Kultur
10.06.2017

Stefan Ruzowitzky: "Habe noch nie zweite Staffel geschafft"

Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky dreht für Sky eine Serie und denkt über die Krise des Kinos nach.

Ist das Kino in der Krise? Verlassen wir überhaupt noch unsere bequeme Couch, um ins Kino zu gehen? Oder bleiben wir dank Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon oder Sky Ticket lieber zu Hause?

Braucht es ein Blockbuster-Spektakel in 3D, um uns noch in die Lichtspielhäuser zu locken? Oder schauen wir lieber eine neue Serien-Staffel auf dem Computer?

Der Wiener Regisseur Stefan Ruzowitzky hat in seiner profilierten Filmkarriere bereits große Vielseitigkeit bewiesen und verschiedene Formate bedient. Zuletzt setzte er in seinem famosen Thriller "Die Hölle" Tobias Moretti auf die Spuren eines Frauenmörders. Derzeit arbeitet er an einer Katastrophen-Serie für Sky unter dem Titel "Acht Tage", in der ein Meteorit auf die Erde zurast. Erzählt wird aus dem Leben einer Berliner Familie angesichts der drohenden Katastrophe.

Dabei ist Stefan Ruzowitzky selbst, wie er sagt, kein großer Serien-Fan.

Ein Gespräch mit dem Oscar-Preisträger und ROMY-Gewinner über die Krise des Kinos und warum die Europäer ein Problem mit der Unterhaltung haben.

KURIER: Herr Ruzowitzky, gehen Sie selbst überhaupt noch ins Kino?

Stefan Ruzowitzky: Auf jeden Fall! Früher, als Junggeselle und Student, war das natürlich einfacher. Hat man einmal Familie, muss man bewusst darum kämpfen, dass man noch ins Kino kommt. Aber ich mache es sehr gerne, weil Filme im Kino einfach toller wirken. Ich merke, wie mich Filme, die mich im Fernsehen langweilen, im Kino faszinieren, einfach, weil der Eindruck großartiger ist.

Kürzlich startete "Fast & Furious 8" im Kino und legte einen Rekordstart an den Kinokassen hin. Die Kinobetreiber jubeln, aber gleichzeitig kündigt sich auch eine Krise an: Die Studios werfen immer mehr Geld auf wenige Riesenproduktionen, kleinere Filme haben keine Chancen. Es kommt zur Stoffverengung. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Das ist tatsächlich problematisch. In Hollywood geht es um "Brand", also um die Marke. Wenn ich keine Marke habe, ist es ganz schwierig, einen Film ins Kino zu bringen. Die Marke kann alles mögliche sein – "Fast & Furious", ein Star oder auch LEGO. Aber ich brauche irgendetwas, das die Leute kennen. Wenn ich einfach komme und sage, ich will einen tollen Film machen, wird gezögert. Stars oder bekannte Regisseur können es zwar schaffen, sich zu einer Marke aufzubauen, aber das Angebot verengt sich. Wir alle schimpfen immer über die "Sequel-Unkultur", aber letztlich sind wir das Publikum, also diejenigen, die dafür verantwortlich sind, weil wir zu wenig Vertrauen haben, etwas Neues auszuprobieren.

Außerdem gibt es Berechnungen, die besagen, dass es kommerziell mehr Sinn macht, einen 100- bis 200-Millionen-Dollar großen Film ins Kino zu bringen, als viele kleine Filme. Gerade mittelgroße Filme, wie sie früher Martin Scorsese oder Quentin Tarantino gemacht haben, fallen immer mehr weg. Das ist schade.

Gehen Menschen nur noch für Blockbuster-Großereignisse ins Kino, während sie sich "kleinere" Film zu Hause ansehen?

In Amerika ist es tatsächlich so, dass sehr viele Filme nur noch über Video-on-Demand-Plattformen wie iTunes, Amazon oder Netflix laufen. Das sind mittelgroße Filme, wo oft auch Stars mitspielen. Ein berühmter Fall war Steven Soderberghs Liberace-Film "Behind the Candelabra": Soderbergh, selbst ein "A-List"-Regisseur, hatte "A-List"-Schauspieler wie Michael Douglas und Matt Damon zur Verfügung, und trotzdem konnte er den Film nichts fürs Kino produzieren, sondern musste ihn ins Fernsehen bringen. Mir ist so etwas auch einmal mit meinem Thriller "Cold Blood" passiert: Der Verleiher hat mir vorgerechnet, dass ich mit dem Film im Kino 1,50 Dollar verdienen muss, um denselben Profit zu erzielen wie bei einem Dollar im Streamingdienst. Im Kino muss ich hohe Werbekosten zahlen, dem Kinobesitzer Geld geben, etc., während auf VoD der Film gespielt wird und das Geld eins zu eins zurückkommt. Dagegen ist schwer zu argumentieren, aber ich finde es bedauerlich. Man muss aber dazu sagen, dass alles in einem aberwitzig schnellen Wandel begriffen ist – und was vor drei Jahren gegolten hat, gilt heute längst nicht mehr. Die Plattformen und Medien, wo Content präsentiert wird, ändern sich so schnell – man kann vielleicht sogar darauf hoffen, dass es sich irgendwann zum Kino zurück dreht.

Zur Zeit aber sind Serien die große Sache. Das habe ich gemerkt, als ich im letzten Jahr aus heiterem Himmel plötzlich mehrere Angebote für deutschsprachige Serien bekommen habe.

Sind Sie selbst ein Serien-Fan?

Nicht so sehr. Es gibt viele Serien, wo ich nach ein paar Folgen das Gefühl bekomme, es verstanden zu haben. Wenn zu horizontal erzählt und eine Figur noch und nöcher erklärt wird, verliere ich leicht das Interesse. Für manche Leute hat es einen Reiz, jemanden wie Don Draper (aus der Serie "Mad Men") über Jahre wie einen Freund oder einen Nachbarn zu begleiten, aber das ist nicht so mein Fall. Auch bei Serien, die ich sehr mochte – "Gomorrah" oder "Stranger Things" – habe ich eigentlich nie eine zweite Staffel geschafft. Außerdem finde ich die Herausforderung immer noch faszinierend, eine Geschichte zu verdichten und in anderthalb Stunden mit komplexen Figuren zu erzählen. Das ist eine große Kunst.

Sie drehen jetzt für Sky gemeinsam mit Michael Krummenacher, die Serie "Acht Tage".

Ja, und diese Serie ist nicht so horizontal erzählt: Ich muss nicht eine Situation endlos beackern. Es handelt von den letzten acht Tagen, bevor ein Komet Deutschland zerstört – und da geht es mit einer "ticking clock" immer hochdramatisch voran. So ein Konzept finde ich spannend. Da könnte man jede Folge einzeln herausnehmen und ins Kino bringen.

Es gibt diese mittlerweile schon etwas abgedroschene Weisheit, dass Fernsehen heute das bessere Kino ist. Dabei ist aber eigentlich fast immer "High-End"-Fernsehen gemeint, also aufwendige Produktionen aus dem amerikanischen Raum. Gibt es überhaupt Bedarf an deutschsprachigen Serien?

Ich glaube schon. Serien und die neue Art des Fernsehens – wo ich nicht mehr am Sonntag um 20.15 Uhr vor dem Fernseher sitze, sondern mir einen Schuber kaufe und übers Wochenende eine Serien-Staffel reinziehe – ändern das Rezeptionsverhalten. Dafür braucht man Inhalte. Und da gibt es sicherlich auch Bedarf an Inhalten, die in unserer Kultur spielen. Meine TV-Serie "Anatomie" war damals in Deutschland erfolgreicher als die internationalen Teenie-Horror-Filme "Scream" und "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast". Warum? Weil es vor der Haustür gespielt hat. Die Leute haben deutsche Gesichter gesehen, die deutsch gesprochen haben – und der abgeschnittene Kopf war in einer Aldi-Tüte.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt: "Den europäischen Film tut man sich an."

Wirklich? (lacht). Ich finde, bei uns ist die Wertschätzung für Unterhaltung verloren gegangen. Ich bekomme immer Anfälle, wenn bei Kinoveranstaltungen nicht mehr gesagt werden darf "Gute Unterhaltung!", sondern: "Gute Projektion!". Da geht es nur darum, das böse Wort Unterhaltung nicht in den Mund zu nehmen. Ich finde das schade. Und es fasziniert mich immer, wie ernst Unterhaltung in Amerika genommen wird. Hier bei uns sind Künstler immer noch Paradiesvögel, die auch ein bisschen schlimm sein dürfen, aber man nimmt sie nicht ernst. Das finde ich schwierig, und ich glaube, wir haben immer noch ein elitäreres Kunstverständnis als die Amerikaner. Bei einem Massenmedium wie dem Kino ist es besonders schlimm, wenn man nicht dazu steht, dass man etwas für ein breites Publikum machen möchte.

Sie glauben, dass das ein Problem des europäischen Films ist?

Ja, das glaube ich schon. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es noch ein europäisches Blockbuster-Kino gab – was es heute nicht mehr gibt. Man denke nur an Jean-Paul-Belmondo-Action-Filme, an Alain-Delon-Action-Filme, an Filme mit Bud Spencer und Terence Hill... Das hat man sich im Kino angeschaut. Aber meine Kinder würden nie in einen Nicht-Hollywoodfilm gehen, wenn sie nicht von Eltern oder Lehrern dazu gezwungen werden. Spaß im Kino ist gleichbedeutend mit amerikanischen Filmen.