Kultur
10.01.2018

Pianist Buchbinder: "Schande, wie mit Kultur teilweise umgegangen wird"

Der Starpianist und künstlerische Leiter des Musikfestivals Grafenegg über seine Pläne, die Rolle der Kultur in Österreich und seine Wünsche an die Politik.

Die unglaubliche Erfolgsgeschichte geht in die nächste Runde. Wenn am 17. August Benjamin Brittens "War Requiem" am malerischen Wolkenturm erklingen wird, geht das Musikfestival Grafenegg in seine zwölfte Saison. Von Beginn an stand das längst zum kulturellen Wahrzeichen avancierte und international renommierte Festival unter der künstlerischen Leitung von Starpianist Rudolf Buchbinder. Und dieser hat auch in Zukunft noch viel vor.

KURIER: Wie erklären Sie sich den Erfolg von Grafenegg?

Rudolf Buchbinder: Ich vergleiche Grafenegg gerne mit einer künstlerischen Karriere. Es ist – wenn man etwas kann – relativ leicht, Erfolg zu haben und an die Spitze zu kommen. Die Kunst aber besteht darin, an der Spitze zu bleiben. Genau das versuchen wir mit all unserer Kraft. Grafenegg hat einen Höchststand an künstlerischer Qualität erreicht, den unsere Besucher zurecht jedes Jahr aufs Neue von uns erwarten.

Sie treten selbst auch immer als Solist auf. Wie kann man sich die Planung des Musikfestivals vorstellen?

Eigentlich war es meine Bedingung für die Übernahme der künstlerischen Leitung, dass ich in Grafenegg nicht selbst spiele. Denn als Intendant besetze ich mich ungern. Aber das Publikum hat das nicht ganz zugelassen. Was die Planung betrifft, so muss man etwa drei Jahre im Voraus Termine machen, um die Besten der Besten nach Grafenegg zu holen. Vor allem die großen Orchester planen extrem früh. Aber was mich wirklich freut, ist die Tatsache, dass jeder, der einmal in Grafenegg war, sofort wiederkommen will. Das gilt übrigens auch für unser treues Publikum.

In Niederösterreich amtiert mit Johanna Mikl-Leitner seit Kurzem eine neue Landeshauptfrau, im Bund gibt es eine neue Regierung . . .

Johanna Mikl-Leitner liebt die Kultur und auch Grafenegg. Sie ist ein echter Glücksfall. Was die Regierung im Bund betrifft, so wird man sehen.

Was wünschen Sie sich von der neuen Regierung?

Das, was ich mir von jeder Regierung wünsche. Dass man endlich begreift, wie wichtig Kunst und Kultur für unser Land sind. Die Kultur ist unser bester Exportartikel. Wegen der Kultur, wegen der Musik kommen die Menschen nach Österreich. Es ist etwa unglaublich beglückend, wenn man in Tokio im Taxi sitzt und im Radio wird ein Wiener Walzer gespielt. Das hat nichts mit Klischees oder Kitsch zu tun, aber mit der klassischen Musik identifiziert man Österreich.

Wo müsste man kulturpolitisch ansetzen?

In den Schulen, bei der Bildung. Es ist ja kein Zufall, dass so viele begabte Pianisten aus dem asiatischen Raum oder aus den östlichen Ländern kommen. Bei uns aber wird immer bei der Kultur, bei den Schulen gespart. Dabei ist Kultur lebensnotwendig.

Befürchten Sie auch weitere Sparmaßnahmen?

Ich hoffe nicht. Das wäre der völlig falsche Weg. Es ist jetzt schon eine Schande, wie mit der Kultur, wie mit unserem kulturellen Erbe teilweise umgegangen wird. Allein die Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler ab einem gewissen Alter immer noch zwischen Musik und Zeichnen wählen müssen, ist absoluter Unfug. Aber was ich mir noch von der neuen Bundesregierung erwarte, ist ein klares Bekenntnis zu Europa und zur Humanität. Man sollte Brücken bauen und nicht Mauern errichten.

Das vergangene Jahr war geprägt von der #MeToo-Debatte, die längst auch die klassische Musik erreicht hat . . .

. . . und das ist in gewisser Weise gut so. Vor allem wenn es in Richtung Pädophilie geht, kann die Strafe nicht hoch genug sein.

Zum Abschluss das vielleicht Wichtigste: Können Sie als großer Fußballfan sagen, wer Weltmeister wird?

(lachend:) Da Österreich, Italien und die Niederlande diesmal nicht dabei sind, leider nein. Aber es soll jene Mannschaft gewinnen, die den attraktivsten und offensivsten Fußball spielt.