Kultur
28.02.2015

Die Virtuosin und der Geigendoktor

Wem die Stargeigerin Patricia Kopatchinskaja vertraut.

In einer unscheinbaren Gasse in Wien Hernals erzählen Instrumente Geschichten.

Dem Geigenbauer Marcel Richters vertrauen die größten Künstler ihre wertvollsten Schätze an. Philharmoniker kommen zu ihm, Stars wie Julian Rachlin lassen ihr Instrument hier verarzten. Wenn Patricia Kopatchinskajas Geige zu Gast in der Werkstatt des Geigenbauers Marcel Richters ist, dann erzählt sie ihm, was ihr widerfahren ist in letzter Zeit, welche Töne sie nicht aussprechen konnte.

Jetzt zum Beispiel, bei einem Schumann-Konzert. "Da gibt es einen langsamen Satz. Sehr zerbrechlich, geheimnisvoll, fassungslos. Dazu brauche ich gewisse Zwischentöne, die jedoch die Geige krank gemacht haben", erzählt Kopatchinskaja.

Sanfter Humor

Zeit für einen Check-Up bei Marcel Richters. Heute Abend, wenn Kopatchinskaja im Konzerthaus auftritt, muss die Geige wieder fit sein. Das wird sie. Mit sanftem Humor, gewissenhaft und zart horcht der Meister in das Instrument hinein. Analysiert, wägt ab, überlegt. Und lacht viel. "Im Winter ist die Geige immer furchtbar bockig", sagt Richters, launiger Psychologe für Künstler und Instrument zugleich. "Die Geigen haben ihre Phasen – genau wie die Menschen."

Auch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, 1977 in Moldawien geboren, spricht von ihrem Instrument wie von einem Menschen. Sagt tatsächlich, die Geige könne Töne "aussprechen". Könne spüren, fühlen, krank werden. "Das Instrument lebt, es spricht, es hört zu. Manchmal gibt es auch Ratschläge, wie man diese oder jene Stelle zu spielen hat."

Kopatchinskaja hat ein ganzheitliches Konzept von Musik. Und zu ihrem Instrument eine Beziehung: Die Geige gehört seit 15 Jahren zu ihr wie ein Lebenspartner. "Diese Geige ist meine Seele."

Dunkle Seele

1834 in Turin von Giovanni Francesco Pressenda gefertigt, vereint sie mehrere Welten, schwärmt Kopatchinskaja: "Sie hat eine dunkle Seele. Und sie ist auch sehr neugierig. Spielt moderne Sachen, aber auch Barock oder Renaissance. Sie ist offen für alles."

Um nichts in der Welt würde die Künstlerin ihre Geige eintauschen, auch nicht gegen eine Stradivari. "Ich habe etwas gegen Markenkult. Und ich glaube, Stradivaris sind überschätzt. Nur einzelne sind unübertrefflich."

Außerdem sind nur die wenigsten Künstler selbst Eigentümer eines derartig teuren Instruments. Banken etwa besitzen Stradivaris, die Millionen wert sind. "Wenn die Bank pleite geht, ist auch der Künstler sein Instrument los. Das wäre, als würde man mich amputieren. Niemand kann sich vorstellen, was das für einen Künstler bedeutet. Meine Geige ist wie ein Kind, wie ein Teil von mir. "

Leise Töne

Marcel Richters, der vor mehr als 30 Jahren an der Welsh School of Violinmaking and Repair in Großbritannien lernte, ist der Arzt dieses für sie unschätzbar teuren Instruments. "Er liebt diese Geige und er war es auch, der mich mit ihr zusammen gebracht hat. In seinen Händen ist sie zuhause. Mit mir macht sie die strapaziösesten Abenteuer durch. Bei ihm kommt sie zur Ruhe."

Der Geigendoktor pflichtet bei. "Bei Patricia muss die Geige extrem belastbar sein. Sie spielt wie keine andere.Die Geige muss schreien, grölen und doch die leisesten Töne spielen können."

Kennengelernt haben Kopatchinskaja und Richters einander in Wien, wo sie Komposition und Violine studierte. Seit vielen Jahren ist nun Bern ihr Lebensmittelpunkt und bei rund 100 Konzerten, die sie jährlich spielt, ist es nicht immer einfach, den Kontakt zu Richters aufrecht zu halten.

Doch vor jedem Wien-Konzert führt der erste Weg in die Hernalser Werkstatt des Meisters. "Ich gebe meine Geige sonst niemandem. Ich vertraue nur ihm. Er hat einen Horizont und ein Wissen, das nur sehr wenige Menschen auf dieser Welt haben.Und nur er darf meine Geigen halten. Denn um eine Geige gibt es eine Aura wie um einen Menschen. Man will ja nicht von jedem umarmt werden."

Wieder in Wien

Musikerfamilie Patricia Kopatchinskaja (*1977 in Chisinău) stammt aus einer moldawischen Musikerfamilie. Mit 13 kam sie nach Österreich, studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und am Konservatorium in Bern, wo sie heute mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt.

Konzerthaus In der Saison 2014/2015 spielt sie vier Mal im Konzerthaus. Heute tritt sie mit dem NDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock mit Werken von Sofia Gubaidulina und Gustav Mahler auf.