Kultur
01.09.2017

Pastor mit Sprengstoffgürtel

Höhepunkte im Wettbewerb mit Guillermo del Toros "The Shape of Water" und Paul Schraders "First Reformed".

Das Filmfestival von Venedig hat seine Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Großräumig wird das Gelände rund um den Kinopalast von der Polizei kontrolliert. Carabinieri durchwühlen die Rucksäcke von Journalisten oder blicken hoch zu Ross auf die Menge hinunter. Betonbarrieren auf der Strandpromenade sollen Lastwagen-Attacken verhindern. Während der Eröffnungsgala waren Männer auf Dächern zu beobachten – Scharfschützen, glaubt man den Angaben von lokalen Medien.

Bislang treiben sich potentielle Terroristen in Venedig allerdings nur in den Filmen herum. In Paul Schraders Wettbewerbsbeitrag "First Reformed", beispielsweise, nehmen sie ausgerechnet die Gestalt eines protestantischen Pastors an. Schrader, als Drehbuchautor von " Taxi Driver" und "Die letzte Versuchung Christi" ein langjähriger Kollaborateur von Martin Scorsese und Regisseur von "Ein Mann für gewisse Stunden" und "Der Trost von Fremden", hat in "First Reformed" alle seine Leidenschaften gepackt – vom Hang zur Transzendenz bis hin zur Sehnsucht nach Erlösung.

Mit puritanischer Strenge erzählt der Regie-Veteran in kaltem Licht von den Zweifeln eines ehemaligen Militärpfarrers, der seinen Sohn im Irakkrieg verlor und sich nun als Betreuer einer kleinen Gemeinde mit Schuldgefühlen abquält. Die Situation spitzt sich zu, als eine junge Frau (Amanda Seyfried) seine Hilfe sucht: Ihr Mann hat sich dem radikalen Umweltaktivismus verschrieben und droht nun, an einer Depression zu verzweifeln. Ethan Hawke ist wie geschaffen für die Rolle eines geprüften Mann Gottes, der ins Tagebuch kritzelt und Blut pinkelt. Mit gefurchter Stirn führt er lange Debatten darüber, ob Gott uns die Zerstörung der Umwelt vergeben kann oder nicht, und Schrader inszeniert diesen Konflikt in größter formaler Klarheit. Dann wieder greift er tief in die B-Movie-Kiste und lässt den verzweifelten Pastor mit dem Sprengstoffgürtel liebäugeln.

Ethan Hawke verwandelt noch die verrücktesten Emotionsschübe seines Helden zur anspruchsvollen Charakterstudie, und selbst bei den absurdesten Bildern (ein Paar fliegt durch die Luft) wagt kaum jemand zu lachen. Kein Zweifel: Schrader versteht es immer noch, sein Publikum in Bann zu schlagen.

Meermann

Gleiches gilt für den Mexikaner Guillermo del Toro, mit Arbeiten wie "Pan’s Labyrinth" und "Pacific Rim" ein Stern am Himmel Hollywoods. Mit seinem hypnotischen Wettbewerbsbeitrag "The Shape of Water" gelang del Toro ein magisches Märchenjuwel für Erwachsene, das stilistisch zwischen Minnelli-Musical und Noir-Krimi düster auf dem Meeresgrund funkelt. Zwar spielt sein Kalte-Kriegs-Melodram in einem amerikanischen Betonbunker, fühlt sich allerdings an wie unter Wasser. Dort, im Hochsicherheitstrakt für Weltraumforschung, arbeitet Sally Hawkins als Putzfrau Elisa. Wissenschaftler haben ein seltsames Monster – eine Art Meermann – aus dem Wasser gezogen und halten es nun in einem Tank gefangen. Die Erforschung seines Organismus soll für wissenschaftliche Zwecke – und dass es sich bei dem Leiter des Experiments um einen Sadisten handelt (für Michael Shannon eine Parade- Rolle) ist sein Pech.

Del Toros Fischmann ist von unglaublicher Schönheit und sollte, wie der Regisseur im KURIER-Interview erzählt, "den Körper eines Schwimmers und den Hintern eines Stierkämpfers" haben. Elisa verliebt sich umgehend in den "sexy Fisch" (Del Toro) – und die anschließenden Liebesszenen (inklusive eregierbarer Kiemen) ist schlicht umwerfend: "Ich wollte, dass sich die beiden verlieben und Sex miteinander haben", strahlt del Toro: "Ich bin Mexikaner."

Doch auch wenn "The Shape of Water" in der Vergangenheit spielt, handelt es doch von der Gegenwart , von einem Amerika, "das wieder groß sein will".

Im Wettbewerb von Venedig bildet "The Shape of Water" jedenfalls einen ersten Höhepunkt in einem bislang starken Line-up.