Mann auf einem roten Teppich

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Kultur | Oscar
02/26/2017

Warum der Teppich rot ist

Rot ist die Farbe der Götter, der Mächtigen und der Attraktiven. Logisch, dass der Carpet red ist. Ein Blick in die Vergangenheit.

Man könnte meinen, Agamemnon, König von Mykene, war neurotisch wie der TV-Detektiv Monk oder hatte Mysophobie – also Angst vor Bakterien und Erregern. Nach seiner Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg sollte er auf keinen Fall den Boden berühren – seine Frau bestand darauf, ihm einen Teppich auszurollen. Ihr Mann habe immerhin gekämpft und sich einen gebührenden Empfang verdient. Weil sie ihren Mann so vergötterte, bestellte sie den Stoff in den Farben der Götter: Rot. Diese Geschichte und vermutlich früheste Erwähnung eines roten Teppichs stammt aus der Feder von Aischylos, der die griechische Tragödie über den Heerführer und König verfasste.

Göttlich

Bis heute hat die Farbe der Götter ihren Status als exklusiv und wertvoll erhalten, erklärt Farbexpertin, Stil- und Imageberaterin Claudia Schober. Den Mächtigen dieser Welt rollt man nach wie vor den roten Teppich aus – ein paar Mal im Jahr auch den Reichen und Schönen. Zum Beispiel, wenn in Los Angeles die Oscars an die besten Schauspieler, Filme und Produzenten verliehen werden.

Mühsame Herstellung

Wie keine andere Farbe ist Rot untrennbar mit dem Leben verbunden. Es ist die Farbe des Bluts, das bei der Geburt, Verletzungen und Tod fließt. Kämpfen und Krieg sind wiederum mit Macht und Herrschaft verbunden. Die Farbe künstlich herzustellen, kostete ein Vermögen, berichtet Schober. "Der Aufwand war groß – das bestimmte den Preis und erhöhte den Status der Farbe." Um ein einziges Gramm Purpurrot herzustellen, mussten Tausende Schnecken ihr Leben lassen. Die Tiere wurden zerquetscht, in Salz eingelegt und in Wasser eingedickt. Während dieser Prozedur schöpfte man alle anderen Teile ab, sodass nur mehr die reine Farbe übrig blieb. Leisten konnten sich das nur die Mächtigen. So trugen etwa die Senatoren in Rom eine Toga mit Purpurstreifen.

Ab dem 11. Jahrhundert stattete die römisch-katholische Kirche ihre Würdenträger mit purpurfarbener Kleidung aus. Paul II. führte den "Purpurmantel" als Kleidungsstück für Kardinäle ein. Dabei ging es um die Symbolik der geistlichen Macht, erklärt Expertin Schober: "Die Farbe Purpur ging ins Violette, die Farbe des Fastens. Dabei ist der Körper Nebensache, man ernährt den Geist."

Politisch

Mit Macht und Ansehen verbunden, war Rot auch immer eine politische Farbe. Sie gilt als Symbol der Revolution. Beim Aufstand in den Lyoner Seidenfabriken wehten 1834 erstmals rote Fahnen von den Dächern. Später besiegten sardisch-französische Truppen bei der Schlacht von Magenta am 4. Juni 1859 die Österreicher in roten Uniformen. Kein Zufall. Sie wurden dafür von der Textilfirma "Balsan" ausgestattet – die Farbe wählte man bewusst.

Sport

Auch heute spielt die Farbe in Duellen eine Rolle – aber nur in sportlicher Hinsicht: Bei Olympia 2004 in Athen machte sie etwa den kleinen Unterschied: Sportler in roter Kleidung siegten beim Boxen, Taekwondo und Ringen öfter als ihre Konkurrenten in anderen Tönen. Russel Hill und Robert Barton von der University of Durham werteten die Duelle aus und kamen zum Schluss, dass Rot erfolgreich macht.

Reizend

Aber nicht nur das. Rot wirkt sexuell attraktiv – gut zu beobachten in der Natur: Wenn weibliche Schimpansen oder Paviane fruchtbar sind, zeigen sie ihre Paarungsbereitschaft mit roten Hinterteilen (in der Eisprungphase schüttet ihr Körper Östrogene aus, die den Blutfluss in Körperregionen aktivieren). Die Männchen reagieren auf diese Signale. Ähnliches Verhalten konnten US-Psychologen bei Männern nachweisen: Sie bewerteten Fotos von Frauen mit roter Kleidung als attraktiv und sexuell reizvoll.

Lebensfreude

Die Farbexpertin wundert dies nicht: "Rot wird mit Glück und Lebensfreude assoziiert." Für den "Red Carpet" kann sie sich aber nichts Schlimmeres vorstellen, als ein rotes Kleid. Besser sei Schwarz. Vielleicht hat dies auch Papst Franziskus beherzigt. Er brach mit der päpstlichen Tradition, rotes Schuhwerk zu tragen.