Kultur
20.05.2017

"Pirates of the Caribbean": Bardem und Rush im Interview

Geoffrey Rush und Javier Bardem über den fünften Teil der "Pirates of the Caribbean"-Reihe.

Von Gabriele Flossmann

Der exzentrische Pirat meldet sich zurück. Auch im fünften Teil der "Fluch der Karibik"-Reihe ("Pirates of the Caribbean: Salazars Rache", ab 25. Mai im Kino) gibt Johnny Depp mit kajalgeschminkten Augen und exaltierten Bewegungen wieder den zwielichtigen Jack Sparrow. Sein titelgebender Gegenspieler wird verkörpert von Oscar-Preisträger Javier Bardem, bekannt u. a. aus "Skyfall", "No Country For Old Men" oder dem Woody-Allen-Film "Vicky Cristina Barcelona".

KURIER: Sie mussten für diese Rolle täglich drei Stunden beim Make-up sitzen.

Javier Bardem: Ich wurde dafür sehr gut bezahlt und darf mich also nicht beklagen. Aber es ist schon die Härte, wenn man deshalb jeden Tag um 5 Uhr Früh am Drehort sein muss. Zuerst bekam ich einen Kaffee – und dann jede Menge Klebstoff ins Gesicht. Als sie mir dann eine Art Hühnerhaut an die Wangen klebten, dachte ich: Aha! Aussehen tut das eindrucksvoll, aber hoffentlich kann ich damit mein Gesicht noch soweit bewegen, dass die Mimik funktioniert.

Machen Sie amerikanische Blockbuster, um Geld zu verdienen und sich dann Rollen in europäischen Filmen für weniger Gage leisten zu können?

Nein, das sehe ich anders! Erstens gibt es meiner Erfahrung nach viele – vielleicht sogar zu viele – europäische Regisseure, die davon träumen, große amerikanische Blockbuster zu machen. Zweitens ist es für mich als Schauspieler viel leichter, Angebote aus Amerika zu bekommen als aus Europa. Denn in Europa werden neben Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Norwegisch, Russisch, Dänisch, Ungarisch, Griechisch und Rumänisch weiß Gott noch wie viele Sprachen gesprochen. Deshalb habe ich außerhalb Spaniens kaum Chancen, weil man bei anderen Sprachen meinen Akzent hört. Mir wurden daher in den vergangenen zwanzig Jahren nur etwa zehn europäische Filmrollen angeboten. In Amerika ist der Akzent egal. Dort gibt es viele Ausländer und die Rollen werden adaptiert. Natürlich schaue ich bei Filmen wie "Fluch der Karibik" auch auf die Höhe der Gage. Aber am Ende geht es nur um die Rolle.

Wie haben Sie Ihren Captain Salazar angelegt?

Ich stelle mir den Salazar als einen besiegten Helden vor, der seine Niederlage rächen will.

Haben auch Sie manchmal Rachegelüste?

Manchmal denke ich in einer ersten Gefühlsaufwallung an Rache, wenn mich jemand schwer gekränkt hat. Wenn ich dann näher darüber nachdenke, verfliegen meine Rachegelüste. Aber für mich sagt sich das leicht, weil ich noch nie in der schrecklichen Lage war, aufgrund einer Schuld anderer einen geliebten Menschen verloren zu haben. Vielleicht würde meine Antwort dann anders lauten.

Ist das eine Einsicht, die mit dem Alter gekommen ist?

Ich habe 19 Jahre lang Rugby gespielt und dabei gelernt, mit Rachegefühlen umzugehen. Nach einem Foul durch einen gegnerischen Spieler denkt man zuerst: Warte nur, bis du mir in die Finger kommst. Aber dann merkt man, dass der Teamgeist stärker sein muss als individuelle Gefühle, weil man sonst todsicher verliert. Damals habe ich gelernt, dass eine persönliche Vendetta keinen Sinn macht. Ich bin gerne Teil eines Teams.

Und wie sehen Sie das Starwesen bei Schauspielern?

Genauso wie beim Rugelby. Wenn im Film oder am Theater kein Teamgeist herrscht, dann leidet die schauspielerische Leistung. Man darf auf keinen Fall selbstgefällig werden! Und damit das nicht passiert, muss man sich mit sogenannten "wirklichen Menschen" umgeben. Mit Freunden und Familie, die einem die Wahrheit ins Gesicht sagen. Obwohl ich mir auch manchmal denke: So viel Wahrheit muss auch wieder nicht sein. Hie und da könnt ihr mir schon eine verdammte Lüge erzählen (lacht). Aber im Grunde sollte sich niemand wichtiger nehmen als andere.

Gilt das auch für die Stars, mit denen Sie bisher in Filmen gearbeitet haben?

Da ist es meistens umgekehrt. Da bin ich es, der sich vom Star-Ruhm von Kollegen wie Johnny Depp oder Daniel Craig beeindrucken lässt. Als ich zum Beispiel als Bond-Bösewicht im gläsernen Käfig gefangen war ("Skyfall", 2012) und draußen Daniel Craig sah, dachte ich: Da steht er, der berühmte James Bond – und ich darf sein Gegner sein (lacht). Aber in der Zusammenarbeit sind beide – Daniel Craig wie auch Johnny Depp – sehr normal und kollegial.

Sind die Bösewicht-Rollen für Sie ein Ventil, die dunklen, vielleicht auch rachsüchtigen Seiten spielerisch auszuleben?

Nein. Ich habe keine dunklen Seiten! (lacht). Eher habe ich die Sorge, dass ich bei Filmangeboten auf zwielichtige Bösewichte festgelegt werde. Denn ich kann auch anders …

Hintergrund: Geldsegen in der Karibik

Filmreihe

"Pirates of the Caribbean: Salazars Rache" (ab 25. Mai in den österreichischen Kinos) ist der fünfte Teil jener Erfolgsfilm-Reihe, die 2003 mit dem "Fluch der Karibik" anhob. 3,7 Milliarden Dollar haben die bisherigen Filme bereits insgesamt eingenommen und liegt damit an elfter Stelle bei den bestverdienenden Filmserien.

Salazars Rache

In der neuesten Auflage stellt sich Jack Sparrow (Johnny Depp) "Salazars Rache". Der hat nämlich noch ein Hühnchen zu rupfen mit dem liebenswürdigen Draufgänger. Dabei spielt nicht nur der Dreizack des Poseidons eine wesentliche Rolle, man begegnet auch alten Bekannten und trifft naturgemäß auf neue Gesichter.

Das hat wagnerianische Ausmaße angenommen

Geoffrey Rush.Captain Barbossa ist wieder mit an Bord – verkörpert vom Oscar-Preisträger Geoffrey Rush, der schon in allen bisherigen Filmen dabei war.

KURIER: Haben Sie sich beim ersten Film vorstellen können, wie erfolgreich die Serie werden wird und dass Sie in mehreren Folgen mitspielen werden?

Geoffrey Rush: Nein! Denn als wir den ersten Film 2002 und 2003 drehten, war ich am Ende tot. Und ich dachte: Gut! Es war lustig, aber jetzt kann ich wieder andere Rollen spielen. Inzwischen hat das Ganze wagnerianische Ausmaße angenommen und ist zu einer Art "Fliegender Holländer" geworden. Ich fragte damals: Wie soll das gehen, dass ich im nächsten Film wiederauftauche? Die Antwort war: Voodoo! (lacht) Im Film ist alles möglich.

Wie war Ihr erstes Zusammentreffen mit Javier Bardem bei diesem Film?

Javier kam aus dem Make-up-Wagen und war zur Hälfte als Mensch und zur anderen Hälfte als Zombie geschminkt. Er kam gebückt und auf zwei Stöcke gestützt daher – wie ein verkrüppelter Riesen-Shrimp. Und ich kam mit einem Holzbein und Krücken. Diese Szene kostete uns beide eine große schauspielerische Überwindung: Wir mussten aufeinander zugehen, ohne in Gelächter auszubrechen, und gleich darauf eine harte Auseinandersetzung mimen. Niemand hatte mir außerdem gesagt, dass Javier eine schwarze Flüssigkeit aus dem Mund fließen würde, mit der er mich dann beim Reden auch noch anspuckte. Pfui Teufel! Aber das hat mir dann wieder geholfen, die Abscheu vor ihm entsprechend realistisch darzustellen. Ich habe mir dazu noch vorgestellt, wie dieser von Javier gespielte Salazar riechen könnte – wie ein totes Meeresgetier, das in der Sonne vor sich hin rottet. Das sind so die Tricks, die man als Schauspieler anwendet (lacht).

Und wie war die Zusammenarbeit mit Johnny Depp?

Er ist ein Meister im Improvisieren und man kann von ihm viel über das Timing von Pointen lernen. Er hat mir klargemacht, dass ein Gag verpufft, wenn beim Publikum der Groschen zu früh fällt. Wenn Sie den Film noch einmal sehen, achten Sie genau darauf, wie er etwas sagt und wo er Pausen setzt.