Kultur
16.01.2013

Süßer die Glocken nie klangen

Dass Techno viel mehr sein kann als Tanzmusik, beweist der Soundtüftler Pantha Du Prince auf seinem neuen Album "Elements of Light".

Mozart, Bach, Liszt und Schubert. Mit Werken dieser Komponisten musste sich Hendrik Weber alias Pantha Du Prince als Jugendlicher auseinandersetzen. Gezwungenermaßen. Denn Seine Mutter ist eine passionierte Klavierlehrerin, die keinen Tag ohne klassische Musik auskommt. Mit ähnlicher Konsequenz agiert der Hamburger auch als Produzent elektronischer Musik, die ihm seit seinem Album "The Bliss" (2007) Lobeshymnen der Kritik einbringt.

Nun erscheint sein viertes Werk: „Elements of Light“. Eine über 43 Minuten anhaltende Klangwolke mit ausgetüftelten, sphärischen und sakralen Sounds. Fünf miteinander verwobene Teilen umfasst die Platte, jeweils benannt nach einem physikalischen Phänomen, das an der Entstehung von Licht beteiligt ist: "Waves", "Particle", "Photon", "Spectral Split" und "Quantum".

Für sein Vorgängeralbum "Black Noise" machte er noch Feldaufnahmen in den Schweizer Alpen, näherte sich mit seinem Rekorder grasenden Kühen auf der Alm und fing das Rauschen eines Baches, das Summen von Bienen und Zirpen der Grillen ein. Danach wurden die Aufnahmen mit Effekten belegt, verfremdet, zerstückelt und neu zusammengeklebt. So entstand eine elektro-akustische Musik, die die Frankfurter Rundschau als „Autorentechno“ beschreibt.

Auch für sein neues Album „Elements of Light“ ließ sich der Soundtüftler wieder etwas Spezielles einfallen: Das Album wurde live eingespielt. Die Idee dazu entstand im Sommer 2010, als Weber in Oslo das weltberühmte Glockenspiel, auf dem wechselnde Instrumentalisten mehrmals am Tag ein Konzert geben, hörte. Er war beeindruckt, wie sich die Frequenzen und Töne im Raum entfalten, aufeinander einwirken und sich zu einem öffentlichen Klangereignis vereinen. Er entschied daraufhin, dem Glockenwerk ein musikalisches Experiment zu widmen. Unterstützt wurde er dabei von dem renommierten norwegischen Komponisten Lars Petter Hagen und sechs Instrumentalisten unterschiedlichster künstlerischer Herkunft.

Weber besorgte sich für die Studioaufnahmen ein Glockenspiel, das mit fünfzig metallenen Glocken ausgestattet ist und dem in Oslo sehr nahe kommt. Dass bei so einem rießigen Instrument nicht alles nach Plan und Takt läuft und oftmals die Willkür das Tempo vorgibt, versteht sich. Und so verlaufenden sich die Melodien im Nirvana, bimmeln die Glöckchen mal lauter, mal leiser. Dazu rasselt, klopft und rattert es im Hintergrund: Marimbafon, Vibrafon, Tubular Bells, Clicks und Claps - alles vermischt sich. Weber selbst gibt dabei den Dirigenten, fährt künstliche Sounds aus dem Laptop hoch und blendet die Bassdrum ein - und wieder aus. Daraus entsteht sakrale Technomusik, die berührt und eine romantische wie beruhigende Atmosphäre erzeugt. Demnächst in der Hornbrillen-Disco.
(Marco Weise)

KURIER-Wertung: **** von *****

Weitere CD-Kritiken im Überblick:

Backyard

Im schwedischen Exil hat die Schweizerin Fiona Daniel „Backyard“ geschrieben, dafür Geräusche, die sie in der Stockholmer U-Bahn aufgenommen hat, mit spartanisch eingesetzten Instrumenten verwoben. So geschickt , dass man von den zarten Songs sofort in eine verträumte, melancholische aber immer hoffnungsvolle Welt versetzt wird. Dazu Fionas eindringliche Stimme und ihre reflektiven Texte – einfach schön!

KURIER-Wertung: **** von *****

Der ganz normale Wahnsinn - live

Das zigste Konzertalbum von Udo Jürgens bietet das Übliche auf hohem Niveau: Vorneweg die aktuellen Schlager, textlich sehr nah am altersmilden Weltverbesserungskitsch gebaut, musikalisch aber ungemein clever gestaltet. Und hinten raus kommen dann die großen und die ganz großen Hits. Begleitet vom Pepe-Lienhard-Orchester, das gelegentliche Ausflüge in den Jazz unternehmen darf. (Guitar)

KURIER-Wertung: **** von *****

SoSoSo

Hans Söllner ist eine Art Ikone der Gegenkultur. Ständig im Streit mit den Behörden, wird der bekennende Kiffer und deutsche Meister im Aufmüpfigsein vor allem von Freunden alternativer Lebensformen verehrt. Sein neues Album gefällt seinen Fans besonders, hat es doch endlich wieder so richtig scharfe Texte zu Themen wie Marihuana-Konsum, Sexualität, Politik und Kleingeistigkeit.

KURIER-Wertung: **** von *****

Filmmusik

Local Heroes“ heißt ein neuer Spielfilm von Henning Backhaus. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines Nachwuchsmusikers, der vom Durchbruch träumt – und angesichts der österreichischen Realitäten erkennen muss, dass das so nichts wird. Der Soundtrack dazu ist ein schönes Abbild jener österreichischen Musik, die auf FM4 zu finden ist: Vitaler Indie-Pop und -Rock, zwischen heftig und vernebelt. Als musikalischer Leiter fungierte Hans Wagner von der Band Das Trojanische Pferd. (Guitar)

KURIER-Wertung: **** von *****

Bulbulreal

Das Gegenstück zum grüblerischen Vorgänger „Schwunder“. Nino aus Wien ist jetzt (auch) eine Band, das neue Album wurde in nur wenigen Tagen in Skopje aufgenommen, die Musik rockt und drängt, die Gitarre macht Lärm, der Sound ist beeinflusst vom Psychedelic-Rock der Sechzigerjahre. Geblieben sind die assoziativ fließenden Texte und der eigentümliche, fast privat klingende Vortrag. Das vierte Album des merk-würdigen, des Merkens würdigen Liedermachers ist sein stärkstes. (Guitar)

KURIER-Wertung: **** von *****

"No Beginning No End“

Sein geschmeidiger Bariton erinnert an den jungen Marvin Gaye. Zwischen verschiedenen Styles von breit ausgewalzten Balladen bis zu fast schon funkigen Nummern hat José James seine neue Song-Collection auf „No Beginning No End“ angesiedelt, etwa im Duett mit der R-&-B-Sängerin Emily King oder – in einem Song gegen sinnlosen Hass – mit der französisch-marokkanischen World-Pop-Stimme Hindi Zahra. (Ros)

KURIER-Wertung: **** von *****