Peter Wehle: Genialer Kabarettist mit vielen Karrieren

Die unruhige Kugel
Foto: APA Ein kabarettistischer Reisebericht mit Peter Wehle: "Die unruhige Kugel", im Jahr1965

Peter Wehle, Kabarettist, Schriftsteller, Doppeldoktor, polyglotter Sprachwissenschaftler und Musiker, wäre am 9. Mai 100 Jahre alt geworden. Im KURIER erinnert sich Peter Wehle junior an seinen Vater.

Der Zeitpunkt seiner Geburt war höchst unglücklich gewählt, denn rund zweieinhalb Monate später begann der Erste Weltkrieg. Aber das war – verständlicherweise – Peter Wehle vollkommen egal, als er am 9. Mai 1914 auf die Welt kam.

Der wohlbehütete Sohn aus großbürgerlichen Verhältnissen pendelte als Volksschüler zwischen Marienbad und Wien, bevor er dann in Wien ins Schottengymnasium kam.

Dort machte sich sowohl seine musikalische als auch seine extravagante Sprachbegabung bemerkbar. Seine Mitschüler und die jungen Damen vom Eislaufverein waren ein dankbares Publikum, wann immer er mit seinen Sprach-Parodien oder Chansons übte, wie man elegant-charmant Menschen zum Lachen bringen konnte.

Auch seine Chansons während seines Jus-Studiums, die unter anderem Karl Farkas für sich entdeckt hatte, die aber auch Willi Forst sang, sowie seine Kapellmeisterprüfung ließen alle in seiner Umgebung erwarten, dass er die Anwaltskanzlei seines Vaters übernehmen und in der Wiener Kleinkunst eine immer größere Rolle spielen würde. Was vor allem seinen Vater, der absolvierter Dirigent und Rechtsanwalt war, besonders gefreut hätte.

Chansonsänger

Sein Freundeskreis bestand aus jungen Künstlern, deren Namen zum Teil später einen wundervollen Klang haben sollten – Alexander Steinbrecher, Gert Fröbe oder Curd Jürgens etwa.

Doch es kam anders. Ganz anders.

Zwar lenkte Peter Wehle der Abschluss seines Jus-Studiums, der Eintritt in die väterliche Kanzlei sowie seine musikalischen "Immer-mehr-Berufsschritte" heftigst von der Realität um ihn herum ab, aber die massiven politischen Änderungen konnten selbst die turbulentesten privaten Änderungen nicht ausblenden.

Peter Wehle tat das, was er am besten und am liebsten tat. Er sang ein Chanson ... oder, besser gesagt, ein leidenschaftliches Wiener Lied. In einer kleinen Bar in der Wiener Innenstadt. Vor lauter lieben Freunden.

Nur der Ober, der war ein Nazi.

Weshalb am nächsten Tag um acht Uhr Früh mehrere SA-Leute vor Wehles Tür standen ... sie müssten ihn zur Gestapo auf den Morzinplatz bringen.

Kriegsjahre

Lediglich der bereits auf dem Nachtkastl liegende Einberufungsbefehl rettete ihm wahrscheinlich sein Leben – er musste einrücken, aber nicht zur Gestapo.

Die kommenden Katastrophen-Jahre diente Peter Wehle quer durch Europa ab – in Frankreich, in Stalingrad, in Griechenland, am Balkan.Als Unteroffizier, denn zum Offizier hatte es aufgrund eines seiner Vorfahren Gott sei Dank nicht gereicht.

Den Krieg überlebte er auch dank seiner Sprachbegabung. Am Ende seines Lebens konnte er sich fließend in 17 Sprachen unterhalten. Im Krieg musste er "nur" Französisch, Russisch, Serbokroatisch und Griechisch dolmetschen.

Und Glück – das brauchte und hatte wohl auch jeder, der überlebte.

Viel Glück zum Beispiel, als ihm ein sehr lieber Freund eine offene Feldpostkarte geschickt hatte: "Servus, Pjotr, wie lange wird die Scheiße noch dauern? Dein Fritz Muliar."

Die letzten Kriegstage wurde er noch als Hochverräter "zur sofortigen Erschießung" von der SS gesucht, aber dank der intensiven "Nicht-Nazis" eines Tiroler Bergdorfs überlebte er noch einmal.

Erinnerungen an den Vater

Wehle & Wehle: Der Vater und sein „selber gstrickter Enkel“ beim Musizieren 1970 Wenn der Vater mit dem Sohne: Ein Herz und eine Seele – in glücklichen Tagen 1971 Der Philosoph unter den Kabarettisten privat im Ruderboot mit dem fünfjährigen Sohn Peter Ein Leben mit Klavierbegleitung. Wehle, der geistvolle Blödler und Unterhaltungsmusiker, schusselige Stichwortgeber, der Pointenkünstler und niveauvolle Wienerliederschreiber mit seinem Sohn 1985

Groß in der Kleinkunst

Nach einer letzten kurzen Episode als Jurist im Dienst des noch nicht ganz freien und nicht ganz neuen Österreichs stolperte er endgültig in die Arme der musikalischen Kleinkunst – so zum Beispiel in den Sender Rot-Weiß-Rot in Salzburg.

Hans Moser, Theo Lingen, Albin Skoda und Karl Dönch – einige der Namen, mit denen Peter Wehle in dieser Zeit intensiv zu tun hatte.Und dann rief die weite Welt, vor allem die Bundesrepublik Deutschland. Die Kabarett-Gruppe, die Fred Kraus, Gunther Philipp, Hilde Berndt und Peter Wehle gegründet hatten, hieß "Die kleinen Vier" und brachte in zahlreichen deutschen Bühnen das Publikum zum Lachen.

Aber natürlich gab es auch in Wien Arbeit, die ironischerweise vor allem in Deutschland ein großer Erfolg werden sollte.

Peter Alexander, Anneliese Rothenberger, Paul Hörbiger, Françoise Hardy – sie alle sangen seine Chansons.

Es gab aber auch den Text für ein nicht ganz ernst gemeintes Lied, das für einen singenden amerikanischen Soldaten aus dem Ärmel geschüttelt werden musste. Keiner erwartete, dass dieses Lied auch nur den geringsten Erfolg haben würde. "Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf" – doch, es wurde ein Erfolg.

"Der Guglhupf"

Dazwischen lernte er einen jungen Mann in Wien kennen, der so ähnlich, aber ganz anders komponierte und textete: Gerhard Bronner. Aber noch war die Zeit nicht reif für eine Wiener Kabarett-Fabrik vom Feinsten. Erst als die zwei einander fünf Jahre später in Hamburg wieder trafen, begann eine Zusammenarbeit, die sogar bei Thomas Bernhard als Synonym für Humor genannt wird.

Das Fernsehen trat seinen Siegeszug durch die heimischen Wohnzimmer an, und Kabarett-Flaggschiffe wie das "Zeitventil" oder "Die große Glocke" trugen das Ihre dazu bei.

Jahrzehnte später traten ab Oktober 1978 das wöchentliche Sonntags-Radio-Kabarett "Der Guglhupf" bzw. die Guglhupf-TV-Sendungen das schwere Erbe der "großen Glocke" an, das diese Kabarett-Mehlspeise mit dem "kleinen bisserl Salz" locker-leicht zu stemmen vermochte.

Ende der 50er-Jahre begann der Sprachenkönner und -kenner Wehle mit seinem zweiten Studium – natürlich einem sprachwissenschaftlichen. Dass er sein zweites Doktorat überhaupt fertig machte, war auch seinem – für ihn völlig neuen – Privatleben zu verdanken. Er war inzwischen glücklich verheiratet und strahlender Vater eines "selber gstrickten Enkels", wie er seinen Sohn Peter in Kindertagen vorzustellen pflegte.

Aus diesem Doktorat, das sich Peter Wehle 1974 zu seinem 60. Geburtstag selber schenkte, erwuchs seine letzte Karriere. Schon seine als Buch erschienene Dissertation "Die Wiener Gaunersprache" war ein Erfolg. Aber mit seinem nächsten Buch schuf er einen Bestseller, der auch zum Wieder-Erstarken des Wienerischen im speziellen und der österreichischen Dialekte im allgemeinen beitrug. "Sprechen Sie Wienerisch?" Der Nachfolger "Sprechen Sie Ausländisch?" war vor allem in Deutschland – auch als Taschenbuch – ein großer Erfolg.

Grab im "Ehrenhain"

Am 9. Mai 1986, an seinem 72. Geburtstag, erlitt Peter Wehle zwei Schlaganfälle, an deren Folgen er am 18. Mai 1986 starb.

Sein Grab befindet sich am Wiener Zentralfriedhof im "Ehrenhain", über den er einmal sagte: "Ein schöner Platz, inmitten von wirklich netten Leuten, mit denen ich gerne gearbeitet habe."

Zu seinem 25. Todestag wurde ihm ein Stern der Satire auf dem "Walk of fame of Cabaret" in Mainz gewidmet – eine Ehre, über die sich der praktizierende Katholik irgendwo im Himmel gefreut hat. Aber am meisten hätte ihn gefreut, dass es inzwischen weitere Bücher gibt, deren Autor Peter Wehle heißt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – oder doch? Halb-weit, denn Peter Wehle junior schreibt keine vergnüglichen Sprach-Bücher, sondern Krimis. Aber die hätten dem leidenschaftlichen Hitchcock- und Agatha-Christie-Leser Peter Wehle senior auch sehr gut gefallen.

Und kommt jetzt der typisch österreichische Abschlusssatz nach dem Motto: Seit Peter Wehle tot ist, gibt’s das gute alte musikalisch-politische Kabarett nicht mehr?

Das mag so sehen, wer will. Peter Wehle selber hat so theatralische Nachruhm-Szenarien stets abgelehnt.

"Es gibt immer einen wunderbaren Bühnen-Nachwuchs. Und die, die geglaubt haben, dass sie nach ihrem Tod unersetzlich bleiben werden, haben das Glück, dass sie nicht mehr erleben, wie sehr sie sich geirrt haben."

Ob er sich – bei sich – da nicht geirrt hat? Wenigstens ein bisserl?

Zum Autor

Musikwissenschaftler, Entertainer und Krimi-Autor

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Foto: KURIER/Jeff Mangione

Peter Wehle, der Sohn des 1986 verstorbenen Komponisten, Autors und Kabarettisten Peter Wehle,1967 in Wien geboren, ist Musikwissenschaftler und Psychologe. Er stand vom fünften Lebensjahr an auf Konzertbühnen. Daneben zahlreiche Radio-, TV-Aufnahmen.

… Foto: Verlag Autor
Veröffentlichungen vor allem im Zusammenhang mit Musik und Musikwissenschaft, unter anderem "Theaterstücke für 1 Klavier und 1 Spieler"; außerdem informativ- amüsante Sachbücher: "Sprechen Sie Mozart?", "Haydn, Haydn über alles" und "Gustav Mahler – langsam, schleppend, stürmisch bewegt". "Kommt Zeit, kommt Mord" mit dem liebenswerten Ermittler Hofrat Halb, der dem Bösen in der Welt mit Stil zu Leibe rückt, ist Peter Wehles Debüt als Krimi-Autor.

INFO: Peter Wehle: „Kommt Zeit, kommt Mord“, ein Wien-Krimi. Haymon Verlag. 310 Seiten. 12,95 Euro.

(kurier / Peter Wehle) Erstellt am
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