Kultur
24.08.2017

Picasso, Baby: Warum HipHop nun statt dicker Goldketten Kunst trägt

Die Liebesaffäre von HipHop und Kunst erzählt viel über die neuen Eliten unserer Zeit.

Die Auftritte beim "V Festival" am Samstag und Sonntag waren die einzigen Europa-Konzerte von Rapper Jay-Z seit langer Zeit, und die Bühnendekoration war symbolträchtig: Das riesige Abbild von Jeff Koons’ Skulptur "Balloon Dog", die ihren Schöpfer 2013 mit einem Auktionspreis von 58,4 Millionen US-Dollar als "teuersten lebenden Künstler" etablierte, war ein Markstein einer Selbstüberhöhung, mit der sich die HipHop-Generation als Elite der Gegenwart behauptet.

Zwar ist der Austausch zwischen der Welt von Rappern und Sprayern und jener von Galeristen und Museumsleuten bei näherem Hinsehen so alt wie die HipHop-Kultur selbst. Bei der Entdeckung von Jean-Michel Basquiats energiegeladener Malerei in den 1980er Jahren, der Bergung von Keith Harings Strichzeichnungen aus der New Yorker U-Bahn oder der Aufwertung diverser "Street Art" waren aber die Rollen meist klar verteilt: eine elitäre Kunstszene holte sich dabei leicht verruchte Kunst als Frischzellenkur von der Straße auf die Wände.

Basquiat statt Adidas

Mit dem Siegeszug des HipHop war dieses Kräfteverhältnis auf Dauer aber nicht haltbar. Zugleich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Rap-Kultur, die sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg in besonderem Maß über äußere Zeichen – Turnschuhe, Autos, Goldketten – demonstriert, die bildende Kunst als Statussymbol entdeckte.

Jay-Z, der sich vom Rapper rasch zum Unternehmer wandelte (Forbesschätzt sein Vermögen aktuell auf 810 Mio. US-Dollar), war auch hier Pionier: In seinen Texten hört man etwa Referenzen an Warhol und Basquiat, von dem er auch Werke besitzt. Der Song "Picasso Baby" von 2013 zog Filmaufnahmen mit Künstlerin Marina Abramović nach sich und beinhaltete mit der Zeile " Jeff Koons balloons, I just wanna blow up" die Vorlage für die aktuelle Bühnen-Deko.

Es greift allerdings zu kurz, in diesen Dingen nur die neureiche Annäherung an etablierten Luxus zu sehen – denn auch die Elite hat sich dem HipHop und seinem Bling-Bling-Materialismus angenähert. Die so genannte "Siegerkunst" pfeift auf Legitimation durch Kritik und Kennerschaft, gefeiert wird, was am Markt funktioniert und mit Geld erreichbar ist.

So kann Damien Hirst in seiner aktuellen Ausstellung in Venedig eine Büste der Rapperin Yolandi Visser ( Die Antwoord) nach Art einer antiken Gottheit präsentieren: er findet damit ebenso Käufer wie der Wu-Tang-Clan, der 2015 ein Album als Unikat auflegte und um kolportierte zwei Millionen US-Dollar an den Unternehmer Martin Shkreli (34) verkaufte.

Kunst ist, was glänzt

Es fällt auf, dass die Grenze zwischen Musik- und Kunstproduzenten, Sammlern und Verkäufern in dieser Welt zusehends verschwimmt. Entsprechend wurden im Vorjahr die Requisiten aus Kanye Wests Video "Famous" – täuschend echte Nachbildungen des Rappers selbst, seiner Frau Kim Kardashian, von Bill Cosby, Donald Trump und anderen, alle in einem riesigen Bett liegend – kurzerhand zu Kunst erklärt und in einer Galerie angeboten. Die neue Elite definiert das, was wertvolle Kunst ist, nun ganz einfach selbst.