre lang haben Stefan Hiess (rechts) und Hennes Weiss den Musikclub Pratersauna betrieben. Ende Jänner 2016 ist Schluss damit.

© Kurier/Juerg Christandl

Ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören
12/15/2015

"Ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören"

Die Noch-Betreiber des Clubs Pratersauna über die Wiener Clubkultur, ihre Entscheidung und Zukunft.

von Marco Weise

Die Zukunft der Pratersauna ist so gut wie entschieden. Der Wiener Szene-Gastronom Martin Ho unterschreibt demnächst den Pachtvertrag. Geht alles nach Plan, dann wird der Eigentümer der Dots-Gruppe den Club im Wiener Prater Anfang Februar von den bisherigen Betreibern Hennes Weiss und Stefan Hiess übernehmen. Im KURIER-Interview sprechen Weiss und Hiess zum ersten Mal über die Entscheidung, ihre zukünftigen Pläne und die Wiener Clubkultur, die sie in den letzten Jahren maßgeblich mitgeprägt haben.

KURIER: Es gab im Vorfeld viele Gerüchte und Falschmeldungen rund um eine Übernahme der Pratersauna. Sie haben dazu nie Stellung bezogen. Warum? Stefan Hiess: Die Meldungen haben sich durch Falschinterpretationen von Journalisten in den letzten Wochen buchstäblich überschlagen. Wir haben uns bis dato nicht zu Wort gemeldet, weil es einfach nichts zu sagen gab.

Hennes Weiss: Nun ist es aber soweit: Wir steigen fix aus und können bestätigen, dass Martin Ho mit seiner Dots-Gruppe vom Verpächter als Nachfolger ausgewählt wurde. Es gibt noch einige ungeklärte Punkte, wir stehen aber kurz vor dem vertraglichen Abschluss.

Wie kam es zur Entscheidung? Stefan Hiess: Die Entscheidung stand schon länger im Raum. Was wahrscheinlich kaum jemand weiß: Ursprünglich hatten wir die Pratersauna immer nur als fünfjähriges Projekt geplant.

Hennes Weiss: Wir werden älter und entfernen uns von Jahr zu Jahr mehr vom Durchschnittsalter unserer Gäste, wir können uns also immer weniger in sie hineindenken. Wir können und wollen nichts verkaufen, was wir selbst nicht sind. Es sein zu lassen, war die logische Konsequenz. Es ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören.

Wer hat oder konnte mitentscheiden? Stefan Hiess: Wie bei jedem anderen Pachtverhältnis auch gibt es die Immobilie, um die sich alles dreht und den Eigentümer, der in der Regel auch der Verpächter ist und einen Pächter, der die Immobilie nutzt. Daraus entstehen logischerweise auch unterschiedliche Interessen, welche das Ganze nicht einfacher machen. Genau so war das auch bei uns.

Hennes Weiss: Die Entscheidungsgewalt wer der neue Pächter ist, lag am Ende alleinig beim Eigentümer. Immerhin muss er die nächsten Jahre mit ihm kooperieren. Wir lieben nach wie vor den Spirit, aber das Gebäude war für uns immer ein Fass ohne Boden und eine gröbere Sanierung war nur mehr eine Frage der Zeit. Wir räumen somit das Feld, um dieser nicht mehr im Wege zu stehen.

Welche persönlichen Gründe haben Sie zu dieser Entscheidung bewegt? Hennes Weiss: Nach sieben Jahren durchgehenden Clubbetrieb fühlt man sich manchmal wie in einem Hamsterrad. Man verliert dabei den Bezug zum Ganzen. Es braucht Zeit und Kraft den notwendigen Anschluss nicht zu verlieren, doch genau dafür haben wir einfach nicht mehr dieselbe Motivation wie noch am Anfang. Es war ein Ziel die Wiener Clubkultur nachhaltig zu prägen und eine internationale Marke aufzubauen. Wir glauben diese Mission erfüllt zu haben. Es wird Zeit unsere Energie in neue Projekte zu investieren.

Stefan Hiess: Nach so vielen Jahren auf der Überholspur ist es schlicht und einfach an der Zeit, mal kürzer zu treten. Wir gehen beide auf die 40 zu und sehnen uns nach etwas Normalität und einem geregelten Leben.

Erst im März dieses Jahres gab es Neuerungen, wurde mit der Klubnacht eine neues Format gegründet? Gab es zu diesem Zeitpunkt schon Überlegungen, aufzuhören? Hennes Weiss: Überlegungen wie wir unsere persönliche Zukunft nach der Pratersauna gestalten, gab es bei mir zumindest schon länger. Am Ende ist es auch eine Work-Life-Balance und Kosten-Nutzen Frage, die mit steigendem Alter mehr an Bedeutung bekommt. Die Antwort dafür haben wir beide nach sieben Jahren nicht mehr so wirklich gefunden.

Stefan Hiess: Die Klubnacht war für mich ein Indikator, der diese Entscheidung herbeigeführt hat. Sie war ein Versuch der Pratersauna wieder ein „neues altes Gesicht“ zu geben, sich selbst treu zu bleiben und „die richtigen Leute“ herauszufiltern. Sowohl das Booking, als auch die Art der Kommunikation, hat sich an „Interessierte“ gerichtet. An allen andern läuft sie vorbei. Absichtlich. Ein sehr mutiger Schritt in Zeiten wie diesen, aber es war - nach rast- und ziellosen Zeiten - die einzige Möglichkeit, wieder einen roten Faden durch alles zu ziehen.

Viele Menschen sind der Meinung, dass man mit Partys, einem Club viel Geld verdienen kann. Wie sieht die Realität aus? Hennes Weiss: Die Realität ist viel härter als den meisten Partygästen bewusst ist. Bei 12 Euro Eintritt bleibt nach Abzug aller Kosten zum Überleben wenig übrig. Ein Club in der Größe und musikalischer Ausrichtung der Pratersauna lässt sich ohne Investoren kaum noch in der Qualität, wie wir uns das vorstellen, führen.

Stefan Hiess: Da wir stets versucht haben, uns treu zu bleiben, haben wir auch nie wirklich Geld verdient. Mag sein, dass es grundsätzlich möglich ist, mit einem Club Geld zu verdienen, allerdings muss man dann entweder eine andere Zielgruppe bedienen, in einer anderen Stadt leben oder beides. Meiner Meinung nach, ist es unter den vorherrschenden Bedingungen, unter Einhaltung aller Regeln und Vorschriften immer schwerer möglich, Geld zu verdienen. Eine Verbesserung in der Zukunft ist nicht in Sicht.

In welche inhaltliche Ausrichtung wird der neue Betreiber den Club lenken? Hennes Weiss: Wie wir gehört haben, gibt es mehrere Ideen dazu, unter anderem eine Neugestaltung des Poolbereichs in Form eines Beachclubs im Sommer. Das Flair soll nach dem Umbau so gut wie möglich erhalten bleiben und auch elektronische Musik bleibt nach Aussagen des neuen Betreibers weiter im Programm. Mehr wissen wir aber auch nicht.

Stefan Hiess: Als Teil unserer Unterstützung übergeben wir dem nächsten Betreiber auch die Wortmarke „Pratersauna“. Die Pratersauna steht mittlerweile in allen Reiseführern als Party-Tipp, es gibt zahlreiche Geschichten in den verschiedensten Medien und wenn es um Clubkultur geht, dann kennt man uns tatsächlich auf der ganzen Welt, von Tokio bis L.A. Wir wollen eine faire Übergabe und entsprechend soll der neue Betreiber davon profitieren.

Was passiert mit den Mitarbeitern, den Veranstaltern? Hennes Weiss: Glücklicherweise standen einige unserer Mitarbeiter ohnehin gerade an einem Punkt ihres Lebens, eine Veränderung einzuleiten. Die Motivation schwindet nicht nur bei uns, sondern auch bei den langjährigen Webbegleitern. Somit passt es für alle ganz gut.

Ihre Einschätzung zur aktuellen Clubkultur in Wien? Hennes Weiss: Das Angebot der elektronischen Klubszene mit teilweise bis zu fünf ähnlichen Partys war vor allem in den letzten zwei, drei Jahren zu groß. Wien ist nicht Berlin, und das ist übrigens auch gut so. Jetzt hören neben uns auch noch andere Clubs und Promoter auf, es wird sich also zeigen ob sich ein Vakuum bildet und wer dieses füllen kann und will. Ich glaube die Tendenz geht aktuell wieder zu den kleinen guten, kompakten Partys.

Stefan Hiess: Wie ich schon öfter hören durfte, haben wir damals nicht nur die Szene geprägt, sondern sie maßgeblich mit aufgebaut. Allerdings muss man dazu sagen, dass das vor einigen Jahren einfacher und es noch etwas Besonderes war, ein Stück Berlin nach Wien zu holen. Die Szene ist immer ein Produkt der vorherrschenden Gegebenheiten und ein Spiegel der jeweiligen Zeit. Die Zeiten in denen man wegen der Musik in einen Club ging, sind vorbei. Klar, man will gute Musik hören, aber grundsätzlich geht es darum abzuschalten und Spaß zu haben. Wer genau da vorne steht und was genau der spielt, ist nebensächlich geworden. Musik wird konsumiert, nur mehr ganz selten zelebriert.

Hennes Weiss: Die Qualität der national produzierten elektronischen Musik sehe ich dazu übrigens antizyklisch positiv mit dem Ergebnis, dass Wien bzw. Österreich auch wieder international die berechtigte Anerkennung seit Kruder & Dorfmeister genießt.

Nach Wien kommen so gut wie kaum Party-Touristen. Sollte sich Wien in dieser Hinsicht klarer positionieren, mehr auf diese Zielgruppe setzen? Hennes Weiss: Auf jeden Fall und in diese Richtung möchte ich klare Kritik üben. Ich sehe es als einen strategisch fatalen Fehler, dass sich Wien Tourismus und die Stadtpolitik rund um das Kulturressort nur auf die sogenannte „Hochkultur“ konzentriert. Auf mehrmalige Anfragen sind Aussagen zu uns durchgedrungen, dass man sich von der lokalen Clubkultur und den damit verbundenen Musikschaffenden distanziert.

Stefan Hiess: Es sieht so aus, als ob sich das in den nächsten Jahren leider auch nicht ändert. Traurig aber wahr. Wobei es sicherlich besser ist, es ganz sein zu lassen als etwas halbherzig in Angriff zu nehmen, bei dem man nicht sattelfest ist – so gesehen empfinde ich die Zurückhaltung der Stadt nicht nur als negativ.

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Stefan Hiess: Wie heißt es so schön, wenn man eine Türe schließt, öffnet sich die andere. Im unserem Fall gibt es mit dem Lighthouse Festival in Kroatien eine vielversprechende Tür, durch die wir gemeinsam gehen. Abgesehen davon hat jeder von uns noch seine eigenen Interessen und endlich auch die Zeit, diesen nachzugehen. Ich ziehe zum Beispiel gerade aufs Land und entfliehe dem Trubel der letzten Jahre. Vieles habe ich in einem Tagebuch festgehalten, sonst glaubt es ja keiner. Vielleicht fasse ich alles zusammen und schreibe ein Buch.

Hennes Weiss: Man kann es auch so sehen, dass wir vom Wurstsalon über die Pratersauna erst jetzt bei unserem eigentlichen Projekt angekommen sind – dem Lighthouse Festival. Wir sind der Überzeugung, dass wir damit noch mehr Menschen erreichen können, als wir es mit der Pratersauna bereits getan haben. Zumindest ist das die Vorgabe an uns selbst. Und ich freue mich im Rahmen des Musikmanagements für die Band HVOB auf mehr Reisen und nebenbei habe ich mit Freunden in Berlin auch eine Plattform gegründet – namens DJsCantCook.tv. Weitere Projekte sind in der Pipeline.

Das vorläufige Abschiedsprogramm im Überblick: 31.12.-01.01.“The Last New Years Eve“ (geht bis 1.1. 18.00) 02.01. - Prasselbande X Bebop Rodeo 05.01. - DuschDich X Aufguss 08.01. - Cosmic Space says Goodbye 09.01. - Praterei X Pomeranze 15.01. - Stromclub X Schwarzbrot 16.01. - Pompadour says Goodbye 22.01. - Hart aber herzlich X e-nix 23.01. - Luft & Liebe X Zuckerwatt 24.01. - 5Uhr Tee & TechnoSonntag say Goodbye (tbc.) 28.01. - Saunieren statt Studieren says Goodbye 29.01. - Das Ende - Day 1 // "Die Pratersauna Academy Awards" Gala (Invitation only) + Austrian Artists & Crews 30.01. Das Ende - Day 2 // Special Berlin Focus & RBMA Bass Camp 31.01. // Das Ende - Day 3 // Open End Afterhour mit Friedrich Locke & internationale Surprise Acts (geht bis 24.00)

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